Demonstration in Ferguson | Bildquelle: AFP

Ein Jahr nach den Unruhen in Ferguson "Die Polizei geht wieder brutal vor"

Stand: 08.08.2015 21:47 Uhr

Als vor einem Jahr ein weißer Polizist einen unbewaffneten Schwarzen in Ferguson erschoss, folgten tagelange Unruhen. Seither diskutieren die USA anhand immer neuer Fälle über Polizeigewalt gegen Schwarze. Doch was hat sich in Ferguson geändert?

Von Andreas Horchler, ARD-Hörfunkstudio Washington

Am 9. August 2014 wurde in Ferguson, Missouri der unbewaffnete schwarze 18-jährige Michael Brown von dem weißen Polizisten Darren Wilson erschossen. Es folgten Straßenschlachten, der Todesschütze wurde nicht angeklagt.

Der Vorort von St. Louis wollte mehr für die schwarze Bevölkerung tun und das Verhältnis von weißer Polizei und schwarzen Anwohnern verbessern. Eine Bronzetafel am Tatort auf dem Gehweg des Canfield Drive erinnert an Michael Brown: "In Erinnerung an Michael O.D. Brown, geboren am 20. Mai 1996, gestorben am 9. August 2014".

Die überwiegend schwarzen Bewohner sagen: Alles ist wieder beim Alten. Auch Jayden Black wohnt hier. Hat sich im zurückliegenden Jahr etwas verbessert? "Nein, es ist schlimmer geworden", sagt Black. "Sie haben nur abgewartet, bis sich die Situation beruhigt hat. Die Polizei geht wieder brutal vor, ganz ehrlich."

Unruhen in Ferguson im November 2014 | Bildquelle: AFP
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Tagelang kam es in Ferguson zu Unruhen infolge des Todes von Michael Brown.

Polizisten bei den Unruhen in Ferguson im November 2014 | Bildquelle: AFP
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Weil die Polizei überfordert war, rückte später auch die Nationalgarde an.

Image mit Kampagne aufpolieren

Der weiße Ex-Bürgermeister Brian Fletcher widerspricht. Seine Initiative "I love Ferguson" soll der Kleinstadt wieder auf die Beine helfen, Geschäfte instandsetzen, die bei den Unruhen vergangenes Jahr zerstört wurden und das ramponierte Image aufpolieren. "Es gab so viele Initiativen: von den Kirchen, den sozialen Trägern. Sie  kümmern sich um Fortbildung, die 'Urban League' baut dort ein Ausbildungszentrum. Wenn sie trotzdem denken, es hätte sich nichts verbessert, dann zweifle ich daran, ob sie alle verfügbaren Quellen überprüft haben", sagt Fletcher. Eine vornehme Version von: Die Klagen der Schwarzen haben keine Substanz.

Domenica Fuller, Sergeant bei der Polizei von Ferguson, ist eine von vier schwarzen Beamten bei der insgesamt 54-köpfigen Polizei. Sie war im Einsatz, als vor einem Jahr die Nationalgarde anrückte, als Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt wurde, als Schaufenster zu Bruch gingen und Autos brannten. "Wir haben alle akzeptiert, dass es immer noch Spannungen unter den Rassen gibt, dass der Rassismus immer noch da ist. Nicht nur hier in St. Louis", sagt Fuller. "Alle, die immer noch mit dem Finger auf Ferguson zeigen müssen verstehen: Rassismus gibt es überall. Wir sind nicht besser als Chicago, South Carolina, Detroit, okay? Er ist einfach da!"

Domenica Fuller, Sergeant bei der Polizei von Ferguson | Bildquelle: AP
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Die Polizistin Domenica Fuller sieht den Rassismus als Problem vieler Städte.

Bürgermeister sieht Ferguson auf dem richtigen Weg

Ähnlich allgemein antwortet auch der weiße Bürgermeister James Knowles, wenn es um die Vorwürfe gegen die örtliche Polizei geht. Das US-Justizministerium hatte in seinem Untersuchungsbericht vom Frühjahr "diskriminierende Absichten" der Polizei festgestellt, Strafzettel gegen Schwarze seien eine Haupteinnahmequelle der Gemeinde. "Man muss das im Kontext sehen", sagt Knowles.

"Im Bericht des Ministeriums heißt es nirgendwo, es sei die Politik in Ferguson, schwarze Autofahrer herauszupicken und ihnen Strafzettel auszustellen. Hat der Report belegt, dass es einen unterschiedlichen Umgang der Polizei mit Schwarzen gibt? Ja! Und das hat etwas mit Voreingenommenheit zu tun, mit oft unbewussten Vorurteilen. Diese Dinge bearbeiten wir in einer Fortbildung, bei der es um die ausgewogene Anwendung des Gesetzes in Ferguson geht. Wir hoffen, in unseren Nachbargemeinden wird das auch so gemacht."

Fergusons Bürgermeister James Knowles | Bildquelle: AP
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"Man muss das im Kontext sehen" - Fergusons Bürgermeister James Knowles.

Ferguson sei auf dem richtigen Weg, glaubt Knowles. Der Stadtrat besteht jetzt zur Hälfte aus Afro-Amerikanern, der Interims-Polizeichef und der Stadtmanager sind schwarz. Ganz anders sieht das Michael McMillan, Geschäftsführer des Verbandes "Urban League" in St. Louis. Auch in New York, Baltimore, Texas oder an anderen Orten werde in Amerika Woche für Woche deutlich, dass die Polizei viel häufiger mit tödlicher Gewalt gegen schwarze als gegen weiße Amerikaner vorgehe. FBI-Direktor Comey habe im Frühjahr nicht einmal Zahlen über weiße Polizeigewalt gegen Schwarze vorlegen können. Es gebe keine Meldepflicht, also keine Statistik. 

Ferguson gedenkt Polizei-Opfer Michael Brown
tagesschau 20:00 Uhr, 09.08.2015, Claudia Buckenmaier, ARD Washington

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"Es ist ein Krieg"

"Es geht ja immer weiter mit diesen Vorkommnissen", sagt McMillan. "Wir präsentieren uns gern als die größte Demokratie der Menschheitsgeschichte und den Melting pot. Aber wir sehen jetzt: Es gibt noch viel zu tun, um das wahr werden zu lassen." Es werde noch Generationen dauern, bis Rassismus und Rassentrennung überwunden werden, glauben die meisten Menschen in Ferguson und den USA. Und das, obwohl die Sklaverei schon vor 150 Jahren endete und die Gleichstellung von Schwarz und Weiß vor 50 Jahren Gesetz wurde.

Die bittere Analyse von Jayden Black aus Ferguson: "Sie kämpfen gegen uns, wir schlagen zurück. Es ist ein Krieg. Aber sie kämpfen politisch. Wir kämpfen auf der Straße. Wir werden immer verlieren, weil sie das Geld haben. Armut zerstört die Armen. Man kann ohne Geld nicht kämpfen. Geld ist Macht. Vielleicht hilft beten. Nur Gott kann uns jetzt helfen."

Ferguson ein Jahr nach den Unruhen
A. Horchler, ARD Washington
09.08.2015 02:29 Uhr

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