Rauch über einem Gebiet des Gazastreifens | Bildquelle: AFP

Nach Gewalt in Gaza Israels Botschafter soll Türkei verlassen

Stand: 15.05.2018 18:03 Uhr

Nach dem Gewaltausbruch im Gazastreifen verschärft sich der diplomatische Streit: Die türkische Regierung forderte den israelischen Botschafter zur Ausreise auf. Die Bundesregierung will eine internationale Untersuchung.

Nach der tödlichen Gewalt bei den Massenprotesten im Gazastreifen hat die Türkei Eitan Naeh, den Botschafter Israels, einbestellt. Der Diplomat sei in das Außenministerium in Ankara zitiert worden, heißt es aus Kreisen der türkischen Regierung.

Nach Angaben der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu wurde Naeh mitgeteilt, dass es "angemessen ist, wenn er für einige Zeit in sein Land zurückkehrt". Damit scheint es sich zwar nicht um eine förmliche Ausweisung zu handeln - läuft aber genau darauf hinaus. Die israelische Botschaft lehnte eine Stellungnahme zunächst ab.

"Netanyahu hat Blut von Palästinensern an seinen Händen"

Israel und die Türkei hatten erst im Jahr 2016 wieder Botschafter in das jeweils andere Land entsandt. Zuvor hatten die langjährigen Verbündeten ihre Botschafter schon einmal abgezogen, nachdem israelische Soldaten im Mai 2010 eine türkische Hilfsflotte für den Gazastreifen gestürmt und dabei zehn türkische Aktivisten getötet hatten.

Recep Tayyip Erdoğan @RT_Erdogan
Netanyahu is the PM of an apartheid state that has occupied a defenseless people's lands for 60+ yrs in violation of UN resolutions. He has the blood of Palestinians on his hands and can't cover up crimes by attacking Turkey. Want a lesson in humanity? Read the 10 commandments.

In einer auf Englisch verfassten Twitter-Nachricht schrieb der türkische Staatspräsident Erdogan: "Er hat das Blut von Palästinensern an seinen Händen." Netanyahu sei der Ministerpräsident "eines Apartheid-Staates", der das Land eines wehrlosen Volkes seit mehr als 60 Jahren und in Verstoß gegen UN-Resolutionen besetze.

Als Reaktion auf die Gewalt im Gazastreifen hatten die Türkei und Südafrika bereits ihre Botschafter aus Israel zu Beratungen zurückgezogen.

Beziehung zu Israel auf dem Prüfstand

Der türkische Regierungschef Binali Yildirim forderte die islamischen Staaten dazu auf, ihre Beziehungen zu Israel auf den Prüfstand zu stellen. Ankara habe für Freitag einen Sondergipfel der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Istanbul einberufen. Im Anschluss sei in der Stadt ein großer Protestmarsch gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen geplant.

Internationale Untersuchung gefordert

International wird der Ruf nach einer unabhängigen Untersuchung der tödlichen Schüsse an der Grenze lauter. Er könne für die Bundesregierung nur sagen, "dass eine unabhängige Untersuchungskommission die geschehene Gewalt und die blutigen Zusammenstöße im Grenzraum aufklären könnte", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Bundesregierung warf der im Gazastreifen herrschenden Hamas vor, es auf eine Eskalation der Gewalt anzulegen.

Kanzlerin Angela Merkel telefonierte mit Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu und drückte ihre Sorge über die Eskalation der Gewalt aus. Deutschland habe Verständnis für die Sicherheitsbelange Israels. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und zur friedlichen Versammlung dürfe nicht missbraucht werden, um Unruhen zu provozieren. Gewalt dürfe kein Mittel sein, um politische Ziele durchzusetzen.

Auch Großbritannien unterstützt eine Untersuchung, wie Nahost-Staatssekretär Alistair Burt vor dem Parlament in London bestätigte.

US-Botschafterin verteidigt israelisches Vorgehen

Am Abend befasste sich der UN-Sicherheitsrat mit der Gewalt an der Gaza-Grenze. Dabei verteidigte die US-Botschafterin Nikki Haley das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser. Kein Mitglied würde mit größerer Zurückhaltung agieren als Israel es getan habe, sagte sie.

Mindestens 60 Tote

Gestern, am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels, war es - zusätzlich aufgeheizt durch die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem - zu besonders gewaltsamen Protesten gekommen. Es wurde der blutigste Tag im Nahost-Konflikt seit 2004: Mindestens 60 Palästinenser wurden getötet, mehr als 2400 verletzt. Zehntausende Palästinenser protestierten am Grenzzaun gegen Israel.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Mai 2018 um 16:42 Uhr.

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