Migranten versuchen über die Absperrung am Eurotunnel in Calais zu gelangen | Bildquelle: AFP

Flüchtlingsdrama am Eurotunnel Das Warten auf die Gelegenheit

Stand: 30.07.2015 11:51 Uhr

Jeden Tag und vor allem jede Nacht versuchen Flüchtlinge durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Bis zu 5000 Flüchtlinge warten im französischen Calais auf eine Gelegenheit. Die Zustände dort sind zum Teil haarsträubend.

Von Barbara Kostolnik, ARD-Hörfunkstudio Paris

Das erste, was auffällt, wenn man in diese nordfranzösische Stadt hineinfährt: die Zäune. Entlang der Autobahn meterhohe Metall-Gitter, vor dem Hafen, dem Herz von Calais, ist noch rasiermesserscharfer NATO-Stacheldraht auf die Zäune montiert. All das soll die Flüchtlinge, die zu Tausenden nach Calais kommen, davon abhalten, ihr Traumziel England zu erreichen.

Warten im Camp "The Jungle"

Und die Flüchtlinge sind überall. In der Stadt  kaufen sie billige Konserven ein, die sie dann in einem der vielen Lager unter freiem Himmel erhitzen. Die Zustände sind haarsträubend: Wasser holen sie sich von einem Hydranten, Toiletten gibt es nicht. Jetzt im Sommer ist es brüllend heiß, im Winter war es eisig unter den Plastik-Planen. Und dazu der Druck, weg zu müssen. Der Zwang, es endlich ins gelobte England zu schaffen. Die Flüchtlinge von Calais wollen alle nach England, um dort Asyl zu beantragen, im Schnitt dauert es in Großbritannien sechs Monate, um einen Bescheid zu bekommen, in Frankreich sind es 18 Monate.

Erfolgsgeschichten sind rar

Ich habe einen Syrer getroffen, der es später nach England geschafft hat, auf der Achse eines LKW. Mohamad kam aus Kobane, der Stadt, die die Terrormiliz "Islamischer Staat" so zugerichtet hat. Er ist Englisch-Lehrer und jetzt eben in England, wo er noch ehrenamtlich als Übersetzer arbeitet. Aber bald schon will er richtig arbeiten, seine Papiere hat er schon. Er ist anerkannt worden. Solche Erfolgsgeschichten sind rar in Calais. Der Frust ist groß.

Das Flüchtlingscamp, genannt "The Jungle", aus selbstgebauten Zelten in Calais | Bildquelle: AFP
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Das Flüchtlingscamp, genannt "The Jungle", aus selbstgebauten Zelten in Calais

Frust und Wut

Die meisten Flüchtlinge haben tausende Kilometer hinter sich gebracht, durch die Wüste, über das Mittelmeer. Sie haben viel Geld an Schlepper gezahlt, und nun haben sie England in Sichtweite und dürfen doch nicht hin. Kein Wunder, dass sich auch die Übergriffe häufen. Viele fangen an zu trinken. Das sei die eigentliche Gefahr, erzählt ein Vertreter einer Flüchtlingsorganisation in Calais, dass sich Frust und Wut in Gewalttaten entlade.

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Flüchtlinge vor dem Eurotunnel bei Calais

Migranten am Eurotunnel Calais

Flüchtlinge in der Nacht bei Calais auf dem Weg Richtung Eurotunnel auf der Suche nach einer Gelegenheit, Großbritannien zu erreichen. | Bildquelle: AP

Oft weiß man nicht, wer der Tote ist

Flüchtlinge suchen nach einer Lkw-Mitfahrgelegenheit vor dem Eingang zum Eurotunnel | Bildquelle: REUTERS
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Flüchtlinge suchen nach einer Lkw-Mitfahrgelegenheit vor dem Eingang zum Eurotunnel

Denn es wird immer schwieriger für die Flüchtlinge, ihr Ziel zu erreichen. Der Hafen ist mittlerweile komplett abgeriegelt, sogar die Autobahn, die zum Hafen führt, ist von Metallgittern umgeben. Also weichen viele Flüchtlinge aus. Sie versuchen, schon hunderte Kilometer vor Calais auf Raststätten auf die Ladeflächen der Lkw zu gelangen und sich in der Fracht zu verstecken, zum Teil zwischen Obst und Gemüse bei vier Grad Celsius. Oder sie versuchen, irgendwie in die Nähe des Eurotunnels zu gelangen. Dann springen sie von oben auf die Gleise vor dem Tunneleingang, manche überwinden die Gitter und stürmen in Richtung der Züge, die hineinfahren. Das ist lebensgefährlich und dabei sind schon neun Menschen ums Leben gekommen. Oft weiß man nicht einmal, wer der Tote ist, die Flüchtlinge in Calais haben selten Papiere bei sich, und wenn, dann sind sie gefälscht.

Dass nun Frankreich und Großbritannien noch einmal Millionen in die Hand nehmen, um die Absperranlagen zu verstärken, zeigt die ganze Hilflosigkeit: Denn das wird die Flüchtlinge mit Sicherheit nicht davon abhalten, weiter nach England zu wollen.

Fruststadt Calais
B. Kostolnik, ARD Paris
29.07.2015 23:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Juli 2015 um 14:00 Uhr.

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