Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt in Japan. | Bildquelle: dpa

Bundespräsident in Japan Gaucks letzte große Amtsreise

Stand: 18.11.2016 11:56 Uhr

Auf seiner letzten großen Dienstreise brachte der scheidende Bundespräsident noch einmal sein zentrales Thema ein: Verantwortung. Martin Mair hat Gauck in Japan begleitet. Eines scheint klar: Leicht wird ihm der Abschied vom Amt nicht fallen.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Nagasaki

"Wat menen Sie, woneem de Sprach kümmt?", fragt Joachim Gauck. Fern von der Heimat spricht der Bundespräsident ein paar Worte Plattdeutsch. Da muss auch Sarah Shinohara lachen: Die 25-jährige Sprachwissenschaftlerin erforscht an der Universität von Kyoto deutsche Dialekte. Der Bundespräsident sitzt der jungen Frau im blauen Strickkleid und beiger Schleife im Haar gegenüber, und sagt, er selber wolle gar nicht so viel reden, sondern lieber fragen: Wie ist das mit der Rolle der Frau in Japans patriarchalischer Gesellschaft? Wohin steuert das Land nach den Wahlen in den USA?

Gauck fragt nach, hört genau zu. Und das kommt an: "Er kennt schon sehr, sehr viel", sagt Shinohara nach dem Treffen. "Dass er versucht hat, von uns allen etwas zu hören und zu lernen, finde ich wirklich begeisternd und beeindruckend."

Gauck schätzt Trump nicht

Das Treffen mit Studenten ist einer dieser Auftritte, bei denen Gauck seine Stärken ausspielen kann. Er kann Menschen das Gefühl vermitteln, sich für ihre Meinung zu interessieren. Bei seiner letzten großen Dienstreise ist ein Mann allgegenwärtig, den Gauck nicht schätzt: Donald Trump. Immer wieder wird er nach dem künftigen US-Präsidenten gefragt. Was er von ihm hält, was die Welt jetzt tun muss? Natürlich sagt Gauck, dass ein Bundespräsident keine Politik machen dürfe.

Doch er liebt es, genau das zu tun - zumindest ein bisschen. Etwa, wenn er sich selbst die Frage stellt, was denn zu tun sei, wenn Trump tatsächlich seine Ankündigungen wahr macht und sich aus internationalen Bündnissen zurückzieht. Die Antwort schiebt Gauck postwendend hinterher: "Dann liegt es doch auf der Hand, dass wir nicht angstschlotternd sagen: 'Oh Gott, oh Gott - was machen wir ohne Amerika?', sondern, dass wir unseren eigenen Kräften vertrauen."

Mehr Verantwortung übernehmen - das ist das zentrale Thema von Gaucks Amtszeit. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz rief er die Deutschen vor zwei Jahren dazu auf, genau das in internationalen Konflikten zu tun. Notfalls auch militärisch. Japan ist noch stärker als Deutschland auf der Suche nach der eigenen Rolle in der internationalen Gemeinschaft. "Wie Sie das gestalten werden, das weiß ich nicht. Aber in Deutschland ist die Debatte darüber weit fortgeschritten, auch wenn große Teile der Bevölkerung immer sehr skeptisch sind, wenn es darum geht, nicht nur durch Diplomatie, sondern auch durch Aktionen draußen in der Welt wirksam zu sein."

Papierkraniche vom Präsidentenpaar

Da ist er wieder: der Mahner Gauck, der stets mehr sein wollte als ein einfacher Grüßaugust. Dass ausgerechnet während seiner letzten großen Dienstreise sein Nachfolger von Union und SPD gefunden wurde, dürfte den eitlen Gauck durchaus ein bisschen ärgern - kostet es ihn doch Aufmerksamkeit. Sagen würde er das freilich nie. Er erklärt nur, dass er dem erfahrenen Frank-Walter Steinmeier sicher keine Ratschläge geben müsse: "Sie sehen in diesem Zusammenhang jedenfalls einen lächelnden Präsidenten", sagt er verschmitzt.

Zum Abschluss seiner Japan-Tour gibt Gauck dann noch einmal ganz den Staatsmann. In Nagasaki gedenkt er der Opfer des Atombombenabwurfs im August 1945. Das Präsidenten-Paar hat eine Kette aus Papierkranichen mitgebracht - gefaltet von Kindern einer deutschen Schule. Eine alte japanische Legende sagt, dass ein kranker Mensch gesund werden kann, wenn er 1000 Papierkraniche faltet. Gauck verharrt einen kurzen Moment, ehe der die bunte Kette niederlegt. "Noch einmal konkret an dem Ort zu stehen, wo dieser Schrecken tatsächlich stattfand und die Bilder zu sehen, das geht einem dann natürlich ganz besonders ans Herz."

Auch solche Sätze werden von einem Präsidenten erwartet, eben weil sein Amt vor allem eines der Gesten ist. Vier Monate hat Gauck dafür noch Zeit und er wird sie nutzen. Mehr als 50 Länder hat er in seiner Amtszeit bislang besucht - er weiß, dass das Gedenken in Nagasaki die wohl letzte große Geste im Ausland sein wird. Wehmut gestatte er sich nicht, wird er später sagen. Doch klar wird bei seiner letzten Dienstreise auch: Leicht wird Gauck der Abschied vom Amt auch nicht fallen.

Gaucks letzte große Dienstreise nach Japan
M. Maier, ARD Berlin, zzt. Nagasaki
18.11.2016 10:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. November 2016 um 11:45 Uhr

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