Buttons werben für die Kampagne "#MeToo" gegen sexuelle Belästigung von Frauen. | Bildquelle: REUTERS

Belästigungsskandal in Hollywood Mehr Frauenpower auf dem roten Teppich?

Stand: 09.12.2017 13:27 Uhr

Noch immer werden in den USA neue Vorwürfe gegen Männer bekannt, die Frauen belästigt oder missbraucht haben sollen. Das Tabu ist gebrochen - doch mit welchen Konsequenzen? Folgen auf die Enthüllungen, die ihren Anfang in Hollywood nahmen, echte Veränderung?

Von Nicole Markwald, ARD-Studio Los Angeles

Am Mittwochmorgen vergangener Woche in Los Angeles: Schon um 9 Uhr ist der rote Teppich ausgerollt. Das jährliche "Women in Entertainment"-Frühstück steht an. Ausgerichtet wird das Ereignis vom Branchenblatt "The Hollywood Reporter". Das dominierende Thema an diesem Tag: die Enthüllungen über den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein und deren Folgen.

Die Schauspielerin Kate Walsh, bekannt aus den Serien "Greys Anatomy" und "Private Practise", glaubt: "Jedes Gespräch darüber ist ein gutes Gespräch. Es ist wie eine Art Bürgerrechtsbewegung. Ich freue mich, dass betroffene Frauen endlich angehört werden, und es ist ein sich ständig weiter entwickelnder Prozess." Längst hat sich die Debatte um sexuelle Belästigung ausgeweitet: Kongressabgeordnete sind nach Vorwürfen zurückgetreten, bekannte Moderatoren des US-Frühstücksfernsehens haben ihren Platz vor der Kamera räumen müssen.

Die Macht liegt in den Händen der Männer

Kim Masters ist Sonderkorrespondentin beim "Hollywood Reporter" und moderiert die Kino-Sendung "The Business" beim Radiosender KCRW in Los Angeles. Jahrelang habe sie von den Vorwürfen gegen Weinstein gewusst, doch keines der Opfer wollte sich offiziell äußern. Masters war nun die erste, die über die Vorwürfe gegen den Chef des Amazon-Studios, Roy Price, und den Pixar-Mitbegründer, John Lasseter, berichtete. Männer mit Macht würden zuweilen ihre Position missbrauchen, sagt sie, dieses Verhalten beschränke sich nicht auf die Filmindustrie:

"Überall, wo viel Macht konzentriert in wenigen Händen einiger Männer liegt, gibt es ähnliches Verhalten - ob das nun Hollywood oder der Kongress ist. Ich bin überzeugt, dass es etwa im Wissenschaftsbereich ähnlich ist und wir werden weiterhin davon hören. Wir haben einen Wendepunkt erreicht."

Wie wird aus dem Umdenken Realität?

Ein Wendepunkt in der Diskussion über Machtspiele und Manipulationen ist ganz sicher erreicht. Doch nun stellt sich die Frage: Wie geht es weiter in Hollywood?

Kirsten Schaffer ist Geschäftsführerin bei "Women in Film". Seit dem ersten Dezember bietet der Verband eine Hotline an. Mutmaßliche Opfer sexueller Belästigung in der Entertainment-Industrie können sich hier beraten lassen und erhalten kostenlosen Rechtsbeistand. Um langfristige Veränderungen herbeizuführen, reiche eine Hotline in Hollywood natürlich nicht aus, gibt Schaffer zu:

"Wir glauben, wirkliche Veränderungen wird es erst geben, wenn mehr Frauen wichtige Posten besetzen. Wenn mehr Frauen leitende Funktionen innehaben, wird es weniger sexuelle Belästigung geben."

Die Statistiken für Frauen in Hollywood, sagt auch Journalistin Masters, seien verheerend: vor der Kamera, hinter der Kamera oder in den Büros der Studios. Der Verband "Women in Film" hat entmutigende Zahlen auf seiner Homepage parat: Bei den Filmen, die 2015 das meiste Geld eingespielt haben, saß bei gerade mal 7,5 Prozent eine Frau im Regiestuhl, 22 Prozent der Filme wurden von Frauen produziert und nicht mal zwölf Prozent der Autoren war weiblich. Es müsse nun aber nicht Jahre dauern, diese Zahlen zu verbessern, sagt Kirsten Schaffer. Ihr Beispiel: die Fernsehserie "Queen Sugar" der Oscar-nominierten Regisseurin Ava DuVernay. "Als DuVernay mit 'Queen Sugar' angefangen hat, entschied sie von vornherein, nur mit Regisseurinnen zu arbeiten. Die zu finden, hat vielleicht etwas mehr Arbeit gemacht, aber sie hat fantastische Frauen gefunden, die Serie ist exzellent."

Mehr Chefposten für Frauen

Bereits Anfang des Jahres stellte "Women in Film" eine gemeinsame Initiative mit dem Sundance Institute vor, genannt "ReFrame". Darin verpflichteten sich 50 Vertreter aus dem Filmgeschäft, darunter Studiochefs, Mitarbeiter von Agenturen und Vertreter der Gewerkschaften, sich für größere Geschlechtergleichheit in der Industrie einzusetzen.

Die Agentur ICM steckt sich nun selbst ein Ziel: Bis 2020 will sie leitenden Funktionen zur Hälfte mit Frauen besetzen, also auch Abteilungsleiter und Positionen im Verwaltungsrat. Momentan sind rund 40 Prozent der Agenten Frauen. Der Anstoß zu dieser selbst gesetzten Deadline kam übrigens von Serienmacherin Shonda Rhimes, selbst Klientin der Agentur. Als sie beim "Women in Entertainment"-Frühstück gefragt wird, auf welche Geschichte sie im neuen Jahr hofft, antwortete Rhimes: Die beste Geschichte wäre, wenn 2018 Frauen in aller Welt mehr Macht bekommen würden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Dezember 2017 um 07:07 Uhr.

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