Saudische Frauen besuchen einen Kurzfilmwettbewerb in Riad. | Bildquelle: AFP

Frauen in Saudi-Arabien Der lange Weg zum selbstbestimmten Leben

Stand: 17.12.2017 09:32 Uhr

Seit Kronprinz Mohammed bin Salman seine "Vision 2030" formuliert hat, schöpfen Frauen in Saudi-Arabien Hoffnung. Ab Mitte 2018 dürfen sie selbst Auto fahren. Doch bis sie ein annähernd selbstbestimmtes Leben führen dürfen, ist es noch ein weiter Weg.

Von Ute Brucker, SWR

Bei der Arbeit trägt sie Hosen, eine lange Bluse statt schwarzer Abaya, und der Hut auf ihrem Kopf dient lediglich dem Sonnenschutz. Madeha Al Ajroush ist Psychotherapeutin und Fotografin. Und eine Ausnahmeerscheinung in Saudi-Arabien.

Wir treffen sie in der Wüste bei Jubbah im Nordosten des Landes, wo sie prähistorische Felszeichnungen fotografiert. Die Frauen auf diesen Felszeichnungen tanzen mit ausgeprägtem Hüftschwung und offenem Haar. Für Al Ajroush sind sie eine wichtige Entdeckung: "Das zeigt, dass Frauen in diesem Land eine Rolle in der Gesellschaft spielten, sie waren Teil von Zeremonien, sie wurden geehrt."

Die Fotografin Madeha Al Ajroush bei der Arbeit. | Bildquelle: Ute Brucker / SWR
galerie

Die saudische Fotografin Madeha Al Ajroush...

Zeichnung | Bildquelle: Ute Brucker / SWR
galerie

... ist von den Felszeichnungen wild tanzender Frauen fasziniert.

"Wir waren für die wie Hexen"

So wünscht sie sich das auch für das heutige Saudi-Arabien. Dafür kämpft sie seit den 1990er-Jahren. Madeha Al Ajroush war eine der ersten Aktivistinnen, die sich verbotenerweise ans Steuer setzten, die sich für Kampagnen im Netz filmen ließen, und die dabei prompt von der Polizei festgenommen wurden. Das sei ein harter Kampf gewesen, sagt sie.

"Die Hardliner unter den Religiösen haben dafür gesorgt, dass wir keinen Platz mehr hatten in der Gesellschaft. Wir waren für sie so etwas wie die Hexen in Europa im Mittelalter."

Das ist Vergangenheit. In diesem Herbst verkündete das saudische Königshaus, dass sie ab Juni 2018 Fahrerlaubnisse für Frauen ausstellen werde. Die Freude bei den saudischen Frauen darüber ist immer noch riesengroß.

"Das bedeutet Freiheit", sagt Madeha Al Ajroush. "Ich kann mich endlich ans Steuer setzen und alleine fahren, wohin ich will, ohne auf meinen Ehemann oder Fahrer zu warten."

Frauen haben in Saudi-Arabien einen Vormund

Nun hoffen saudische Frauen, dass ihnen die Bewegungsfreiheit weitere Türen öffnet. Wer selbst Auto fährt, kann von seinem Mann nicht mehr so leicht ans Haus gebunden werden.

So sieht es die Rechtsanwältin Nasreen Alissa. Sie lebte lange in Kanada und Großbritannien. Als sie in ihre Heimat zurückkehrte, haben sie die vielen Fälle, in denen Frauen von ihren Ehemännern oder Vätern immer noch unterdrückt werden, betroffen gemacht.

Rechtsanwältin Nasreen Alissa im Gespräch. | Bildquelle: Ute Brucker / SWR
galerie

Die saudische Rechtsanwältin Nasreen Alissa berät Frauen, die in Saudi-Arabien Opfer männlicher Willkür wurden.

Frauen haben in Saudi-Arabien einen Vormund. Er muss zustimmen, wenn sie heiraten wollen oder ins Ausland reisen. Seine Unterschrift verlangen auch heute noch viele Behörden oder Firmen, sei es für einen Arbeitsvertrag, eine Bescheinigung oder die Geburtsurkunde eines Kindes. Dabei sei die Vormundschaft gar kein Gesetz im eigentlichen Sinne, es gebe dazu keinen eigenen Artikel im Gesetzbuch, sagt die Anwältin.

Kein Geld für einen Rechtsanwalt

In der Praxis kann es dennoch zu extremen Fällen kommen. "Eine meiner Klientinnen wurde mit 15 Jahren verheiratet, sie bekam vier Kinder. Der Mann warf sie raus, und sie verlor ihre vier Kinder, weil er die Kinder standesamtlich auf seine neue Frau eintragen ließ. Und die leibliche Mutter hat keinen Beweis dafür, dass es ihre sind."

Kickboxerin Hala Al Hamrani | Bildquelle: Ute Brucker / SWR
galerie

Die saudische Kickboxerin Hala Al Hamrani erteilt anderen saudischen Frauen privat Box-Unterricht.

Nasreen Alissa berät diese Frauen ehrenamtlich. Und sie hat eine App entwickelt, die Anleitung zur Selbsthilfe gibt: "Know your rights". Viele Frauen haben kein Geld für einen Rechtsanwalt, denn trotz des Ölreichtums gibt es in Saudi Arabien viele Familien mit geringem Einkommen.

Und die wirtschaftliche Situation hat sich durch den Ölpreisverfall verschlechtert. Gezwungenermaßen steuert das Königshaus jetzt um. Mit seiner "Vision 2030" setzt der junge Kronprinz Mohammed bin Salman neue Maßstäbe: für Diversifizierung der Wirtschaft, weg von der starken Abhängigkeit vom Öl.  Die Rolle der Frauen wird gestärkt, denn man braucht ihre Arbeits- und Kaufkraft.

Forderung: Männliche Vormundschaft abschaffen

Dennoch verändern sich die Geschlechterrollen nur schrittweise. Ihre vollen Rechte können saudische Frauen nur dann erlangen, sagt Rechtsanwältin Alissa, wenn ein neues Gesetz erlassen wird, das Frauen ab einem bestimmten Alter für volljährig erklärt. Sonst bleiben sie ewig Minderjährige. Die männliche Vormundschaft muss vollends abgeschafft werden, fordern saudische Aktivistinnen.

Madeha Al Ajroush, 63,  hat als junge Frau ihren eigenen Cousin geheiratet, um sich von der Bevormundung durch ihren Vater zu lösen. "Den Cousin kannte ich", sagt sie. "Ich wusste, dass er mir Freiheit geben würde." Er war ein liberaler Vormund, hat ihr das Studium im Ausland erlaubt und ihren Kampf als Frauenrechtlerin unterstützt. Oft musste er sie von der Polizeiwache abholen, wenn sie wieder einmal wegen verbotenen Fahrens festgenommen wurde. Das jedenfalls wird jetzt nicht mehr nötig sein.

Mehr zum Thema sehen Sie in "Weltspiegel extra: Frauenpower in Saudi-Arabien", Sonntag, 17.12.2017, 19:18 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. Dezember 2017 um 21:45 Uhr.

Darstellung: