Migranten in Agadez auf dem Weg in die Wüste.

Flüchtlinge in Westafrika Tote im Sandmeer

Stand: 18.06.2015 08:37 Uhr

Im Mittelmeer sterben fast täglich Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Vergessen werden diejeningen, die es gar nicht bis an die Küsten Nordafrikas schaffen. Experten schätzen, dass in der Sahara fast ebenso viele umkommen wie im Mittelmeer.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Koudougou Adama hat sein "Ticket ins Glück", so nennt er es jedenfalls. Bald soll es endlich losgehen, von Agadez, im Norden des Niger, bis nach Libyen. Von dort will er mit dem Boot nach Lampedusa. Nach Europa. Das Risiko kennt der junge Mann aus Burkina Faso genau. Es kann Jahre dauern, bis er es nach Europa schafft - wenn überhaupt.

Drei Tage Fahrt sind es allein von Agadez bis in den Süden von Libyen. Wenn nichts dazwischenkommt. Die Route sei extrem gefährlich, sagt der Mann: "Man fährt eben nicht auf asphaltierten Straßen, es geht auf Pisten quer durch die Sahara. Unser Lkw hat zwar Allradantrieb, aber er ist völlig überladen, und mit 30, 40 Personen unterwegs. Und wer keinen guten Platz ergattert, wenn es losgeht, der riskiert, irgendwann runterzufallen - und zu sterben."

So viele Tote wie im Mittelmeer

So muss es den Männern, Frauen und Kindern ergangen sein, deren verweste Leichen gerade gefunden wurden, nordwestlich von Agadez, am Rande der Ténéré-Wüste. Alle stammten aus Westafrika, alle seien auf der Reise nach Libyen verdurstet, so die Internationale Organisation für Migration (IOM). Experten schätzen, dass in der Wüste fast ebenso viele Menschen umkommen wie im Mittelmeer.

Flüchtlinge sitzen auf der Ladefläche eines Lkw | Bildquelle: REUTERS
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Flüchtlinge sitzen in Agadez auf der Ladefläche eines Lkw, der sich auf dem Weg in die Wüste macht. Auf der gefährlichen Route durch die Sahara versuchen sie Libyen zu erreichen.

In Agadez kursieren viele Geschichten von Leichen und Skeletten am Wegesrand. Die Stadt am Rande der nigrischen Wüste ist zum Warteraum für Menschen aus Nigeria, Mali, Senegal, Ghana, aus ganz Westafrika geworden. In Ghettos hoffen sie auf ihre Chance, für die sie teuer bezahlt haben. Agadez ist ein Paradies für Schmuggler und Schlepper, darunter auch Polizisten und Militärs. Und für die Migranten ist Agadez eine Tür zu einem Friedhof aus Sand.

Die Migranten sterben - den Schleppern ist es egal

Siradji Mahamadou hat das in Kauf genommen. Er kommt aus dem Süden des Niger, aus Diffa - dort kam die radikalislamische Terrormiliz Boko Haram aus Nigeria über die Grenze und tötete seine Familie. Schon einmal hatte Siradji Mahamadou sich nach Libyen durchgeschlagen - und wurde abgeschoben.

Jetzt ist er wieder in Agadez, will es wieder versuchen. Auch wenn er genau weiß, was ihm bevorsteht: "Die Migranten sterben unterwegs, aber den Schleppern ist das egal. Und wenn man es tatsächlich doch nach Libyen schafft - dann gehen die Probleme erst los. In Libyen gibt es keinen Staat mehr, das ist natürlich einerseits gut für uns, weil es keine Kontrollen gibt. Andererseits aber ist man komplett auf sich allein gestellt, der tägliche Rassismus dort ist einfach furchtbar."

Flüchtlinge werden misshandelt

Amadou Maliki von der Internationalen Organisation für Migration kümmert sich in einem kleinen Büro in Agadez um die Migranten. Er berichtet, dass Flüchtlinge in Libyen oder Algerien schwer misshandelt worden seien: "Einige kommen mit Schussverletzungen zurück, andere mit Knochenbrüchen. Man kann davon ausgehen, dass sie Unvorstellbares haben ertragen müssen - in ihrer Heimat oder in den Ländern Nordafrikas, in denen sie dann ankommen."

Amadou Maliki warnt die Menschen vor den Gefahren: Sandstürme, große Hitze, korrupte Beamte, islamistische Terrormilizen. Aber aufhalten kann er sie nicht. Von der Idee der EU, in Städten wie Agadez Auffanglager zu bauen, hält der IOM-Mitarbeiter nichts. Es sei sinnvoller, mit dem Geld die Lage der Menschen in den Herkunftsländern zu verbessern. Damit sie gar nicht erst nach Agadez kommen.

Tod in der Sahara: Flüchtlinge im Norden des Niger
A. Göbel, ARD Rabat
18.06.2015 07:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Juni 2015 um 06:00 Uhr.

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