Syrische Flüchtlinge steigen in Hannover aus dem Flugzeug | Bildquelle: dpa

Lösungsvorschlag für die Flüchtlingskrise Kontingente statt Zäune?

Stand: 25.02.2016 12:51 Uhr

Die EU kann in der Flüchtlingsfrage nur gemeinsam mit der Türkei und Griechenland eine Lösung finden, meinen Wissenschaftler einer europaweit arbeitetenden Denkfabrik. Und sie haben auch schon einen konkreten Vorschlag.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul

Auf dem Papier gibt es die Lösung schon lange: Es trägt die Überschrift "Rücknahme-Abkommen". Darin verpflichtet sich die Türkei, Flüchtlinge zurückzunehmen, die in Schlauchbooten auf griechischen Inseln ankommen.

Gerald Knaus ist Chef der Denkfabrik mit dem Namen "Europäische Stabilitäts-Initiative". Er meint, alles müsse getan werden, um das bereits ausgehandelte Rücknahme-Abkommen in die Tat umzusetzen. Denn das würde bedeuten, "dass Griechenland in der Lage wäre, diejenigen, die Griechenland erreichen, im Rahmen der griechischen und europäischen Gesetze in die Türkei zurückzuschicken." Die Türkei müsse dann nur bereit sein, sie auch zu nehmen. "Dazu ist die Türkei sicherlich erst dann bereit, wenn man der Türkei selbst konkret hilft", sagt Knaus.

"Drei Flugzeuge am Tag"

Denn die Türkei will auch nicht mit den zweieinhalb bis drei Millionen Flüchtlingen im Stich gelassen werden, die in den vergangenen Jahren in die Türkei gekommen sind. Hilfe für die Türkei würde bedeuten, dass EU-Länder freiwillig syrische Flüchtlinge von der Türkei abnehmen. Gerald Knaus hat einen konkreten Vorschlag: "Wenn man mit 900 Leuten am Tag beginnt, das sind drei Flugzeuge, und das jeden Tag fortsetzt, dann wären das in einem Jahr von einer Koalition der Willigen 340.000 bis 350.000 Leute."

Zwar würden sich nicht viele EU-Länder an einer solchen "Koalition der Willigen" beteiligen, aber doch einige: neben Deutschland unter anderem die Niederlande, Finnland, auch Portugal - und wahrscheinlich auch Österreich. Auf diese Länder könnten die 900 Flüchtlinge pro Tag verteilt werden: "Und man würde ein Signal senden an die Türkei, dass sie eben auch ihren Teil dazu beitragen muss durch Rückübernahme aus Griechenland, die Ägäis zu kontrollieren - und ein Signal an die Syrer, dass sie eben nicht mehr ihr Leben riskieren müssen."

"Balkanroute zum Erliegen bringen"

Es hätte dann nämlich gar keinen Sinn mehr für Flüchtlinge, 1000 Dollar an einen Schlepper für die gefährliche Überfahrt auf eine griechische Insel zu bezahlen, weil die Flüchtlinge eh gleich wieder zurückgebracht würden. Freiwillige Kontingente plus Rücknahme-Abkommen - so könnte die EU ihren Streit um die Flüchtlingspolitik lösen: "Das Ziel wäre, die ganze Balkanroute zum Erliegen zu bringen und stattdessen eben eine geordnete Umsiedlung aus der Türkei direkt vorzubereiten", sagt Knaus. Zäune hingegen brächten nichts. Die Flüchtlinge würden andere Wege finden.

Flüchtlinge blockieren eine Autobahn in Griechenland | Bildquelle: dpa
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Migranten und Flüchtlinge blockieren die Autobahn zwischen Athen und Thessaloniki in der Schlucht von Tempi. Sie sind auf dem Weg zur griechisch-mazedonischen Grenze und fordern deren Öffnung.

Das zeigt sich jetzt schon in Athen: Nachdem die Grenze in Richtung Mazedonien für Afghanen dicht ist, bieten Schlepper neue Fluchtwege an: nämlich ins griechische Nachbarland Albanien und von dort weiter über den Landweg - oder versteckt in einem Container mit der Fähre nach Italien. Für die Schlepper ist das ein gutes Geschäft: Sie verlangen für diese aufwändige Route bis zu 3000 Euro pro Person.

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Menschen auf der Flucht - Flüchtlingskrise in Griechenland (23.02.2016)

Flüchtlinge in Griechenland

Ein Mann mit seinem Kind an der Grenze Griechenlands zu Mazedonien. Mazedonien sichert die Grenze mit einem Stacheldrahtzaun. | Bildquelle: AFP

Kontingente statt Zäune: Löst das die Flüchtlingskrise?
T. Bormann (SWR, Istanbul)
25.02.2016 11:46 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 25. Februar 2016 um 13:11 Uhr auf NDR Info.

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