Theresa May | Bildquelle: REUTERS

Ein Jahr Theresa May Lahme Ente statt Eiserner Lady

Stand: 13.07.2017 02:42 Uhr

Ein Jahr ist sie nun im Amt, doch ihr Jubiläum hat sich Theresa May sicher anders vorgestellt. Statt glänzendem Sieg bei der vorgezogenen Unterhauswahl, führt sie nun eine Minderheitsregierung. Eine Premierministerin auf Abruf.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Als Theresa May jetzt zum G20-Gipfel nach Hamburg fuhr, musste sie sich ein paar ziemlich respektlose Fragen britischer Reporter gefallen lassen. Ob die Regierung nicht schon vor Beginn der Brexit-Verhandlungen zu einer Lachnummer geworden sei. Ob das Land international  überhaupt noch ernst genommen werde. Trotzig antwortete die Premierministerin, man befinde sich in ernsthaften Verhandlungen mit der Europäischen Union, und man werde auch auf der Weltbühne weiter eine Rolle spielen.

May hatte sich ihr einjähriges Amtsjubiläum ganz anders vorgestellt. Mit einem glänzenden Sieg bei der vorgezogenen Unterhauswahl, ausgestattet mit einer satten Mehrheit im Parlament, geachtet im eigenen Land - und gefürchtet in Brüssel wie einst Margaret Thatcher.

Premierministerin auf Abruf

Doch es ist anders gekommen: Statt Eiserne Lady muss May jetzt die Rolle der lahmen Ente geben. Die Parlamentsmehrheit nicht etwa ausgebaut, sondern verloren. Eine Minderheitsregierung, die sich die Unterstützung nordirischer Protestanten teuer erkaufen musste. Eine Premierministerin auf Abruf, nur noch geduldet von der eigenen Partei.

Und gefangen in ihrer eigenen kühlen, wenig menschlichen Ausstrahlung. Sie zögerte viel zu lange, mit den Hinterbliebenen und obdachlos gewordenen Bewohnern des ausgebrannten Hochhauses in London zu sprechen. Den Vorwurf der Herzlosigkeit konterte sie darauf mit einer ihrer berühmten roboterhaften Formeln: Wichtig sei es, seine Arbeit weiter zu machen.

Nachfolger werden in Stellung gebracht

In diesen Tagen rund um das Amtsjubiläum sind die Zeitungen voll von angeblichen oder tatsächlichen Aufständen in ihrer Partei. Nachfolger werden bereits in Stellung gebracht, darunter der flamboyante Außenminister und frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson, dessen Stern aber bereits wieder zu sinken scheint, weil ihn viele konservative Abgeordnete für zu unseriös halten.

Großbritanniens Außenminister Boris Johnson | Bildquelle: AFP
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Viele konservative Abgeordnete halten ihn für zu unseriös: Außenminister Boris Johnson

Dann schon eher Brexit-Minister David Davis, der schon einmal - 2005 - Favorit war, aber einem damals jungen und frischen David Cameron den Vortritt lassen musste. Nun also vielleicht doch, mit ein paar Jahren Verzögerung, Davis als Partei- und Regierungschef?

Zu viel Sonne und Prosecco

Für den May-getreuen Justizminister David Lidington ist das alles nur Sommertheater. Alle Jahre wieder, immer im Juli, führten die Sommerpartys, unter dem Einfluss von zu viel Sonne und zu viel warmem Prosecco, zu solchem Geschwätz in den Medien , sagt Lidington.

Lidington könnte sogar Recht behalten. Denn May hat mächtige Verbündete: Zum einen die Angst vieler konservativer Abgeordneter, ihre Mandate zu verlieren, wenn eine Regierungskrise zu einer weiteren Neuwahl führt und die Partei noch schlechter abschneidet. Zum anderen die Zerstrittenheit der May-Gegner: Die Frage eines harten oder weichen Brexits, die Frage, wie sehr sich das Land nach dem Ende der Mitgliedschaft noch an die EU anlehnen und die Regeln der EU akzeptieren soll, spaltet weiter die Partei. Und macht damit auch die Antwort schwierig, wer denn an Stelle von May Partei und Regierung führen sollte: ein harter oder ein weicher "Brexiteer"?

Großbritanniens Justizminister David Lidington | Bildquelle: REUTERS
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Für Justizminister David Lidington sind die Nachfolge-Debatten reines Sommertheater.

Tories suchen Bündnis mit Opposition

Außerhalb des Kabinetts sind allerdings EU-freundliche Tories dabei, die Schwäche der Premierministerin auszunutzen und das Bündnis mit der Opposition zu suchen. Zum Beispiel die Konservative Anna Soubry, die Großbritannien am liebsten in der Europäischen Union halten würde: "Ich möchte mehr überparteiliche Zusammenarbeit, wenn es um den Brexit geht, damit auch die 48 Prozent, die für den EU-Verbleib votiert haben, eine Stimme bekommen", sagt sie. Deshalb müsse man jetzt zusammenarbeiten, "um den besten Deal, gerade auch für die kommenden Generationen, zu erreichen."

Könnte die Schwäche Mays also sogar dazu führen, dass Großbritannien am Ende vielleicht doch noch in der EU bleibt? Wohl kaum. Denn auch Labour-Chef Jeremy Corbyn, der gefühlte Sieger der Unterhauswahl, will den Brexit - wenn auch vielleicht einen etwas weicheren als Theresa May.  

        

Ein Jahr Premierministerin: Theresa May von Eiserner Lady zur lahmen Ente
J.-P. Marquardt, ARD London
13.07.2017 01:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Juli 2017 um 05:25 Uhr.

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