Polizisten untersuchen Mord-Tatort in Malmö | Bildquelle: REUTERS

Gang-Gewalt Malmö - Schwedens Chicago

Stand: 13.02.2017 05:11 Uhr

Schweden diskutiert über tödliche Gang-Gewalt. Immer mehr Todesopfer sind zu beklagen - viele von ihnen gerieten offenbar unbeteiligt zwischen die Fronten. Regierung und Polizei versuchen gegenzusteuern, doch die Kritik wächst.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Knapp 300.000 Einwohner, etwa ein Drittel davon Zuwanderer, die meisten leben fast unter sich in heruntergekommenen Plattenbau-Stadtteilen wie Rosengård. Malmö leidet unter hoher Arbeitslosigkeit, hat wenig Geld und ein großes Problem - die Gewalt!

Erst vor wenigen Wochen wurde Ahmed Obaid an einer Bushaltestelle in Rosengård erschossen. Warum, das weiß niemand. Er besuchte die Schule, er war in keiner Gang. Falscher Ort, falsche Zeit? Wahrscheinlich. Ahmed war 16 Jahre alt und er ist das vorerst letzte Opfer einer seit Herbst vergangenen Jahres eskalierenden Mordserie.

Mikael Rying ist Kriminologe bei der Nationalen Operativen Einheit der Polizei. Sie ist in Malmö im Einsatz, denn das Problem der Stadt wirft Schatten weit über ihre Grenzen hinaus. Malmö macht Angst, und zwar überall. Die Zunahme tödlicher Gewaltverbrechen der vergangenen zwei Jahre beruhe zum großen Teil auf Gang-Schießereien, erläutert Rying: Davon habe es 2016 landesweit etwa 30 gegeben - gegenüber vier Anfang der 1990er-Jahre. "Seither ist die Zahl kontinuierlich angestiegen und in den letzten Jahren förmlich explodiert", sagt er.

Polizisten untersuchen Mord-Tatort in Malmö | Bildquelle: REUTERS
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Polizisten untersuchen den Tatort in Malmö, wo der 16-jährige Ahmed tödlich verwundet wurde.

Kritik an der Polizei

Und immer wieder steht die Polizei im Zentrum der Kritik. Die rot-grüne Minderheitsregierung in Stockholm hat eine große Reform angeschoben, es wird umgebaut und zentralisiert. Am Ende soll eine bürgernähere Polizei stehen, im Moment wirkt sie aber nur verunsichert und überfordert - durch die Grenzkontrollen, aber auch durch die Zunahme der Gewalt, die in Malmö am deutlichsten sichtbar wird.

Diaa Noaman ist der Vater des 15-jährigen Ardiwan, der vor fünf Jahren in der Silvesternacht auf offener Straße erschossen worden war. Damals hieß es noch: ein tragischer Einzelfall. Normalerweise gehe selbst organisierte Kriminalität nicht so weit. Diaa glaubte das damals schon nicht. Jetzt sieht er sich bestätigt und er sieht schwarz für die Zukunft: "Malmö ist nicht mehr sicher. In ein paar Jahren wagt sich niemand mehr nach 18.00 Uhr auf die Straße. Merkt euch meine Worte!"

Spätestens seit dem Mord am 16-jährigen Ahmed diskutiert nun ganz Schweden die Lage in Malmö, und viele kritisieren die Regierung in Stockholm. Nächstes Jahr wird gewählt, die rechtspopulistischen Schwedendemokraten mit ihren "Law and Order"-Parolen finden viel Zuspruch.

"Alle Kräfte wurden mobilisiert"

Justizminister Morgan Johansson hält dagegen: Die Ressourcen der Polizei in Malmö seien mittlerweile verstärkt worden. "Alle Kräfte wurden mobilisiert, um die Präsenz der Polizei und damit die Sicherheit auf der Straße zu erhöhen und um die noch ungelösten Mordfälle so schnell wie möglich aufklären zu können."

Die Regierung setzt auf eine Doppelstrategie, deren Wirksamkeit laut Johansson bereits bewiesen ist. Andernorts habe man das Problem gelöst, wie zum Beispiel in Södertälje. Die Stadt sei vor nicht allzu langer Zeit stark durch Gewalt und Kriminalität geprägt gewesen. "Dort ist es gelungen, die Entwicklung umzukehren", sagt Johansson - mit der Zerschlagung krimineller Gangs durch die Polizei, aber auch mit Sozialarbeit, um weitestgehend zu verhindern, dass die Gangs immer neue Mitglieder werben.

Andere Schweden sind da längst nicht so zuversichtlich. Für sie spricht Carin Götblad, Polizeichefin in der Region Uppsala. Wenn man ihr glaubt, dann ist "Malmö" mehr oder weniger überall: "Organisiertes Verbrechen ist ein Problem in ganz Schweden." Die Polizei müsse entsprechend ausgestattet sein, um offensiv reagieren zu können, und brauche deutlich mehr Leute. "Denn es gibt hier kriminelle Netzwerke, gigantische Mengen an Waffen, offene Grenzen. Die Schwerkriminalität bewegt sich völlig frei durch Europa."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Februar 2017 um 05:54 Uhr

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