Koran

Extremismus im Königreich Warum immer wieder Marokkaner?

Stand: 23.08.2017 22:50 Uhr

Marokko ist ein friedliches Land mit einer friedliebenden Bevölkerung. Dennoch fällt auf, dass unter islamistischen Terroristen, die international Anschläge verüben, oft Männer aus Marokko zu finden sind. Wie verwurzelt ist religiöser Extremismus in dem Land?

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Abou Hafs war mal berühmt in Marokko: berühmt als junger, radikaler Salafisten-Prediger. Dieser Abou Hafs hat mittlerweile wieder seinen richtigen Namen angenommen: Mohamed Rafiqui. Und er erzählt, wie er zum religiösen Extremisten wurde.

Orthodoxe Lehrer indoktrinieren Schüler

Der Vater - religiös sehr konservativ, sehr dominant. Die Freunde - ebenso. Seine Ausbildung bekam der junge Mohamed Rafiqui teilweise in Saudi-Arabien. Dort wird der Koran nach wahhabitischer Lehre, also puristisch, fast wörtlich, interpretiert.

"Mir wurde immer nur eine Auslegung des Islam beigebracht", erzählt er. "Dass es viele weitere Interpretationen gibt, das hatten mir meine Lehrer nie beigebracht. Das habe ich erst viel später gelernt. Und das war ein heftiger Schock." Bis zu diesem Schock gehörte Rafiqui zu den Predigern in Marokko, die gegen Ungläubige wetterten und die Terroranschläge vom 11. September begrüßten - als gerechte Strafe für Ungläubige.

Wahhabismus als Mittel gegen linke Kräfte

Der Wahhabismus, diese extrem konservative Lehre, gilt heute als Nährboden des so genannten Islamischen Staates. In den 1970er- und 1980er-Jahren kam sie auch nach Marokko. Diese Phase einer Re-Islamisierung spielte sich unter König Hassan II. ab. Er wollte der Linken, die Marokkos Monarchie in Frage stellte, etwas entgegensetzen.

Ahmed Assid, Religionsexperte an einem königlichen Institut in Rabat, beschreibt das so: "Der Wahhabismus sollte für Ruhe sorgen. Denn der Wahhabismus gründet auf der Idee, dass der Herrscher weiß, was im Interesse der Muslime zu tun ist und dass jeder das zu akzeptieren hat. Sich gegen den Herrscher zu wehren, gilt im Wahhabismus als Verbrechen."

Auswirkungen noch Jahrzehnte später

Die konservative Interpretation des Islam setzte sich in Marokko fest. In den Schulen, an den Universitäten. Dhriss Khrouz, lange Jahre Direktor der Königlichen Nationalbibliothek in Rabat, erinnert sich an diese Zeit: "Vor dem Jahr 2000 wurde keine Philosophie unterrichtet. Man lehrte Sozialwissenschaften. Aber eben Soziologie nach islamischem Verständnis. Geschichte wurde nicht als Weltgeschichte gelehrt, sondern als Geschichte des Islam. Alle Fächer wurden islamisiert."

Marokko wurde religiös konservativer und autoritärer, sagt Khrouz - und teilweise radikaler. Salafisten stachelten junge Leute am Rand der Gesellschaft zur Gewalt in Namen des Islams auf. 2003 töteten zwölf Attentäter aus einem Elendsviertel von Casablanca insgesamt 40 Menschen. Das war ein grauenhafter Weckruf für das Königreich Marokko.

Die Regierung steuert gegen

Seitdem versucht man, gegenzusteuern: Mehr Kontrolle über die Prediger und Imame, mehr Investitionen für das Lumpenproletariat in den Slums der großen Städte.  2015 wurde die "Zentralstelle für juristische Ermittlungen", BCIJ, gegründet. Sie gilt als marokkanische Anti-Terrorzentrale. Der Chef, Abdelhaq Khiame, sagt, seit ihrer Gründung  habe man 46 terroristische Zellen in Marokko zerschlagen.

Und noch eine Zahl nennt Abdelhaq Khiame: 1664 - so viele Marokkaner hätten sich verschiedenen Dschihadistengruppen im Ausland angeschlossen. Die  meisten gingen zur Terrormiliz "Islamischer Staat".  "Man muss die Ursachen des Radikalismus bekämpfen", sagt Khiame. "Dabei müssen die Familien eine Rolle spielen, die Schule, die Zivilgesellschaft - jeder, weil das eine gemeinsame Herausforderung ist."

Der ehemalige Salafisten-Prediger Mohamed Rafiqui hat neun Jahre im Gefängnis gesessen. Und schon dort damit begonnen, junge Extremisten vom Salafismus wegzubringen. Er behauptet, das will er auch weiterhin tun: "Ich war nahe dran an den Dschihadisten. Ich weiß, wie sie denken, welche Motive sie haben, wie sie den Koran für sich nutzen. Heute bin ich bereit diese Erfahrungen zu nutzen, um den Terrorismus zu bekämpfen."

Marokko: Das Puzzle des Extremismus im Königreich
Jens Borchers, ARD Rabat
23.08.2017 21:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2017 um 05:11 Uhr.

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