Syrische Flüchtlinge in Jordanien: Zeltlager an syrisch-jordanischer Grenze | Bildquelle: AP

Lage der Flüchtlinge in Jordanien Dann lieber zurück nach Syrien

Stand: 08.12.2015 16:10 Uhr

Der Gauck-Besuch in Jordanien zeigt erneut die prekäre Lage der Flüchtlinge in Syriens Nachbarländern. Tausende sind deshalb bereits nach Europa geflüchtet. Zwar hat sich die Situation ein wenig verbessert, doch Entwarnung gibt es noch lange nicht.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Im Grunde hatte Achmed genau zwei Möglichkeiten: Nach Europa zu fliehen und sein Leben zu riskieren. Oder: Nach Syrien zurückzukehren und sein Leben zu riskieren. In Jordanien zu bleiben, wo er seit 2013 mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern in wechselnden kargen Behausungen lebte, war keine Option.

"Es ist für mich immer wieder schockierend mitzubekommen, wie Menschen solche Entscheidungen zwischen Leben und Tod treffen", sagt Volker Schimmel, UNHCR-Koordinator in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Achmed hat sich - wie Tausende andere - für Europa entschieden. Alles oder Nichts. Immerhin hatte er so eine kleine Chance auf ein glückliches Leben.

Zurück nach Syrien in den Bürgerkrieg?

Falls Achmed es nicht schaffen sollte, wird die Mutter mit den drei Kindern nach Syrien zurückgehen, so hat die Familie es vor der Abreise des Vaters vereinbart. Nach Syrien, wo der Familie im Bürgerkrieg der Tod durch Bomben droht. "Kann es ein stärkeres Statement für das Elend der Flüchtlinge hier geben?", fragt Schimmel. Nach längerer Odyssee hat Achmed es schließlich nach Holland geschafft und versucht jetzt, seine Familie nachzuholen.

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Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Syrische Flüchtlinge in Jordanien: Asrak

Etwa 633.000 Syrer sind nach Jordanien geflohen. Das Land, ein Nachbarstaat Syriens, hat selbst nur etwa 6,5 Millionen Einwohner. Knapp 27.000 Menschen leben in dem UNHCR-Flüchtlingslager Asrak. | Bildquelle: AP

Für die Zurückgebliebenen in Jordanien ist die Situation nach wie vor dramatisch. 85 Prozent leben außerhalb der Flüchtlingslager, in Städten und Dörfern, oft zu völlig überteuerten Preisen in menschenunwürdigen Unterkünften. "Ich kenne eine Familie, die in einem leer geräumten Hühnerstall wohnt, andere leben im Keller eines Gerichtsgebäudes, wo sie nicht einmal direkten Zugang zu Toiletten haben", sagt Schimmel im Gespräch mit tagesschau.de.

Weil Syrer in Jordanien nur in absoluten Ausnahmefällen eine Arbeitserlaubnis bekommen, müssen die Familien ohne gesichertes Einkommen überleben. Viele versuchen, sich mit illegaler Arbeit durchzuschlagen. Doch weil die jordanische Regierung dagegen inzwischen schärfer vorgeht, schicken sie oft auch ihre Kinder zu Gelegenheitsjobs. Wenn die erwischt werden, wird die Familie wenigstens nicht abgeschoben. Eine Perspektive auf ein besseres Leben in Jordanien haben die Menschen nicht.

In Jordanien kippte die Situation Anfang des Jahres

Die jordanische Regierung bemüht sich zwar um die Flüchtlinge, indem sie versucht, Schulplätze für Flüchtlingskinder und Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Und auch die Bevölkerung zeigte sich bislang überraschend solidarisch: Manche nahmen syrische Familien bei sich auf. Doch das Land ist mit der großen Masse der Flüchtlinge völlig überfordert. Etwa 630.000 sind es derzeit nach UNHCR-Angaben, das entspricht etwa 10 Prozent der jordanischen Bevölkerung.

Vollends gekippt war die Situation Anfang des Jahres, als die UN-Hilfswerke ihre Finanzierung für die Flüchtlinge in der Region drastisch kürzen mussten. Die Spendenbereitschaft der internationalen Geldgeber sank, je länger die Krise andauerte, die zugesagten Mittel flossen nicht oder zu langsam. Auch aus Deutschland kam das Geld nicht schnell genug, obwohl die UN bereits ein Jahr im Voraus immer wieder SOS-Appelle an die Weltgemeinschaft richtete.

Eine Flüchtlingswanderung mit Ansage

Daraufhin musste das UN-Welternährungsprogramm WFP, das sich um die Nahrungsmittelversorgung Notleidender in Syrien in den Nachbarländern kümmert, seine Hilfen drastisch kürzen. Statt vorher 28 Dollar pro Monat pro Person, konnten nur noch etwa 13,50 Dollar gezahlt werden. Die Menschen litten buchstäblich Hunger. Die Folge: Ein Exodus der Flüchtlinge, die in den Nachbarländern Syriens untergekommen waren, Richtung Europa.

Erst als in den Sommermonaten die Flüchtlingszahlen in Europa sprunghaft anstiegen, wachten die Europäer auf. Ende September trafen sich die Staats- und Regierungschefs in Brüssel und beschlossen neue Hilfszahlungen. Seitdem wurden darüber hinaus weitere Programme und neu aufgelegte Hilfsfonds ins Leben gerufen.

Insgesamt haben sich die europäischen Staaten und die EU-Kommission seit diesem Treffen zu 5,6 Milliarden Euro zur Bekämpfung von Fluchtursachen und humanitärer Hilfe für Flüchtlinge in der Region verpflichtet. Deutschland hat aus seinen Fehlern gelernt und die Hilfen deutlich aufgestockt. Zwar stehen alles in allem rund 2,2 Milliarden Euro noch aus. Doch schon jetzt sind die Verbesserungen in der Region spürbar. Das WFP konnte die Zahlungen für die Lebensmittelhilfe zwar noch nicht wieder auf den vollen Satz erhöhen. Aber immerhin bekommen die Flüchtlinge laut WFP-Sprecherin Maria Smentek inzwischen wieder 21 Dollar pro Monat.

300.000 Menschen in Jordanien winterfest

Auch in Jordanien hat sich etwas getan: Anfang September hatten die Hilfsorganisationen in Jordanien gerademal die Mittel, um ein paar tausend Familien über den Winter zu helfen. Mittlerweile haben sie das Geld zusammen, um beinahe 300.000 Menschen mit Decken, warmer Kleidung, Heizungen und Isoliermaterial zu versorgen, bilanziert UNHCR-Koordinator Volker Schimmel.

Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesamtsituation der syrischen Nachbarländer nach wie vor prekär ist. Der Libanon beispielsweise, wo derzeit knapp 1,1 Millionen Flüchtlinge leben - das entspricht einem Viertel der libanesischen Bevölkerung - steht kurz vor dem Kollaps. Der Staat kümmert sich nicht um die Flüchtlinge, da es seit eineinhalb Jahren keinen Präsidenten mehr gibt. Offizielle Flüchtlingslager gibt es nicht, die Menschen sind sich selbst überlassen.

Sie leben auf den Straßen oder siedeln sich in Slums an, 70 Prozent leben unter der Armutsgrenze, nur etwas mehr als ein Viertel der Flüchtlingskinder geht zur Schule. An manchen Orten, wie dem 5600-Einwohner-Dorf Ghazze, ist die Infrastruktur zusammengebrochen, Wasser- und Stromversorgung sind rationiert. Die Spannungen in der Bevölkerung steigen. Dass es noch nicht zu größeren Ausschreitungen gekommen ist, grenzt an ein Wunder.

Libanon und Jordanien bräuchten Strukturhilfe

Wie lange das noch gut geht, weiß niemand. Schon jetzt fliehen auch ärmere Libanesen Richtung Europa und versuchen, sich als Syrer auszugeben. Nach Einschätzung internationaler Experten ist es mit Almosen allein nicht getan. Der Libanon und auch Jordanien bräuchten strukturelle Hilfe, damit die ärmere einheimische Bevölkerung und die im Land lebenden Flüchtlinge eine Zukunftsperspektive haben.

Doch es liegt in der Natur der Sache, dass die Finanzierung für lang andauernde Krisen immer schleppender wird. Nach einer Weile lässt die Berichterstattung nach, andere Krisen rücken in den Fokus. Volker Schimmel vom UNHCR fragt sich deshalb schon jetzt, wie es in Jordanien 2016 weitergeht, wenn die jetzt zugesagten Gelder aufgebraucht sind: "Meine große Sorge ist, dass die internationale Gemeinschaft nicht aus den Fehlern lernt und uns im kommenden Jahr die Gelder wieder ausgehen werden."

Gauck fordert mehr internationale Hilfe für Flüchtlinge
tagesschau 20:00 Uhr, 08.12.2015, Annekarin Lammers, ARD Berlin

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