Beppe Grillo  | Bildquelle: AFP

Verbalattacken auf Italiens Medien Grillo und der "Killerjournalismus"

Stand: 23.02.2017 15:10 Uhr

"Wir werden sie umbringen!" - die Stimmung auf Demos der Fünf-Sterne-Bewegung kann gegenüber Italiens Journalisten sehr aggressiv werden. Kein Wunder, schürt ihr Idol Beppe Grillo doch systematisch den Hass auf unliebsame Medien.

Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Für Beppe Grillo, den Chef der Fünf-Sterne-Bewegung, ist er derzeit der politische Hauptgegner: Mario Calabresi steht in seinem Büro im siebten Stock, unter ihm der Verkehr der zehnspurigen Via Cristoforo Colombo, dahinter die grünen Pinienwälder der Appia Antica. "Giornalismo killer" - "Killerjournalismus" -, dieser Vorwurf Grillos gilt in erste Linie Calabresi, dem Chefredakteur der "Repubblica",  einer der beiden größten Zeitungen Italiens. "Die Kriminalisierung der Journalisten hat in dieser Phase schon etwas Dramatisches", meint der Journalist.

"Killerjournalismus" - ein besonders verletzender Vorwurf an die Adresse Calabresis. Denn ganz Italien weiß, dass Calabresis Vater eines der prominentesten Opfer der Roten Brigaden war: Er wurde in den 1970er-Jahren von deren links-terroristischen Killern erschossen.

"Tradition politischer Gewalt"

Persönlich habe er keine Angst, sagt Calabresi. Es sei aber unverantwortlich, wie die Fünf-Sterne-Bewegung - laut einigen Umfragen derzeit stärkste Partei Italiens - die politische Aggression im Land anheize. "Du kannst nicht sagen: 'Die Journalisten sind Killer, der Journalismus hat versucht, unsere Bewegung umzubringen.' Denn wir alle wissen - und ich speziell aus meiner persönlichen Geschichte -, dass dieses Land eine Tradition politischer Gewalt hat."

Wie die Stimmung unter den italienischen Wutbürgern ist, ließ sich vor kurzem auf dem Platz vor dem Parlament beobachten. Alessandro di Battista, einer der bekanntesten Abgeordneten der Fünf-Sterne-Bewegung, wetterte mit sich überschlagender Stimme vor protestierenden Kaufleuten gegen Journalisten. "Eure Wut ist auch meine", skandierte er. "Seit vier Jahren, seit wir im Parlament sind, erleiden wir alle möglichen Sachen, vor allem vom Mediensystem, weil wir nie Kompromisse eingegangen sind." Als Reaktion rufen einige der Demonstranten: "Wir werden sie umbringen!"

Auch der Chef der italienischen Journalistengewerkschaft, Giuseppe Giulietti, zeigt sich beunruhigt: "Die Sprache des Hasses vergiftet alles. Man kann die radikalste Kritik aussprechen, aber wir brauchen keine Flüche, keine Aggression. Es ist Zeit, sich dem entgegenzustellen."

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Kritik an Roms Fünf-Sterne-Bürgermeisterin Raggi? Für Beppe Grillo ein Grund, Zeitungen "Killerjournalismus" vorzuwerfen.

Morgendlicher Aufruf zur Online-Jagd auf Journalisten

Grillo, dessen Internetseite zu den meistgeklickten in Europa gehört, hat mittlerweile eine politische Fingerübung daraus gemacht, ihm besonders verhasste Medienvertreter gezielt an den Pranger zu stellen. Grillo greife Journalisten namentlich an, sagt Calabresi: "Vergangene Woche war ich dran. Er schreibt am Morgen einen Post und ruft alle dazu auf, diesen Journalisten zu attackieren. Du bekommst dann Tausende Nachrichten auf Twitter, Facebook und via Mail von Personen, die dich beleidigen, dir sagen, du solltest dich schämen und so weiter."

Calabresi Schuld - aus der Sicht Grillos: "La Repubblica" berichtete kritisch über Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi, die den Fünf Sternen angehört und gegen die die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen Amtsmissbrauchs ermittelt.

Er glaubt, dass die Kriegserklärung der Bewegung gegen ihn und andere Journalisten vor allem mit Grillos Kommunikationsschema zu tun hat: Der Populisten-Anführer verbreitet seine Botschaften mit Posts und Videos über das Internet. Journalisten, meint Calabresi, wolle Grillo nicht dazwischen haben - weil diese mit ihrem Recherchehintergrund kritische Fragen stellen, auf die die meisten Bürger nicht kommen. Wären die Journalisten mundtot, sagt der "Repubblica"-Chef, würde die kommunikative Einbahnstraße der Populisten ungestört funktionieren.

Lügenpresse all'italiana: Grillos Jagd auf den "Killer-Journalismus"
Jörg Seisselberg, ARD Berlin, zzt. Rom
23.02.2017 15:06 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Februar 2017 um 09:24 Uhr

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