Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt besichtigen in Xi`an die Ausgrabungsstätte der Terrakotta-Armee. | Bildquelle: dpa

Fünftägiger Staatsbesuch Gauck meistert chinesischen Balanceakt

Stand: 24.03.2016 08:53 Uhr

Ein deutsches Staatsoberhaupt hat in China viel Gelegenheit, viel falsch zu machen. Bundespräsident Gauck vermied einen Eklat, sprach aber Menschenrechtslage und Bürgerrechte an. Eine Frage überraschte ihn so weit weg von zu Hause aber doch.

Von Jörg Seisselberg, ARD Berlin, zzt in Xi'an

Die große Frage hat den Bundespräsidenten auch auf die andere Seite der Welt verfolgt. In Shanghai wollte in der Diskussionsrunde nach Gaucks Rede vor Studenten einer der chinesischen Dozenten wissen, wie die Zukunft des Gastes aus Deutschland aussieht. Er fragte: "Würden Sie sich zur Wahl im nächsten Jahr stellen?"

Es entstand große Heiterkeit im Saal. Auch Joachim Gauck lachte herzlich über die Frage, ob er als Bundespräsident wieder antreten werde. Im Moment sage er noch nichts, war seine Botschaft auch mehr als 7000 Kilometer von Berlin entfernt. Erst "in ein paar Wochen oder Monaten" werde er dies der deutschen Öffentlichkeit mitteilen.

"China ist immer eine Herausforderung"

Bundespräsident Joachim Gauck spricht in der Tongji-Universität in Shanghai | Bildquelle: dpa
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Gauck wurde in der Tongji-Universität auf seine eigene Zukunft angesprochen.

Allerdings zeigte sich Gauck schon geschmeichelt davon, dass sich - nicht nur in der Berliner Politik - immer mehr Menschen wünschen, dass er weitermacht. "Für mich ist das ein schönes Gefühl zu spüren, dass die Menschen etwas von meiner Präsidentschaft haben und dass es welche gibt, die sagen, dass wäre gut, wenn es weitergehen würde."

Erneut allerdings schob Gauck den Satz hinterher: Bei dieser Entscheidung müsse er auch seine körperlichen und geistigen Kräfte in Rechnung stellen. Wer den Bundespräsidenten auf seiner fünftägigen China-Reise aus der Nähe beobachtete, hatte allerdings nicht den Eindruck, dem 76-Jährigen fehle es an Kraft und Willen fehlen. Und Peking ist ein besonders harter Test. "Staatsbesuch in China ist immer eine Herausforderung", sagte Gauck.

Probleme ansprechen, Eklat vermeiden

Matthias Deiss @MatthiasDeiss
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Damit meinte Gauck nicht die physische Herausforderung mit neun Stunden Flug, drei Orte in fünf Tage und einem prallvollen Programm von 9:00 Uhr bis teilweise weit nach Mitternacht. Vor allem inhaltlich ist China eine der heikelsten Missionen für einen deutschen Bundespräsidenten. Er hat viel Gelegenheit, viel falsch zu machen: Er soll Menschenrechtsverletzungen ansprechen, aber gleichzeitig einen der wichtigsten deutschen Handelspartner nicht brüskieren.

Gauck meisterte diesen anspruchsvollen Balanceakt. DGB-Chef Reiner Hoffmann, in China Teil der Delegation, zeigte sich angetan: "Ich glaube, dem Bundespräsidenten ist es gut gelungen, nicht nur deutlich zu machen, dass wir sehr gute wirtschaftliche Kontakte haben, sondern gerade vor dem Hintergrund seiner Biografie hat er deutlich gemacht, dass wir auch bei schwierigen Themen wie beispielweise Rechtstaatlichkeit, Beachtung von Menschenrechten, nicht die Augen verschließen."

Ein selbstbewusster Gauck

Bürger- und Menschenrechte, aber auch Umweltprobleme, die Situation der Kirchen oder mangelnde Gewerkschaftsfreiheit in China - das waren Themen, mit denen Gauck seine Gesprächspartner in Staats- und Parteiführung immer wieder konfrontierte. "Ich fand es besonders beeindruckend, wie selbstbewusst er das gemacht hat", sagte DGB-Chef Hoffmann, der bei den meisten Gesprächen auch hinter verschlossenen Türen dabei war.

Bundespräsident Joachim Gauck wird in Peking von jubelnden Schulkindern mit Blumen und Fähnchen begrüßt. (21.03.2016) | Bildquelle: dpa
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Gauck wurde zum Auftakt seines Besuchs in Peking von jubelnden Schulkindern begrüßt.

Heikle Themen deutlich anzusprechen, anderseits aber keinen Eklat zu provozieren - das gelang auch, weil Gauck bei aller Kritik stets betonte: Deutschland sei ein enger Partner Chinas, die offene Diskussion geschehe auf der Basis einer gewachsenen Freundschaft. Und manchmal konnte Gauck beobachten, dass seine Gastgeber geradezu erwarteten, dass er sein Leib- und Magenthema Freiheit und Bürgerrechte ansprach: "Gelegentlich fing das Thema schon an, bevor ich angefangen hatte, weil man vermutlich geahnt hat, dass ich auf das Thema zu sprechen kommen würde."

Leidenschaft und Energie

Konkret setzte sich Gauck unter anderem für die Freilassung mehrerer Bürgerrechtsanwälte und für Gao Yu, eine Mitarbeiterin der Deutschen Welle, ein. Sie möchte nach Deutschland ausreisen.

Fragen zu seiner eigenen Zukunft waren für Gauck - bis auf die Episode an der Universität - tabu. Der Eindruck nach dem Härtetest in China ist: An Leidenschaft und Energie mangelt es dem Bundespräsidenten nicht.

Gauck meistert Balanceakt in China - und lässt eigene Zukunft offen
J. Seisselberg, ARD Berlin
24.03.2016 08:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. März 2016 um 07:30 Uhr

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