Wirtschaftsminister Gabriel in Jordanien | Bildquelle: REUTERS

Gabriel in Flüchtlingslager in Jordanien "Demütig wird man hier"

Stand: 22.09.2015 21:31 Uhr

Vor kurzem war unter den syrischen Flüchtlingen in Jordanien noch nicht die Rede von Europa. Doch dann wurde die Lage wegen versiegender Hilfe immer schwieriger. Vizekanzler Gabriel war vor Ort und will dies ändern.

Von Annekarin Lammers, HR, ARD-Hauptstadtstudio

"Demütig wird man hier", sagt der sichtlich erschütterte SPD-Parteichef Sigmar Gabriel nach seinem Rundgang durch Saatari, das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt. Eben noch sprach er in einem Zelt mit einem jungen Syrer, Raschid. Beide Beine wurden dem 13-Jährigen zerschmettert, ein Auge zerstört, Finger abgerissen, als ein Raketengeschoss das Auto seines Vaters traf. Seine Gegenwart ist trostlos, die Zukunft ohne Hoffnung.

Bundesminister Gabriel in Jordanien | Bildquelle: ARD / Annekarin Lammers
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Gabriel beim Besuch der Schule von Saatari

Solche Geschichten "lassen einen nicht schlafen", so der Minister. Man müsse manchen helfen, aus dem Lager herauszukommen. "Gleichzeitig muss man hier mehr tun. 50 Prozent der Kinder gehen nicht zur Schule. Da kann man sich vorstellen, was das bedeutet. Man spricht hier von einer 'verlorenen Generation'."

Gabriel besucht UN-Zeltlager in Jordanien
tagesschau 20:00 Uhr, 22.09.2015, Annekarin Lammers, HSSB

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Rund 80.000 Menschen leben im Camp. Es ist eine Kleinstadt mitten in abweisender Wüste - die Sommer unerbittlich heiß, die Winter grausam kalt. Container, Zelte, Satellitenschüsseln, Wassertanks soweit das Auge reicht. Der Staub wirbelt durch die Gassen, barfüßige Kinder spielen im Sand.

630.000 Flüchtlinge hat Jordanien nach UNHCR-Angaben aufgenommen, 86 Prozent von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Lage wird immer schlimmer, denn die zugesagten Hilfsgelder fließen nicht. Für 230.000 bedürftige Flüchtlinge musste das Welternährungsprogramm in Jordanien die Nahrungsmittelhilfe im September komplett streichen.

Flüchtlingslager Saatari in Jordanien | Bildquelle: dpa
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80.000 Menschen leben in Saatari mitten in der Wüste.

Kinder können nicht zur Schule

Im Lager Saatari gibt es noch Hilfen. Doch auch die wurden drastisch gekürzt. Nur 50 Cent pro Tag und Person sind es noch. In zwei Supermärkten können sich die Flüchtlinge versorgen, mit elektronischen Chipkarten wird bezahlt. Das ist nicht nur günstiger, es gibt den Menschen auch das Gefühl, ein wenig für sich selbst zu sorgen, ein bisschen Auswahl zu haben, ein Hauch von Selbstbestimmung.

Denn arbeiten dürfen die Flüchtlinge in Jordanien nicht. So sind sie zum Nichtstun verdammt, abhängig von Hilfen, oder sie versuchen, ihre spärlichen Mittel durch illegale Tagelohnarbeit aufzubessern. Die ausbleibenden Hilfsgelder führen auch dazu, dass weniger Kinder zur Schule gehen. Sie müssen mitarbeiten, viele können sich das Fahrgeld zur Schule nicht leisten.

Warnungen zu spät ernst genommen

Die Syrer, so Jonathan Campbell vom Welternährungsprogramm, "legen viel Wert auf Bildung. Wenn sie ihren Kindern keine bieten können, ist das niederschmetternd. Dann gehen sie dorthin, wo sie eine Zukunft sehen." Nach Europa zum Beispiel.

Das hört Gabriel hier überall. Unter der Hand hören wir auch, dass die Warnungen stets ungehört verhallten. Erst jetzt, wo die Auswirkungen der Misere in Europa ankommen, beginnen wir uns zu kümmern, so der Vorwurf.

Spät ist das, denn zu lange dauert der Krieg schon in Syrien, zu schlecht sind die Bedingungen in Jordanien. "Vor einem Vierteljahr", so der Vizekanzler, "hat hier niemand über Europa gesprochen. Alle hatten die Hoffnung, nach Syrien zurückkehren zu können. Jetzt verkaufen die Menschen den Rest ihres meistens sehr spärlichen Vermögens in Syrien." Damit würden sie jeden Kontakt aufgeben und die Hoffnung auf ein Leben in der Region aufgeben.

Bundesminister Gabriel in Jordanien | Bildquelle: ARD / Annekarin Lammers
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Die Schicksale der Syrer erschüttern Gabriel.

Nicht nur die Flüchtlinge verlieren die Geduld, auch Jordanien ächzt unter den immensen Problemen. 143.000 neue Schüler müssen unterrichtet werden, dafür wurden Hunderte Schulen neu eröffnet. Manche arbeiten im Zwei-Schicht-Betrieb, die Klassengrößen stiegen von 25 auf 55 Kinder - das schildert Generalmajor Wadah Hmoud dem deutschen Wirtschaftsminister.

Spannungen mit den Einheimischen

Die Krankenhäuser sind überfüllt, Löhne sinken, Mieten steigen. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen Syrern und Jordaniern. Genau dies war auch Thema, als Gabriel in der Hauptstadt Amman auf junge Jordanier traf, zusammengetrommelt von der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Sie alle engagieren sich bei der Flüchtlingsarbeit oder leben in Orten, in denen viele Syrer untergeschlüpft sind. Während die Klimaanlage eiskalt in den Konferenzraum bläst, zeigt sich, dass auch manch einer der jungen, gebildeten Jordanier hart über die vielen Flüchtlinge urteilt.

Es fällt gar die Idee, alle Flüchtlinge in ein Lager zu stecken, sie dort zu verpflegen und ausharren zu lassen, bis sie wieder nach Syrien zurückkehren können. Denn die Syrer werden als Konkurrenz gesehen, die Arbeitsplätze wegnehmen, Löhne drücken, Kosten explodieren lassen, die Wasserknappheit verschärfen, Kriminalität ins Land bringen und ihre minderjährigen Töchter verheiraten, um mehr Essensgutscheine und Unterstützung zu erschleichen.

Es gibt aber auch Anteilnahme und die Einsicht, dass das Arbeitsverbot die Syrer zwangsläufig in die Schwarzarbeit oder Kriminalität treibt. Sie bedauern, dass nur die Hälfte der syrischen Kinder zur Schule geht. Hilfe sei notwendig.

Bundesminister Gabriel in Jordanien | Bildquelle: dpa
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Minister Gabriel und Aydan Özoguz (Staatsministerin für Integration) informieren sich in einem Supermarkt des Flüchtlingslagers.

Gelder aus der EU, den USA und den Golfstaaten

Gabriel will in der EU dafür werben. 1,5 Milliarden Euro soll sie bereitstellen. Die Golfstaaten und die Vereinigten Staaten sollen dasselbe noch einmal drauflegen. "Die USA sind nicht unmaßgeblich an den Ursachen der Flüchtlingskrise beteiligt, beispielsweise im Irak", so Gabriel.

Bei allen Unterschieden, wie man mit den Flüchtlingen umgehen soll - eines sehen die jungen Jordanier alle ähnlich, die vielen Flüchtlinge sind ein riesiges Problem, das Jordanien überfordert. Die gesellschaftlichen Spannungen und die Ablehnung gegen die Syrer wachsen, das ist aus den Äußerungen der jungen Jordanier deutlich herauszuhören.

Sie trauen weder ihrer Regierung noch den internationalen Hilfsorganisationen zu, dass sie die Probleme bewältigen. Gabriel lauscht vor allem, meint, dass die Lageridee keine gute sei, erzählt kurz von den Sorgen der deutschen Bürger - doch irgendwie kommen die einem plötzlich ganz klein vor.

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