Verschiedene Tageszeitungen an einem Nachichtekiosk in Großbritannien | Bildquelle: REUTERS

Britische Tageszeitung "Independent" "Opfer der digitalen Revolution"

Stand: 12.02.2016 21:24 Uhr

Vielfalt gibt es auf dem britischen Zeitungsmarkt nicht unbedingt. Die meisten Blätter sind konservativ und euroskeptisch. Eine Gegenstimme dazu war schon immer der "Independent". Damit ist es aber bald vorbei - zumindest auf Papier.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Der "Independent" ist neben dem "Guardian" so ziemlich die einzige linksliberale Stimme im konservativen britischen Blätterwald. 1986 gegründet war die Zeitung zunächst ein Riesenerfolg. Vier Jahre nach der Gründung hatte sie bereits eine Auflage von 423.000 Exemplaren und übertrumpfte damit sogar Rupert Murdochs "Times".

Der "Independent" ist frech, innovativ und ein bisschen links - aber diese Mischung ist kein Rezept für einen dauerhaften Erfolg. Gegründet wurde die Zeitung von einer Gruppe engagierter Journalisten, doch als die Auflage fiel, ging sie durch die Hände mehrerer Investoren. 2010 kaufte der Russe Alexander Lebedew, ein Putin-Gegner, den "Independent" für einen Pfund - aber auch der Oligarch konnte den Abstieg nicht aufhalten. Das Blatt machte immer mehr Verlust.

Lebedew Junior kündigte jetzt an, dass die letzte Druckausgabe des "Independent" am 26. März erscheint, der letzte "Independent" on Sunday am 20. März.

Ein Anlass zum Trauern, sagte der frühere Chefredakteur Ian Burrell: "Es ist ein sehr trauriger Tag. Der "Independent" war ein wichtiger Teil meines Lebens. Hier hatte ich kurz nach der Gründung meine erste Schicht als Redakteur einer nationalen Zeitung und habe 13 Jahre dort gearbeitet", erzählt Burell. Es sei immer eine brillante Zeitung gewesen, sehr innovativ. "Der "Independent" hat Themen aufgegriffen, die andere vernachlässigt haben", findet er und merkt an, dass viele talentierte Journalisten dort groß geworden sind.

Kleiner Bruder auf der Überholspur

Der "Independent" hatte zuletzt einen kleinen Bruder, kurz "I" genannt, bekommen - eine Kurzausgabe, die nur 20 Pence kostete. Vor allem beim jüngeren Publikum und an den Universitäten kam das gut an. Das kleine "I" erreichte so eine Auflage von zuletzt 268.000, während der "Independent" zuletzt nur noch 40.000 Exemplare verkaufte.

Eine der letzten Ausgaben der Tageszeitung Independent | Bildquelle: dpa
galerie

Der Independent und sein kleiner Bruder - genannt "I"

Die Redakteure des "Independent" arbeiteten auch für das "I" - das schien ein Erfolgsmodell zu sein, bis jetzt. Denn die Lebedews haben das kleine "I" verkauft und lassen den großen "Independent" nur noch online erscheinen. Sogar die Konkurrenz trauert - Beth Rigby, Medienredakteurin bei der Times: "Wirklich ein trauriger Tag. Der Verlust einer nationalen Zeitung, die es 30 Jahre lang gegeben hat. Es ist das erste Opfer der digitalen Revolution."

Profitieren die EU-Gegner vom "Independent"-Ende?

Und was die Eigentümer jetzt als Zukunftsmodell verkauften, sei in Wahrheit ein Sparprogramm, so Rigby: "Sie streichen mehr als hundert Arbeitsplätze und lassen die Online-Ausgabe nur noch von 25 Redakteuren machen", erklärt sie. Mit so wenigen Leuten könne man online nicht mehr das machen, wofür der "Independent" stand. "Dafür müsste man viel mehr in die Redaktion investieren", findet die Medienredakteurin von der Konkurrenz.

Für die Vielfalt der britischen Presselandschaft ist das Ende des linksliberalen und europafreundlichen "Independent" ein großer Verlust. Fast alle anderen Blätter sind konservativ und euroskeptisch - und so könnte das Aus für den "Independent" kurz vor dem Referendum auch noch die EU-Gegner stärken. Zumal die andere europafreundliche Stimme im britischen Blätterwald, der "Guardian", ebenfalls kurz vor einem Sparprogramm und Kürzungen im redaktionellen Bereich steht.    

Independent goes digital - das Aus für die britische Zeitung
J.-P. Marquardt, ARD London
12.02.2016 20:34 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief am 14. Februar 2016 um 20:58 Uhr auf NDR Info.

Darstellung: