Gesichtserkennung | Bildquelle: picture alliance / dpa

Das Projekt "Künstliche Intelligenz" Ein guter Stoff für Hollywood?

Stand: 09.06.2015 02:39 Uhr

Mit einem neuen Labor in Paris weitet Facebook seine Forschung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz aus. Dabei soll es unter anderem um Verbesserungen bei der Gesichtserkennung gehen. Aber was ist überhaupt noch möglich?

Natalia Frumkina für tagesschau.de

Facebook will mehr. Mehr Nutzer, mehr Einfluss, mehr Innovation. Dafür investiert der Social-Network-Riese in Grundlagenforschung, vor allem auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Facebook Artificial Intelligence Research, kurz FAIR, heißt der Forschungszweig mit etwa 50 Mitarbeitern und bislang zwei Forschungszentren an der amerikanischen Ost- und Westküste. Eine dritte Forschungseinrichtung folgt nun in Europa.

"Mehr als eine Milliarde Menschen miteinander zu vernetzen, ist eine riesige technologische Herausforderung", schreibt Facebook. Doch die nächsten Herausforderungen seien noch größer und mutiger. "Wir haben die Chance, Systeme und Technologien aufzubauen, die menschlicher, verantwortungsvoller und intelligenter sind als je zuvor. Wir haben die Chance, Instrumente herzustellen, die besser dem Menschen dienen und die die Welt vorantreiben". 

Schwerpunkt auf Gesichtserkennung

An diesen großen selbstgesteckten Zielen soll jetzt auch in Paris gearbeitet werden - ein Standort mit einem hervorragenden Ruf und einigen der besten Forschern der Welt auf diesem Gebiet, so Facebook. Sechs seien bereits eingestellt, sechs weitere sollen bis Ende des Jahres folgen. Was ist aber von der Forschung zu erwarten? 

Seit Jahren versucht Facebook nun schon, seine Grundfunktionen zu optimieren. Die Forscher tüfteln an Algorithmen, die im Hintergrund die Unmengen an Informationen, Kommentaren und Statusmeldungen von Freunden und favorisierten Seiten für den Nutzer filtern und bündeln. Es geht aber auch um die Verbesserung der Suchfunktion und die Möglichkeiten, Spam und Gewaltvideos noch zuverlässiger auszusortieren.

In der europäischen Dependance wird eines der zentralen Forschungsschwerpunkte auf der Bild- und Gesichtserkennung liegen. Außerhalb der EU können Nutzer bereits jetzt Facebook die hochgeladenen Fotos nach Gesichtsmerkmalen von Freunden scannen lassen. Wer es mag, kann die Freunde anschließend auf dem Foto markieren und sich somit noch stärker mit ihnen vernetzen.

Mensch oder Maschine?

Und im Bereich der Bilderkennung ist noch vieles mehr denkbar. "Es werden jeden Tag Millionen von Fotos ins Netz gestellt, deren Beschreibung kaum Orientierung bietet. Es könnte irgendwann möglich sein, Computern beizubringen, anhand von Pixeldaten eigenständig Strukturen zu erkennen und sie zum Beispiel in Verbindung mit Geodaten zu interpretieren", sagt Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. So würde der Computer die Anfrage "Sonnenuntergang in Rom" zuverlässig bearbeiten können, auch ohne dass vorher ein Mensch diese Daten eingegeben hat.

Gesichtserkennung | Bildquelle: picture-alliance / Bernd_Thissen
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Gesichtserkennung soll eines der Forschungsschwerpunkte der Pariser Einrichtung werden. Dabei werden Gesichtsmerkmale wie Augenabstand oder Position der Nase analysiert und gespeichert.

Auf diese Weise könnte man auch Fotos nach Personen durchsuchen. Facebooks Forschung auf diesem Gebiet ist beeindruckend weit. Im letzten Jahr hat das Unternehmen verkündet, dass seine Gesichtserkennungstechnologie DeepFace einen Menschen auf einem Foto fast genauso treffsicher erkennen kann wie das menschliche Gehirn. Legt man einem Menschen zwei Porträtfotos vor, kann er mit 97,53-prozentiger Wahrscheinlichkeit richtig sagen, ob es sich dabei um gleiche oder unterschiedliche Personen handelt. DeepFace liegt in 97,35 Prozent der Fälle richtig.

Freiheit der Forschung vs. Selbstbestimmung der Nutzer

Diese Fortschritte lösen aber nicht immer nur Euphoriestürme aus. Viele Datenschützer spitzen angesichts solcher Meldungen die Ohren und rufen zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit den Forschungsergebnissen auf. "Mit den schnellen und rechenstarken Prozessoren könnten Computerprogramme nicht nur Gesichter erkennen, sondern auch die Emotionen dieser Personen und vielleicht sogar ihre Beziehungen zu anderen Menschen herauslesen", erklärt Jan-Philipp Albrecht, grüner Abgeordneter im europäischen Parlament und Verhandlungsführer der europäischen Datenschutzreform. Der Nutzer könne nicht immer nachvollziehen, welche Möglichkeiten in einer Maschine stecken und könne daher auch die Folgen seines Handelns im Internet schlecht abschätzen.

Deswegen seien Regelungen auf staatlicher Ebene wichtig. So musste etwa Facebook nach heftigen Protesten von Datenschützern die Gesichtserkennungsfunktion für Europa 2012 deaktivieren. Ein richtiger Schritt, aber es müsse noch mehr passieren, meint Albrecht. Er nimmt vor allem die forschenden Unternehmen in die Pflicht. Sie müssten bereits während der Arbeit ihre Auswirkungen auf die Selbstbestimmung und die Grundrechte der Nutzer mitbedenken. Auch eine öffentliche Förderung konkreter Forschungsvorhaben zu Themenfeldern wie Ethik und Datenschutz im Internet sei wichtig. "Es geht nicht darum, den Menschen etwas zu verbieten oder vorzuschreiben. Es geht darum, sicherzustellen, dass sie frei entscheiden können und das sehe ich bei der Entwicklung momentan nicht".

Freiheit, die verantwortungsvoll gelebt werden muss

Anders sieht es Mathematiker und Autor Gunter Dueck. Der ehemalige technische Leiter von IBM findet, dass die Debatte nüchterner geführt werden könnte. Das Internet sei nicht nur Fluch und nicht nur Segen. Es sei ein neues Land mit einer Freiheit, die verantwortungsvoll gelebt werden muss. Und zwar vom Nutzer. "Es gibt genug soziale Netzwerke, die die Inhalte nicht filtern. Es gibt auch Suchmaschinen, die nichts von uns speichern, aber alle schauen bei Google nach und meckern. Der Nutzer ist doch selbstbestimmt, oder? Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass er seine Freiheit so nutzt, wie er sie nutzt".

Das könne man eben nicht, entgegnet Jan-Philipp Albrecht. "So wie der Bürger früher nicht entscheiden konnte, einfach nicht auf die Straße zu gehen, wenn ihm etwas nicht gefiel, so kann er heute kaum noch die zentralen Infrastrukturen im Internet verweigern", sagt der Datenschützer. Wer nicht in sozialen Netzwerken auffindbar sei, der könnte es etwa bei Bewerbungsverfahren schwerer haben. "In einer Situation, in der solche Abhängigkeiten geschaffen werden, kann man nicht mehr davon reden, dass Individuen selbstständig entscheiden", erklärt Albrecht.

Japanischer Spielzeug-Roboter | Bildquelle: AFP
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Dieser Spielzeug-Roboter wurde von japanischen Technologen entwickelt. Ist er über eine App mit dem Smartphone des Nutzers verbunden, kann der Mensch interaktiv mit dem Roboter kommunizieren. Nach Angaben des Herstellers kann er etwa Essensvorschläge machen, über das Wetter informieren oder bei Hausaufgaben helfen.

Realität oder Science fiction?

Für Reinhard Karger, Sprecher des DFKI und Computerlinguist, gibt es im Bereich der Erforschung von Künstlicher Intelligenz für soziale Netzwerke andere Gefahren. Die Algorithmen helfen dem Facebook-Nutzer zwar, sich besser im Netzwerk zurechtzufinden, das Filtern von Informationen könnte aber auch dazu führen, dass sich seine Weltsicht bestätigt und verfestigt. "Die Kunst besteht deshalb darin, die Computer so zu programmieren, dass sie dem Nutzer das liefern, was ihn interessieren könnte und dazu eine Prise Überraschung. Und zwar so viel Überraschung, dass die Informationen interessant und bereichernd sind", so Karger. Auf diesem Gebiet kann also noch einiges erreicht werden. Und hier ist nicht nur Facebook tätig. Auch andere Internet-Unternehmen wie Google, der chinesische Suchdienst Baidu oder der Video-Telefonieanbieter Skype treiben die Erforschung der Künstlichen Intelligenz voran.

"Es geht den Unternehmen um die sogenannte schwache künstliche Intelligenz, also um digitale Assistenzsysteme, die uns dabei unterstützen, unsere selbstgewählten Ziele bequem zu erreichen", erläutert Karger. Im Gegensatz dazu gibt es die starke künstliche Intelligenz, bei der es darum geht, Maschinen mit unbegrenztem Zugriff auf alle Ressourcen und einem eigenen Bewusstsein zu entwickeln.

Filmszene aus Ex Machina | Bildquelle: picture alliance / AP Photo
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Spielfilme wie "Ex Machina" entwickeln Szenarien, in denen Roboter in Menschengestalt und eigenem Bewusstsein kaum noch von Menschen zu unterscheiden sind.

Vor den Gefahren dieser Forschungsrichtung haben bereits große Technologie-Unternehmer wie Elon Musk und Wissenschaftler wie Stephen Hawking gewarnt. Von einem möglichen Ende der Menschheit hat der Physiker sogar in diesem Zusammenhang gesprochen. Reinhard Karger relativiert: "Solche Szenarien sind ideal für Hollywood. Auch etwa die Vorstellung von maschinell unterstützter Unsterblichkeit. Allein, die Machbarkeit sehe ich nicht".

Facebook indes konstatiert, die Arbeit auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz sei noch ziemlich am Anfang. Aber man habe ein gutes Team und sei schon ganz aufgeregt zu sehen, welche Fortschritte für die Menschen, denen man diene, noch möglich seien. Auch für die Datenschützer hat Facebook eine gute Nachricht. In dem neuen Labor in Paris soll nicht mit tatsächlichen Nutzerdaten experimentiert werden. Womit sie arbeiteten, seien öffentliche Datensätze aus der KI-Forschung, um damit die Systeme zu trainieren und zu testen.

Digitalisierung der Arbeitswelt
tagesthemen 22:15 Uhr, 04.06.2015, Jenni Rieger, SWR

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