Afghanistan Flucht | Bildquelle: dpa

UNHCR muss Lebensmittelrationen kürzen Der Hunger treibt Afghanen nach Europa

Stand: 11.12.2015 14:04 Uhr

Zwei Millionen Afghanen sind auf Lebensmittel der UN angewiesen. Doch die Rationen werden immer weiter gekürzt - aus Geldmangel. UN-Mitarbeiter warnen: Das führt zur Flucht. Militärs gehen sogar noch weiter und sagen: "Not schafft neue Terroristen".

Von Arnd Henze, WDR, ARD-Hauptstadtstudio

"Not schafft neue Terroristen", sagt ein ranghoher Offizier der Bundeswehr, der die gegenwärtige Lage in Afghanistan wohl so gut kennt wie kaum ein anderer. Während im militärischen Bereich mit der Verlängerung der NATO-Mission "Resolute Support" die Weichen für die Zukunft gestellt seien, schaffe die verschärfte humanitäre Lage im Lande auch Probleme für die Sicherheit.

Und eine wesentliche Ursache dafür benennt der Offizier auch: die dramatische Unterfinanzierung der UN-Programme für Lebensmittelversorgung und die Betreuung der Flüchtlinge. "Rein aus der Perspektive der Sicherheit in Afghanistan sind wir Militärs an einer angemessenen Finanzierung der humanitären Hilfe in höchstem Maße interessiert."

Sicherheit nur durch wirtschaftlichen Aufbau

In der politischen Führung der Bundeswehr sieht man es nicht gern, dass sich ein Soldat so deutlich zu Wort meldet, weshalb der Name des Militärs nicht genannt werden soll. Doch auf ihrer Reise nach Afghanistan und Pakistan hat auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen immer wieder von der dramatischen Situation der Zivilbevölkerung erfahren - vor allem von der Situation der inzwischen fast eine Million Binnenflüchtlinge im Land. Und so schlägt auch von der Leyen nach der Rückkehr Alarm: "Der Aufbau an Sicherheit in Afghanistan kann nur gelingen, wenn der wirtschaftliche Aufbau parallel läuft und die Hilfsorganisationen ausreichend finanziert sind."

Genau das aber sind sie nicht. Katastrophal ist vor allem die Lage bei der Versorgung mit Lebensmitteln. Fast zwei Millionen Afghanen sind auf die lebensnotwendige Unterstützung durch das World Food Program (WFP) angewiesen. Doch die Notrationen mussten schon im April auf 70 Prozent und in manchen Regionen sogar auf die Hälfte gekürzt werden: von den eigentlich als absolutem Minimum definierten einen Dollar pro Tag auf 50 bis 70 Cent. Programme für besonders Bedürftige wie zum Beispiel Schwangere, Behinderte oder alte Menschen mussten im Juni komplett eingestellt werden, berichtet Sven Thelin, der Koordinator des WFP für den Norden Afghanistans.

Afghanistan: Hilfe vom Welternährungsprogramm | Bildquelle: dpa
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Frauen mit Lebensmittelhilfen in Herat. Fast zwei Millionen Afghanen sind auf die Unterstützung durch das Welternährungsprogramm angewiesen.

Wegen knapper Lebensmittel auf dem Weg nach Europa

Auch für das UN-Flüchtlingshilfswerk kann jeder die nüchternen Zahlen auf der Website des UNHCR nachlesen: Der finanzielle Bedarf liegt in diesem Jahr bei 150,6 Millionen Dollar - doch die internationale Gemeinschaft hat dem zuständigen UN-Hilfswerk bis Ende August gerade einmal 20,3 Millionen zur Verfügung gestellt. Inzwischen mag es etwas mehr sein. Doch für den bevorstehenden bitterkalten Winter fehlt es bei der Versorgung der Flüchtlinge an fast allem.

Afghanistan Flucht | Bildquelle: REUTERS
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Nach Geschlechtern getrennt stehen täglich Hunderte ...

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... in Kabul um einen Pass an. Sie wollen das Land verlassen.

Auch Deutschland gibt in diesem Jahr gerade einmal knapp zehn Millionen Dollar für Afghanistan an UNHCR und WFP. Allerdings engagiert sich Deutschland mit großen Summen in anderen Bereichen des zivilen Aufbaus und gehört deshalb zu den größten Geldgebern am Hindukusch.

Wenn die Menschen aber im eigenen Land nicht ausreichend unterstützt werden, wachse der Druck, das Land zu verlassen, warnt Francesca Vigagni. Bevor die Italienerin in diesem Jahr nach Masar-i-Sharif wechselte, war sie für den UNHCR im Libanon tätig. Dort hat sie in der Arbeit mit syrischen Flüchtlingen schon einmal erlebt, was es bedeutet, wenn die internationale Hilfe versagt: "Im Jahre 2013 wollten fast alle Flüchtlinge bleiben, um nahe ihrer Heimat Syrien zu sein. Als wir ein Jahr später die Lebensmittelrationen erst kürzen und dann ganz einstellen mussten, wollten alle nur noch weg - Richtung Europa."

Alternativen zum Heroin schaffen

Genau dies drohe nun auch in Afghanistan. Noch nie habe es so viele Flüchtlinge auf der Welt gegeben und die viel zu geringen Mittel der internationalen Geldgeber gingen oft nur an wenige Orte, die kurzfristig besondere Aufmerksamkeit fänden. Doch die chronische Unterfinanzierung der humanitären Hilfe trifft nicht nur die unmittelbar Notleidenden, sie gefährdet auch die Lebensperspektive für viele Menschen in Afghanistan.

In den vergangenen Jahren habe man viele neue Getreidemühlen gebaut, zu denen die Landwirte in der Region ihr Getreide bringen können, erzählt Thelin vom WFP. Für viele Kleinbauern habe man damit eine Alternative zum lukrativen Anbau von Heroin geschaffen. Doch die Kleinbauern seien davon abhängig, dass ihnen die Hilfsorganisationen ihre Ernte auch abkaufen könnten. Geschehe das nicht, treibe man sie wieder in die Arme von Drogenhändlern oder der Taliban. Genau hier ist der Punkt, an dem auch Militärs Klartext reden: Ohnehin würden die Taliban deutlich besser zahlen als zum Beispiel die afghanische Armee. Wenn die Menschen aber nichts mehr zu verlieren hätten, ließe sich ihre Loyalität zu den Aufständischen leicht kaufen.

Afghanistan Flucht | Bildquelle: AFP
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Das Welternährungsprogramm fordert die Unterstützung von Kleinbauern.

Je schwächer die Hilfe, desto stärker die Taliban

Diese Botschaft hat auch von der Leyen auf ihrer Reise gehört. Und während in Deutschland die massenhafte Abschiebung afghanischer Flüchtlinge in ihre Heimat gefordert wird, hat sie das Problem von der anderen Seite beschrieben bekommen: In Afghanistan droht ein neuer Massenexodus - und es zieht nicht nur viele aus der gebildeten Oberschicht nach Europa, sondern vor allem auch unzulänglich versorgte Binnenflüchtlinge.

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Kinder in einem von Taliban zerstörten Gebäude in Kabul

Deshalb warnt die Ministerin, an der ausreichenden Finanzierung der Hilfsorganisationen werde sich mit entscheiden, "ob bedrängte Afghanen an eine Zukunft in der Heimat glauben oder ob sie ihrem Land den Rücken kehren." Und mehr noch: In Afghanistan bekämpft man einen Feind, der seine Rekrutierungserfolge auch dem Versagen der internationalen Geldgeber bei der humanitären Hilfe verdankt. Ein Teufelskreis, der sicher einer der Hauptgründe für die neue Fluchtbewegung aus Afghanistan ist.

Chartermaschinen mit Flüchtlingen nach Afghanistan?

Man kann gespannt sein, welche Konsequenzen von der Leyen aus all dem zieht. Ein erster Test ist bereits der CDU-Parteitag, der am Sonntag beginnt. Mit der Unterfinanzierung von UNHCR und WFP gibt sich der Leitantrag beim Thema Afghanistan jedenfalls nicht ab. Dafür sieht die Partei mit der Verlängerung des Bundeswehreinsatzes bereits eine ausreichende Voraussetzung für die zügige und massenhafte Abschiebung afghanischer Flüchtlinge in ihre Heimat geschaffen. Bis ins Präsidium der Union hinein gibt es die Vorstellung, man könne noch vor Weihnachten eine vollbesetzte Chartermaschine in den angeblich sicheren Norden Afghanistans starten lassen.

Die Verteidigungsministerin weiß es spätestens seit ihrer Reise besser. Ob sie es auch offen sagen wird? Ein zweiter Ort, an dem es lohnen würde, die Wechselwirkung zwischen militärischem Engagement und humanitärem Versagen zu thematisieren, wäre die NATO. Es würde sicher den Druck auf die zahlungsunwilligen Staaten erhöhen, wenn nicht nur Außen- und Entwicklungspolitiker, sondern auch die Verteidigungsminister den Skandal der Unterfinanzierung von UN-Hilfen anprangern würden - und zwar mit genau der Begründung, die auch die Militärs vor Ort geben: Es macht keinen Sinn, einen Feind zu bekämpfen, der seine beständigen Rekrutierungserfolge auch dem Versagen der internationalen Gemeinschaft bei der humanitären Hilfe verdankt.

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