Spanische Feuerwehrleute helfen Flüchtlingen vor Lesbos (Foto: ProemAid)

Spanische Helfer vor Gericht Lebensretter oder Straftäter?

Stand: 21.02.2018 06:21 Uhr

Sie wollten helfen und dabei alle Regeln einhalten - trotzdem stehen spanische Feuerwehrleute in Griechenland vor Gericht, weil sie Flüchtlinge aus dem Meer gerettet haben.

Von Natalia Bachmayer, ARD-Studio Madrid

Im Mai beginnt in Griechenland ein Prozess gegen drei spanische Feuerwehrmänner. Sie sollen Flüchtlingen illegal bei der Einreise nach Griechenland geholfen haben. Werden sie verurteilt, droht ihnen bis zu zehn Jahre Haft.

Bis zuletzt hatten sie geglaubt, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen würde. Der gesunde Menschenverstand, sagt Manuel Blanco, hätte den griechischen Ermittlern doch einfach sagen müssen, dass hier keine Menschenhändler am Werk sind. "Dass uns jetzt der Prozess gemacht wird, ist surreal. Wir haben einfach das getan, was wir am besten können: Leben retten. Und wir haben nie einen Cent für unseren Einsatz genommen."

Manuel Blanco, Feuerwehrmann aus Sevilla
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Manuel Blanco, Feuerwehrmann aus Sevilla, ist in Griechenland angeklagt...

Enrique Rodríguez (links) und Julio Latorre
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... ebenso wie seine Kollegen Enrique Rodríguez (l.) und Julio Latorre.

Im Urlaub als Helfer im Einsatz

Im Dezember 2015 nehmen der Feuerwehrmann Blanco und zwei seiner Kollegen Urlaub. Sie melden sich für den freiwilligen Einsatz auf der griechischen Insel Lesbos. Es ist Winter, in den Fernsehnachrichten haben sie gesehen, wie Menschen zu Dutzenden im eisigen Wasser des Mittelmeers ertrinken. "Zu unserer Ausbildung gehört auch die Seenotrettung. Wir ahnten, dass man uns da gebrauchen kann."

An die Regeln gehalten

Als Beamte wissen die drei, dass alles ordnungsgemäß ablaufen muss. Sie fahren mit der Hilfsorganisation ProemAid nach Griechenland, für die auch Ärzte, Krankenpfleger und Polizisten arbeiten. Sie melden ihren Aufenthalt bei der spanischen Botschaft in Athen an, nehmen Kontakt zu den örtlichen Behörden auf, legen alle erforderlichen Dokumente vor. Ständig halten sie mit den griechischen Beamten Kontakt.

Nicht einen Augenblick glauben sie, dass ihr Engagement unerwünscht sein könnte - einmal bittet sie sogar die Küstenwache, sich um ein Boot zu kümmern, das seine Position auf dem Meer seit Stunden nicht mehr verändert hat.

Spanische Feuerwehrleute helfen Flüchtlingen vor Lesbos (Foto: ProemAid)
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Die Helfer arbeiteten sogar mit der Küstenwache zusammen - und wurden trotzdem eines Verbrechens beschuldigt. (Foto: ProemAid)

Vom Boot ins Gefängnis

So gehen mehrere Einsätze problemlos über die Bühne, bevor sie in einer Nacht im Januar aufgegriffen werden - ausgerechnet von  der Küstenwache, mit der sie vorher schon zusammengearbeitet haben. Flüchtlinge haben sie nicht an Bord. Dennoch werden sie aufgefordert, mit in den Hafen zu kommen. Dort nimmt sie die Polizei fest, erst nach drei Tagen Gefängnis kommen sie wieder frei.  

"Wir wissen bis heute nicht, warum das plötzlich so gekippt ist", sagt Paula Schmid Porras, die Anwältin der Feuerwehrmänner. Ihre Mandanten seien eigentlich hoch willkommen gewesen. Man habe sie als pragmatische Fachleute akzeptiert - nie hätten sie den Eindruck erweckt, auf einer politischen Mission zu sein.

Chaotische Zustände

Ihre Vermutung: Zu dieser Zeit kamen täglich Tausende von Flüchtlingen auf Lesbos an, mehrere Hilfsorganisationen arbeiteten nebeneinander her, gleichzeitig waren die europäischen Grenzschützer von Frontex im Einsatz. Möglicherweise waren die griechischen Behörden schlicht überfordert und fürchteten, auf den Gewässern um die Insel den Überblick zu verlieren.

Fest steht: Auch zwei Jahre nach diesen Ereignissen findet die griechische Justiz nicht, dass es sich um ein Versehen handelt. Der Prozess gegen Manuel Blanco und seine Kollegen beginnt am 7. Mai, die Anklage lautet auf "Illegalen Transport von Personen, die keine Genehmigung hatten, griechischen Boden zu betreten".

Spanische Feuerwehrleute helfen Flüchtlingen vor Lesbos (Foto: ProemAid)
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Vor Lesbos kamen täglich Tausende Flüchtlinge an. (Foto: ProemAid)

Viele weitere Helfer betroffen

Ihre Mandanten befinden sich in guter Gesellschaft, weiß Paula Schmid Porras. In ganz Europa kenne sie 40 bis 50 vergleichbare Fälle - in der Schweiz, in Frankreich, in Dänemark, in Italien. Dass diese Länder gewerbsmäßigen Menschenhandel unterbinden wollen, kann die Anwältin durchaus verstehen. Dabei aber ehrenamtliche Helfer und professionelle Schmuggler in einen Topf zu werfen, findet sie inakzeptabel.

Mittlerweile hat eine europäische Bürgerbewegung den Fall der drei Spanier zum Anlass genommen, eine Petition bei der Europäischen Kommission einzureichen. Sie spricht sich gegen die Kriminalisierung der Flüchtlingshilfe aus, mehr als 160.000 Menschen haben sie bereits unterzeichnet. 

Bis zu zehn Jahre Haft

Ob Manuel Blanco zum Prozessauftakt nach Griechenland fährt, weiß er noch nicht. Eigentlich will er schon - er habe ja nichts zu verbergen. Dass ihm und seinen Kollegen aber bis zu zehn Jahre Haft droht, macht ihnen Sorge. Die drei Tage im Gefängnis hätten sie noch nicht vergessen: "Wir sind alle vorsichtig geworden."

Über dieses Thema berichteten am 07. Mai 2018 NDR Info um 10:20 Uhr und Inforadio um 10:28 Uhr.

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