Gaza-Stadt im Sommer 2014 | Bildquelle: AP

Aufarbeitung des Gazakrieges im Sommer 2014 Ärzte werfen Israel Verbrechen vor

Stand: 21.01.2015 11:17 Uhr

Hat Israel vergangenen Sommer im Gazastreifen Kriegsverbrechen begangen? Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag ermittelt und die israelische Organisation "Ärzte für Menschenrechte" hat zu den Kämpfen nun einen Bericht vorgelegt.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Tel Aviv

Wael Sharif A-Namla erzählt vom Krieg im Sommer 2014. Der Palästinenser aus Rafah im Gazastreifen sitzt in einem Rollstuhl. Das rechte Bein ist amputiert, die Trainingshose über dem Oberschenkel umgeschlagen. Er spricht in eine Kamera, was ihm und seiner seiner elfköpfigen Famile am 1. August 2014 passierte: "Neun von uns wurden getroffen, als wir das Haus verließen. Wir flohen, weil die Kinder und die Frauen Angst hatten. Wir liefen ein Stück, als aus dem Nichts zwei Raketen kamen. Wir wurden getroffen, drei wurden getötet, drei haben Verbrennungen, dreien mussten Gliedmaßen amputiert werden, auch einem dreijährigen Kind." 

palästinensisches Mädchen mit Krücken | Bildquelle: REUTERS
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Ein 15-jähriges palästinensisches Mädchen, das bei der Bombardierung einer UN-Schule im Gazastreifen beide Beine verlor.

Die Aussage von Wael Sharif A-Namla ist Teil eines ersten Expertenberichts zur Situation in Gaza während des Krieges 2014.  Im Fall der Familie hatte es offenbar weder eine Warnung vor dem Angriff, noch einen sicheren Fluchtweg gegeben. Wer den Bericht liest, kann zu dem Schluss kommen: Das war kein Einzelfall.

Ärzte zeichneten Interviews auf

Herausgegeben hat die Dokumentation der israelische Zweig der Organisation "Ärzte für Menschenrechte" - mit Unterstützung zum Beispiel von "Medico International". Bereits während des Krieges waren Experten wie die deutsche Ärztin Jutta Bachmann in den Gazastreifen gereist - zu einer Zeit also, als die israelischen Behörden anderen Menschenrechtsorganisationen wie "Amnesty International" den Zugang nach Gaza verweigerten.

Die Ärzte führten Gespräche. Später zeichneten sie Interviews auf, zum Beispiel mit dem Rettungssanitäter Hussain Haj Hassan. Er schildert in dem Bericht israelische Angriffe auf das Viertel Schedschaija: "Ein Krankenwagen des Palästinensischen Roten Halbmonds und ein Krankenwagen der militärischen Ambulanz wurden von einem Panzergeschoss getroffen. Mein Kollege Abdel Razek Baltaji wurde getötet, der Rettungssanitäter Acram Awoor verlor sein rechtes Bein." Auch Hussain wurde verletzt. Er sitzt jetzt im Rollstuhl, außerdem brauche er nun Hörgeräte.

Israel: "Alles Notwendige zum Schutz der Zivilisten getan"

Die "Ärzte für Menschenrechte" sagen, nicht nur die Versorgung von Opfern sei während der Kämpfe teils unmöglich gewesen. Sie sprechen von wahllosen Bombardierungen. Zivilisten seien mitunter durchaus gewarnt worden. Allerdings fehlten sichere Orte und sichere Fluchtwege im Gazastreifen. Damit stellt sich die Organisation klar gegen die Aussagen der israelischen Armee. Deren Vertreter sind fest überzeugt, alles Notwendige zum Schutz der Zivilisten getan zu haben.

Insgesamt kommt der Bericht zu dem Schluss, dass die aufgelisteten Vorfälle auf mehrere schwere Verletzungen der Menschenrechte und des internationalen humanitären Völkerrechts hinweisen. So steht es auf Seite 98. Die Organisation "Ärzte für Menschenrechte" verlangt eine Aufarbeitung des Krieges und weitere Untersuchungen. Dazu müssten Israel und Ägypten aber erst einmal Ermittlern gestatten, nach Gaza zu reisen. Das passiert derzeit nicht.

Die Palästinenser, die den Krieg überstanden haben, leben mit den Folgen. Wael, dem ein Bein amputiert worden ist, wurde in Jerusalem behandelt. Doch er brauche weiter medizinische Hilfe, auch jetzt - für sich und viele andere in seiner Familie.

Gaza-Expertenbericht der "Ärzte für Menschenrechte" erhebt schwere Vorwürfe
T. Teichmann, ARD Tel Aviv
21.01.2015 09:15 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 21. Januar 2015 um 11:50 Uhr auf NDR Info.

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