Flüchtlinge versuchen, in Richtung mazedonische Grenze zu gelangen. | Bildquelle: AP

Flugblatt in Flüchtlingscamp Wer steuerte die Flucht aus Idomeni?

Stand: 15.03.2016 15:18 Uhr

Es sind dramatische Szenen gewesen: Etwa 1000 Flüchtlinge aus Idomeni haben versucht, über einen reißenden Fluss von Griechenland nach Mazedonien zu gelangen. Laut Athen wurde der Exodus durch ein anonymes Flugblatt ausgelöst. Die Verfasser bezeichneten sich als "Kommando Norbert Blüm".

Die Flucht von mehr als 1000 Menschen aus dem griechischen Lager Idomeni in Richtung Mazedonien ist offenbar eine organisierte Aktion gewesen. In dem Flüchtlingslager sollen zuvor Flugblätter verteilt worden sein, welche die Menschen zur Flucht aufgerufen hatten. Auf dem Flyer, welcher auch in den sozialen Netzwerken kursiert, ist eine Skizze zu sehen, welche den Wegs entlang der Grenze beschreibt, der zu der Stelle führt, wo eine Lücke im Grenzzaun ist.

Auf arabisch heißt es in dem Flyer, dass das Lager in Idomeni bald evakuiert werden solle und die Flüchtlinge, die sich in Griechenland aufhielten, möglicherweise in die Türkei zurückgeschickt würden. Wenn kleine Gruppen versuchten, die Grenze nach Mazedonien zu überwinden, würden sie von der Polizei gestoppt - nicht so bei Tausenden. Wer hinter der Flugblatt-Aktion steckt, ist bislang noch unklar. Unterzeichnet wurde der Flyer mit "Kommando Norbert Blüm".

Lage an der mazedonischen Grenze nach der Flugblattaktion
tagesschau 20:00 Uhr, 15.03.2016, Julian von Löwis, ARD Athen

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Norbert Blüm distanziert sich

Der ehemalige deutsche Arbeitsminister hatte am Wochenende eine Nacht in dem provisorischen Flüchtlingslager verbracht und die schlechten Zustände als "Anschlag auf die Menschlichkeit" bezeichnet. Blüm bestritt jedoch, mit der Aktion etwas zu tun zu haben. "Ich habe erst im Nachhinein von diesem Flugblatt erfahren", sagte der 80-Jährige der "Bild"-Zeitung. "Die Aktion habe ich nicht initiiert."

Norbert Blüm in Idomeni | Bildquelle: dpa
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Norbert Blüm war am Wochenende in Idomeni ...

Norbert Blüm in Idomeni | Bildquelle: dpa
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... und hat die Nacht dort im Zelt verbracht.

Tsipras und Avramopoulos kritisieren Zustände

Ministerpräsident Alexis Tsipras verurteilte die Flugblatt-Aktion von Idomeni scharf. Dies sei "gefährliches Verhalten zu Lasten der Flüchtlinge". Er rief die Migranten dazu auf, der griechischen Regierung zu vertrauen und von Idomeni aus in die bereitstehenden Auffanglager zu gehen. "Es ist ausgeschlossen, dass die Balkanroute sich noch einmal öffnen wird", stellte er klar.

Auch der für Migration zuständige EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos riet den Menschen, in besser ausgestattete Lager im Landesinneren Griechenlands zu gehen. Nach einem Besuch an der mazedonischen Grenze sagte er, die Lage in Idomeni sei tragisch und unakzeptabel. Die Werte der zivilisierten Welt würden "auf die Probe gestellt".

Der EU-Kommissar rief alle 28 EU-Staaten auf, "ihre Tore zu öffnen und das einzuhalten, was wir vereinbart haben."

Bis zu 700 Flüchtlinge wurden festgenommen

Am Montag hatten Hunderte Menschen durch einen Fluß über die Grenze gekämpft. Dort wurden bis zu 700 von ihnen von Polizei und Armee stundenlang auf freiem Feld aufgehalten. Anschließend, so berichtete ARD-Korrespondent Julian von Löwis unter Berufung auf Augenzeugen, sollen sie per Lastwagen oder Bus zurück nach Griechenland gebracht worden sein.

Balkanroute mit Grenzen
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Die geschlossenen Grenzen auf der Balkanroute

Der größte Teil der mindestens 1000 nach Mazedonien geflohenen Migranten ist mittlerweile in das durchnässte Flüchtlingslager Idomeni zurückgekehrt. Sie seien zu den etwa 14.000 Insassen in der Zeltstadt gestoßen, teilten die griechischen Behörden mit. Viele der Rückkehrer berichteten von rabiaten mazedonischen Soldaten, so von Löwis. Die Armee habe die Migranten teilweise geschlagen und getreten.

Mazedonien hat seine Grenze zu Griechenland für Migranten praktisch geschlossen. Tausende Flüchtlinge hoffen trotzdem, noch über die Grenze nach Norden gelassen zu werden, um dann weiter in wohlhabende Staaten wie Österreich, Deutschland oder Schweden ziehen zu können.

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