Friedensnobelpreis-Medaille | Bildquelle: AFP

Friedensnobelpreis wird vergeben Eine Auszeichnung mit Makeln

Stand: 06.10.2017 08:50 Uhr

Der Friedensnobelpreis ist eine der wichtigsten Ehrungen der Welt, doch sein Ruf hat zuletzt gelitten. Heute wird er vergeben. Die Favoriten kommen aus dem Iran, dem Vatikan und der Türkei. Doch derzeit ist die Jury vor allem mit einer Entscheidung von 1991 beschäftigt.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Fünf vom norwegischen Parlament auf Zeit gewählte Mitglieder sitzen im Nobelkomitee und entscheiden über einen der wichtigsten Preise der Welt, darunter Ex-Politiker und Friedensforscher. Ein ziemlich kleiner Kreis, der sich in diesem Jahr erst einmal zu rechtfertigen hatte. Für eine Preisvergabe, die lange zurück liegt: 1991 an die damalige Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi aus Myanmar. Heute ist sie de-Facto-Regierungschefin des Landes.

Rücknahme? "Keine Chance"

Aung San Suu Kyi | Bildquelle: REUTERS
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1991 geehrt und heute massiv in der Kritik: Aung San Suu Kyi

Man macht ihr wegen der brutalen Unterdrückung und Vertreibung der muslimischen Rohingya-Minderheit schwerste Vorwürfe, es gibt die Forderung, ihr den Friedenspreis abzuerkennen. "Keine Chance", sagt dagegen Berit Reiss-Andersen, Vorsitzende des Nobelkomitees: "Eine Rücknahme des Preises ist praktisch unmöglich, das wäre ein Verstoß gegen die Statuten", erklärt sie. "Wir zeichnen eine Person oder eine Organisation für das aus, was sie bis zum Zeitpunkt der Preisvergabe geleistet hat."

Der "Fall Aung San Suu Kyi" hat auch ältere Kritik an der Vergabe des Preises in Erinnerung gerufen. 1973 hatte  ihn US-Außenminister Henry Kissinger zusammen mit dem nordvietnamesischen Politiker Le Duc Tho für den Waffenstillstand in Vietnam bekommen. Kritiker hatten Kissinger Mitverantwortung für die vorherige Eskalation der US-Bombenangriffe gegeben und Le Duc Tho für Menschenrechtsverletzungen nach dem Abzug der Amerikaner. Der hatte den Preis allerdings nicht angenommen.

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Friedensnobelpreis 1901 bis 2016 - eine Auswahl der Preisträger

ICAN-Aktivisten vor der US-Botschaft in Berlin mit Masken von Kim und Trump

Die internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung ICAN bekommt den Friedensnobelpreis 2017. Das Foto zeigt Aktivisten der Organisation vor der nordkoreanischen Botschaft in Berlin. | Bildquelle: ZB

Viele kritische Entscheidungen

Heftig kritisiert wurde das Nobelkomitee auch für die Preisverleihung 1994 an Palästinenserführer Jassir Arafat, Israels Premier Jizhak Rabin und Außenminister Schimon Peres. Die Kritik damals: Peres sei einer der Väter des israelischen Atomwaffenprogramms, Arafat ein Terrorist.

2009 bekam US-Präsident Barack Obama den Preis und das Komitee neuen Ärger. Obama war noch kein Jahr im Weißen Haus, hatte große Ziele, aber nicht allzu viel erreicht und wurde später wegen amerikanischer Drohnenangriffe kritisiert, bei denen viele Zivilisten ums Leben gekommen sind.

Dazu jetzt Aung San Suu Kyi... "Ja, das diskreditiert den Preis", gibt Komiteechefin Reiss-Andersen offen zu. "Aber es ist nicht die Aufgabe des Nobelkomitees, solches Handeln zu zensieren oder zu beanstanden."

"Wir sollten nicht vergessen, dass es auch viele unumstrittene Entscheidungen gegeben hat", sagt Henrik Urdal, Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts PRIO: Die Kinderrechtlerin Malala, die Internationale Atomenergie-Organisation oder Ärzte ohne Grenzen etwa: "Viele Entscheidungen waren wirklich gut, auch wenn die Auszeichnung des Dialogquartetts in Tunesien vor zwei Jahren überrascht hat. Aber: Man war gewissenhaft bei der Wahl der Kandidaten, die einen extrem wichtigen Beitrag zum Frieden leisten."

Wer wird es in diesem Jahr?

Vielleicht gelingt dem Komitee heute der Befreiungsschlag. Als Favoriten für den Preis gelten die beiden Architekten des Atomabkommens mit dem Iran: die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und Teherans Außenminister Mohammad Jawad Zarif - aber auch die syrischen Weißhelme, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen oder die türkische Zeitung "Cumhuriyet". Genannt werden als Kandidaten auch der Papst und - erneut und deshalb mit schwinden Chancen - Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Schatten über der Verleihung des Friedensnobelpreises
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
06.10.2017 08:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Oktober 2017 um 09:00 Uhr.

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