Demonstranten protestieren in Athen gegen die Regierung. | Bildquelle: AFP

Proteste in Griechenland Der hohe Preis der Tsipras-Reformen

Stand: 11.01.2018 13:37 Uhr

Griechenland soll bald ohne Rettungsprogramme auskommen. Schon jetzt ist klar: Rentner und Arbeitnehmer müssen dafür abermals einen hohen Preis zahlen. Die Streiks und Proteste nehmen zu.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

Es ist wieder lauter geworden in der griechischen Hauptstadt. Draußen vor dem Athener Parlament demonstrieren Gewerkschafter gegen Einschränkungen beim Streikrecht - und drinnen debattieren die Abgeordneten besonders heftig in diesen Tagen. Es ist der Endspurt im Rettungsprogramm. Auch die letzten Bedingungen der Geldgeber-Länder für nochmal fünf bis sechs Hilfsmilliarden sollen erfüllt werden.

Die schmerzhaften Kürzungen für Rentner und Arbeitnehmer bleiben Alltag. Zusätzlich lautet die entscheidende Frage, ob es Griechenland im Sommer schafft, finanziell wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Regierungschef Alexis Tsipras glaubt fest daran: "Wir haben sehr realistisch kalkuliert - der Beweis dafür ist der wirtschaftliche Weg Griechenlands", sagt er. "Durch finanzielle Stabilität konnten wir alles erreichen, was wir erreicht haben. Und wir sind sicher, dass wir das Ende von Rettungsprogrammen für unser Land erreicht haben."

Schmutziges Geschäft

Was beim Regierungschef immer sauber, fast klinisch rein klingt, ist im Alltag oft ein schmutziges Geschäft: Häuser, Wohnungen und Grundstücke werden beschlagnahmt und versteigert, wenn Banken allzu lange auf ihr Geld warten müssen. Geschätzte 100 Milliarden Euro schuldet die griechische Bevölkerung ihrem Staat und den Banken. Die Partei, die das aus früheren Regierungsjahren mit zu verantworten hat, die Nea Dimokratia, argumentiert von den Oppositionsbänken jetzt so, als müsse nur Tsipras wieder weg - und alles werde gut. "Wir sind das einzige europäische Land, das immer noch ein Rettungsprogramm braucht, und unsere Wirtschaft hat das schwächste Wachstum der ganzen Eurozone", sagte Parteichef Kyriakos Mitsotakis.

Zahlreiche Menschen nehmen vor einem Gericht in Athen an einer Demonstration gegen Zwangsversteigerungen teil. | Bildquelle: AFP
galerie

Zahlreiche Menschen nehmen vor einem Gericht in Athen an einer Demonstration teil.

Griechenlands Premier Tsipras bei einem Treffen der EU-Staaten in Rom. | Bildquelle: REUTERS
galerie

Für Regierungschef Alexis Tsipras ist Griechenland auf einem guten Weg.

Ob eine konservativ geführte Regierung in Griechenland mehr als das momentane leichte Wirtschaftswachstum unter Tsipras erreicht hätte, kann nur spekuliert werden. Die allermeisten Griechen kümmern sich im Moment kaum um linke oder rechte Politik und spüren, dass sie sich vor allem persönlich anstrengen müssen.

So arbeitet der Gasableser Konstantinos Kaliampetsos vormittags für Arbeitgeber Nummer eins und im Zweitjob ab dem Nachmittag dann für Arbeitgeber Nummer zwei. Er sagt:

"Ich glaube im Moment gibt’s wirklich nur ganz wenige Jobs, mit denen man seine Familie richtig gut versorgen kann. Ich habe zwei - und auch zwei Kinder. Für die brauche ich das Geld, für meine Familie, für mich bleibt da nichts übrig. Keine Zeit und kein Geld. Kann nur hoffen, dass das in den nächsten Jahren mal besser wird."

Richtig gut läuft es weiterhin im griechischen Tourismus. Das Rekordjahr 2017 brachte allerdings zum Großteil auch nur Teilzeit-Jobs - und die sind auch meist recht mau bezahlt. Hoffnung macht die Logistikbranche. Gute Autobahnen wurden gebaut, auch auf der Schiene tut sich was - im Hafen von Thessaloniki sind die Ausbaupläne weit gediehen. Das alles läuft in den nächsten Monaten weiter unter den scharfen Augen der Menschen, die in Griechenland mal Kontrolleure und mal Institutionen genannt werden.

Europas blutende Wunde

Für die allermeisten dieser Fachleute heißt die heimliche Parole: Griechenland muss es schaffen, weil Europa im Süden keine große blutende Wunde brauchen kann. Klaus Regling, der Direktor des Europäischen Stabilitätsmechanismus, erinnert an Griechenlands schwere Hausaufgaben: "Diese Reformauflagen haben zum Ziel, die Finanzstabilität zu sichern, Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen zu fördern. Und sicherzustellen, dass in Griechenland ein moderner Staat mit einer effizienten Verwaltung entsteht".

Die Euro-Finanzminister hoffen, ab dem Frühjahr das Krisenland Griechenland endgültig Hoffnungsland nennen zu können. Trotz Schuldenberg und trotz jahrelang weiter spürbar drückendem Sparzwang.

Proteste in Griechenland
Michael Lehmann, ARD Athen
11.01.2018 16:11 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Januar 2018 um 12:47 Uhr.

Ihre Meinung - meta.tagesschau.de

Darstellung: