Whirpool-Fabrik in Amiens | Bildquelle: AFP

Reportage aus Amiens "Weder Le Pen noch Macron haben etwas bewirkt"

Stand: 06.05.2017 13:28 Uhr

In den Umfragen zur Stichwahl in Frankreich liegt Macron klar vor Le Pen. Besonders in den Städten punktet er, während Le Pen das Land gewinnt. Das gilt auch in Amiens - Macrons Heimatstadt. Dort zeigt sich vor einer Fabrik die Machtlosigkeit beider Politiker.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Paris, zzt. Amiens

Eigentlich will sie den jungen Franzosen in Amiens nur ein Flugblatt geben - doch die drei Männer um die 25 mit ihren modischen Bärten winken nicht nur ab, sondern lachen Laurence David Moalic direkt aus. "Sehen Sie, das ist, was uns leider immer wieder passiert," sagt sie enttäuscht und rollt den Stapel Flugblätter mit den wichtigsten Wahlzielen von Emmanuel Macron und seiner Bewegung "En Marche!" wieder zusammen.

Moalic ist Mitte 50, hat blonde Haare und trägt eine modische rote Brille. Bis vor kurzem war sie unpolitische Finanzbeamtin, durch Macron ist sie politisch aktiv geworden und scheut auch keine langen Diskussionen, um mögliche Macron-Wähler zu überzeugen. Die drei Männer - da ist sie sich sicher - sind Wähler des Front National. "Man erkennt sie daran, wie sie auf uns reagieren. Wir wären ja bereit, mit ihnen zu diskutieren, aber sie sind so verkrampft und verschlossen in ihrer Position", beklagt sie.

Wahl in Überseegebieten begonnen

Die Menschen auf der französischen Inselgruppe Saint-Pierre und Miquelon vor der kanadischen Ostküste können bereits jetzt ihre Stimmen abgeben. Dort stehen rund 5000 Franzosen auf den Wählerlisten. Auch in mehreren weiteren Überseegebieten sollen die Wahllokale wegen der Zeitverschiebung bereits heute öffnen. Der Großteil der rund 47 Millionen französischen Wahlberechtigten kann am Sonntag abstimmen.

Misstrauen gegenüber Macron-Wahlkämpfern

Amiens, knapp zwei Autostunden nördlich von Paris, ist nicht irgendeine französische Stadt. Hier ist der 39-jährige Polit-Shootingstar Emmanuel Macron geboren. Wenige Meter von den Wahlkämpfern von "En Marche!" steht ein berühmtes Schokoladengeschäft der Stadt. "Trogneux" gehört zur Familie von Macrons 25 Jahre älterer Ehefrau Brigitte.

Neben den Wahlkämpfern für Macron sitzt eine Gruppe älterer Männer auf einer Bank, sie schauen misstrauisch. "Die Macron-Leute erkennen nicht, was in Frankreich schief läuft," ärgert sich einer der Männer und rümpft die Nase. Seinen Namen will er nicht nennen, zu groß ist sein Misstrauen. "Die Medien in Frankreich sind viel zu weit nach links gerückt!", beklagt er. Le Pen sei die einzige, die sich für Frankreich einsetze und gegen die "Bevormundung durch Brüssel" sowie die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland kämpfe.

Frankreich: Zerrissen vor der Präsidentenwahl
06.05.2017, Demian von Osten, WDR

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Wäschetrockner-Fabrik zieht nach Polen

Verlagerung von Arbeitsplätzen - genau dafür ist Amiens im Wahlkampf ein Symbol geworden. 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt steht ein großes weißes Fabrikgebäude der Firma Whirlpool. Waschmaschinen und Trockner wurden hier seit Jahrzehnten produziert, die Waschmaschinenproduktion wanderte 2002 in die Slowakei, Hunderte Arbeitsplätze fielen weg.

Im Januar kündigte die neue Firmenleitung an, auch die Wäschetrockner-Sparte nach Osteuropa zu verlagern, in ein Werk nach Polen. Noch einmal standen 290 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Arbeiter fingen vor knapp zwei Wochen einen Streik an, verriegelten das Werkstor mit Stacheldraht, errichteten Zelte und türmten alte Autoreifen auf. Die brennen seitdem regelmäßig, die Rauchsäule macht den Protest weithin sichtbar.

Le Pen vor der Whirpool-Fabrik in Amiens | Bildquelle: AFP
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Le Pen vor der Whirpool-Fabrik in Amiens

"Politiker haben viel versprochen, aber nichts gehalten"

Kurz nach dem ersten Wahlgang traf Macron Gewerkschaftler hinter verschlossenen Türen. Plötzlich tauchte seine Konkurrentin Le Pen wenige Kilometer entfernt am Werkstor auf, Dutzende Journalisten und Kameras im Schlepptau. Die Bilder gingen um die Welt, Beobachter werteten es als politischen Coup. "Whirlpool Amiens wird nicht schließen! Dafür werde ich mich einsetzen!" versprach die Kandidatin des Front National den Arbeitern.

Als Macron wenige Stunden später auch mit den Arbeitern sprach, wurde er ausgebuht. Jetzt, zehn Tage später, ist Politik vor dem Werkstor tabu. "Le Pen und Macron haben ihre Fotos gemacht, aber das wars" sagt ein 43-jähriger Reparateur. Mehr als 20 Jahre ist er in der Firma, hat Kinder, die zur Schule gehen. Er macht sich Sorgen um die Miete. "Bei der Politik sind wir gespalten," beschreibt er die Stimmung unter den Angestellten. "Alle Politiker, die vorher hier vorbeigekommen sind, haben viel versprochen, aber nichts gemacht."

"Es gibt hier nicht mehr viele Leute, die an die Politik glauben," sagt Frédéric Chanterelle von der Gewerkschaft CFDT. Er kommt gerade zurück von Verhandlungen mit der Geschäftsleitung. Längst geht es nicht mehr darum, die Schließung des Werkes zu verhindern, sondern nur noch um einen Sozialplan. "Die Besuche der Politiker haben uns geholfen, mediale Aufmerksamkeit zu erzielen und damit den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen", gesteht Chanterelle zu. "Sonst haben sie aber nichts gebracht."

Macron-Unterstützer in Amiens | Bildquelle: AFP
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Macron-Unterstützer in Amiens

Macron gewinnt die Städte, Le Pen das Land

In Amiens haben 28 Prozent im ersten Wahlgang für Macron gestimmt, doch im zugehörigen Département Somme sieht es anders aus: Mehr als 30 Prozent der Stimmen gingen an Le Pen. Ein Bild, das sich überall in Frankreich gezeigt hat: Le Pen gewinnt auf dem Land, Macron in den Städten. Dies hat sich auch auf die Wahlkampfstrategie der Kandidaten ausgewirkt: Le Pen hat mehr als die Hälfte ihrer Wahlkampfveranstaltungen seit Februar in Orten mit weniger als 5000 Einwohnern absolviert, Macron war dagegen fast nur noch in Großstädten unterwegs.

Letzte Umfragen sehen Macron deutlich vor Le Pen, der Abstand ist zunächst weiter gewachsen. Arbeitslosigkeit, Integrationsprobleme vor allem in den Banlieues, die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union - es sind diese Themen, die die Menschen im alten industriellen Norden Frankreichs umtreiben. Wird der nächste französische Präsident oder Präsidentin es schaffen, diese Probleme anzugehen? Die Menschen sind skeptisch. Zu oft haben sie erlebt, wie große Fabriken schließen, Arbeitsplätze wegfallen. Das Misstrauen gegenüber Entscheidungen "aus Brüssel" ist groß und wird vom Front National genutzt und weiter geschürt.

Macron, auf der anderen Seite, wird nur von den einen als politischer Erneuerer, von den anderen als Vertreter des verhassten politischen Establishments gesehen. Ähnlich wie bei der Abstimmung in Großbritannien über den Brexit oder bei der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ist jetzt auch Frankreich ein gespaltenes Land.

Whirpool-Fabrik in Amiens
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Abgebrannte Reifen vor der Whirpool-Fabrik in Amiens: "Weder Le Pen noch Macron haben da etwas bewirkt!"

Abfindungen bei Whirlpool

Es ist Abend geworden in Amiens. Vor dem Werkstor von Whirlpool brennt ein dicker Lkw-Reifen, die Flammen lodern höher als zuvor. Auf einem Grill brutzeln Würstchen, gerade werden zwei neue Fässer Bier herangekarrt. Es ist Feierstimmung unter den Arbeitern, denn auf einmal gibt es so etwas wie eine "Einigung": Die Geschäftsleitung hat sich mit Hilfe eines Vermittlers bewegt, die Arbeiter bekommen höhere Abfindungen. Und die Gewerkschaft hat zugestimmt - zähneknirschend: "Ich kann es keine Einigung nennen, wenn das Werk trotzdem schließt", sagt Gewerkschafter Chanterelle.

Auch wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren werden, sind die Arbeiter erleichtert und ein kleines bisschen stolz: "Das ist das Verdienst unseres Streiks, unseres Einsatzes hier. Weder Le Pen noch Macron haben da etwas bewirkt!"

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. Mai 2017 um 15:00 Uhr.

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