Ein Ausschnitt aus dem Video von Jordi M. zeigt die Attentäter | Bildquelle: REUTERS

Ursachen für den Terror in Frankreich Von Antisemitismus und Banlieues

Stand: 20.01.2015 12:47 Uhr

Nach den Anschlägen diskutiert Frankreich weiter über die Ursachen des Terrors. Warum haben sich junge Franzosen so radikalisiert? Experten sehen ideologische und soziale Gründe - und empfehlen eine Doppelstrategie gegen den Terror.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Warum erschießen junge Menschen Journalisten oder Menschen in einem jüdischen Supermarkt? Eine Frage, die seit den Anschlägen von Paris intensiv diskutiert wird. "Niemand wird als Dschihadist geboren, er wird dazu gemacht", betont der Journalist Yassin Musharbash im Deutschlandfunk. Das klinge zwar wie eine Binsenweisheit, doch tatsächlich "liegt hier ein Lösungsansatz verborgen, der in der Terrorbekämpfung viel zu kurz kommt." Eine intelligente Terrorbekämpfung setze nicht nur auf Repression, sondern auch auf Prävention.

Ähnlich argumentiert die französische Autorin Cécile Wajsbrot: Wichtiger als die Entfremdung zwischen den Ethnien und Religionen scheine ihr die soziale Spaltung der Gesellschaft zu sein. Man könnte sagen, so Wajsbrot in der Neuen Zürcher Zeitung, es sei die Spaltung zwischen Namen. "Zwischen Leuten, die einen französischen Namen besitzen, und jenen, die einen fremdländischen Namen haben." Es werde ihnen "zu verstehen gegeben, dass sie anders sind und nicht dazugehören. Es ist nicht unbedingt ein bewusster Rassismus, aber es fehlt an einer Tradition des Respekts und der Anerkennung."

Ist die Mehrheitsgesellschaft also schuld? Sind die Attentäter von Paris und andere Terroristen Produkte von Armut, Ausgrenzung und Rassismus? Es gebe entsprechende soziale Bedingungen, die in der Tat die Entstehung solcher Tragödien begünstigten, betont der Soziologe Dietmar Loch. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt der Professor der Universität Lille, dass soziale Ausgrenzung und rassistische sowie sozialräumliche Diskriminierung vor allem gegenüber den in den französischen Vorstädten lebenden Jugendlichen mit postkolonialem Hintergrund seit Jahrzehnten präsent und bekannt seien.

Die Frustration über die eigene Situation sei der Nährboden, so Loch. Gleichzeitig müsse es dazu aber ein entsprechendes ideologisches Angebot geben - wie beispielsweise im heutigen internationalen Kontext den Islamismus. Auf individueller Ebene seien es schließlich persönliche Erfahrungen dieser jungen Menschen, die zu Brüchen in der Biografie führen. Solche Brüche liefen zumeist nach folgendem Muster ab: Abgleiten in die Delinquenz, Aufenthalt im Gefängnis, dortige Radikalisierung durch Mitinsassen. Allerdings würden nur die allerwenigsten Jugendlichen diesen Weg der Radikalisierung einschlagen, auf dem sie dann für ihr individuelles Handeln zum allein verantwortlichen Täter werden.

Lehrer und Seelsorger überfordert

Auch Ahmed Coulibaly, einer der drei Mörder von Paris, habe sich erst in einem französischen Gefängnis radikalisiert, betont Journalist Musharbash. Gleiches gelte für Mohammed Merah, der im März 2012 in Toulouse sieben Menschen ermordete. "Es ist keine Weinerlichkeit, wenn muslimische Gefangenenseelsorger in Frankreich seit Jahr und Tag beklagen, wie wenig sie den Radikalisierern entgegensetzen können: Weil sie zu wenig Zeit haben; weil es zu wenige von ihnen gibt; weil sie kaum Geld für ihre Arbeit bekommen. Sie sehen, wie Gefängnisse zu Brutstätten des Hasses werden."

Screenshot aus dem Bekennervideo von Amedy Coulibaly | Bildquelle: AFP
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Screenshot aus dem Bekennervideo von Amedy Coulibaly

Auch die Schulen seien mit neuen Problemen konfrontiert, sagt die Journalistin Beate Klarsfeld. Die Lehrer seien nicht dafür ausgebildet, wenn Schüler eine Gedenkminute für "Charlie Hebdo" verweigerten. Der Lehrer Eric Bettancourt beispielsweise unterrichtet Zehnjährige in einer Schule der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois. In seiner Klasse hätten sich mehrere Schüler geweigert, die Schweigeminute für die Opfer einzuhalten, sagte er im Fernsehen: "Sie haben gesagt, die Morde seien gerechtfertigt, weil es verboten sei, den Propheten mit Zeichnungen oder Worten zu beleidigen." Vereine versuchen, Kinder und Jugendliche über die Religionen aufzuklären, um solche Tendenzen zu bekämpfen.

Die Bildung sei entscheidend, meint auch Autorin Wajsbrot. "Nur in der Schule kommen alle Schichten zusammen", betont sie. "Für viele ist sie der einzige Ort, wo man etwas lernen kann. Die Familie kann ein Lebensquell, aber auch ein Albtraum sein. Die Schule sprengt die Enge heimischer Verhältnisse." Doch in einer Gesellschaft, "in der die Werte auseinanderdriften und der Hass sich aggressiv ausbreitet, braucht es Nerven und Mut, Lehrer zu sein", so Wajsbrot. "In der Bedrohung der jüdischen Schulen durch den islamistischen Terror kulminiert der Konflikt. Natürlich kann man zur Beruhigung der Eltern Polizisten mit Waffen vor den Eingang stellen, aber auf mich wirkt das eher bedrohlich, und es löst die Probleme nicht."

"Juden sehr niedergeschlagen"

Denn zum Islamismus gehört der Antisemitismus: Nicht zufällig hat sich Attentäter Coulibaly einen jüdischen Supermarkt für seine Geiselnahme ausgesucht. Dementsprechend sei die Stimmung in der jüdischen Bevölkerung des Landes "sehr niedergeschlagen", sagt die Journalistin Klarsfeld, die in Paris lebt. Im Gespräch mit tagesschau.de verweist sie auf die Attacken auf Juden oder jüdische Einrichtungen in den vergangenen Jahren. Eine solche Demonstration wie jetzt in Paris hätte es nie gegeben, wenn die Opfer ausschließlich Juden gewesen wären, glaubt sie. Dennoch: Der Antisemitismus in Frankreich sei nicht sehr ausgeprägt, so Klarsfeld, sondern vor allem bei Links- und Rechtsextremen und Islamisten verbreitet, wie im Sommer bei den gewalttätigen Demonstrationen gegen Israel zu sehen gewesen sei.

Auch die Autorin Gila Lustiger meint, dass die Zivilgesellschaft in Frankreich nicht antisemitisch sei. Es handele sich um ein islamisches und sehr gewalttätiges Phänomen, so Lustiger im Deutschlandradio Kultur. "Ich will damit nicht sagen, dass alle Moslems Antisemiten sind, aber der Antisemitismus kommt heute aus dieser Ecke." Es handele sich nicht nur verbale Attacken, sondern um Molotowcocktails auf Synagogen und Überfälle auf jüdische Mitbürger.

Eine Studie aus dem Jahr 2014 bestätigt den Eindruck teilweise - allerdings ist der Antisemitismus demnach längst kein reines Problem von islamischen Communities. Forscher Dominique Reynié hat mit seinem Team eine Studie über "neuen Antisemitismus" vorgelegt. "Die französische Gesellschaft ist nicht von Antisemitismus durchzogen", betonte Reynié, aber es gebe "antisemitische Zonen" - und zwar bedeutende: "Den Front National, die Muslime, je stärker sie ihre Religion praktizieren, aber auch einen Teil der Linken, die Linksfront, und schließlich soziale Netzwerke und die Video-Plattformen im Internet."

Der französische Premier Manuel Valls prangerte jüngst in einer emotionalen Rede den neuen Antisemitismus an: Es gebe den alten, historischen Antisemitismus, doch mittlerweile sei in der eigenen Nachbarschaft, im Internet eine neue Form entstanden. Frankreich befinde sich im Krieg, so Valls, nicht gegen eine Religion, sondern gegen Terrorismus und radikalen Islamismus.

Doppelstrategie gegen die islamistische Gefahr

Aber wie soll dieser Krieg gewonnen werden? Die Biografien der Täter von Paris, die nun in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden, scheinen nicht wirklich zielführend zu sein, sagt Ulrich Bielefeld, Soziologe vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Gegenüber tagesschau.de betont er, es handele sich dabei um "Massenlebensläufe von Einwanderern" in Frankreich - doch es gebe nur ausnahmsweise so eine Radikalisierung wie bei den Attentätern.

Ein Ausschnitt aus dem Video von Jordi M. zeigt die Attentäter | Bildquelle: REUTERS
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Ein Ausschnitt aus dem Video von Jordi M. zeigt die Attentäter

Bielefeld warnt vor der hohen Gewaltbereitschaft junger Männer, die skrupellos ihre Opfer töteten. Hier sieht auch die Autorin Lustiger die Hauptgefahr: Diese jungen Männer seien frustriert und hätten sich diese neue Identität geschaffen mit einer Art "Do-it-yourself-Islam". Dieser Islam sei sehr gewalttätig, antisemitisch, frauenfeindlich und homophob. "Diese Männer sind eine Gefahr für die Demokratie" - und zwar nicht, weil sie in der Mehrheit seien, so Lustiger. Sie seien "eine Gefahr, weil sie eben so gewalttätig sind".

Soziologe Loch plädiert für eine Doppelstrategie gegen die Radikalisierung von Jugendlichen: Zum einen müsse es in Frankreich angesichts der Probleme in den Banlieues endlich eine nachhaltige Stadtpolitik geben. Zum anderen müsse auf ideologischer Ebene den jungen Menschen ein glaubwürdiges republikanisches Angebot gemacht werden. "Viele Jugendliche sind enttäuscht von der Republik", so Loch - "und das nicht erst seit gestern".

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