Ein beschädigtes Kloster in der Nähe von Damaskus | Bildquelle: dpa

Bedrohte Christen in Syrien "Besser in der Kirche sterben als zu Hause"

Stand: 19.12.2015 13:45 Uhr

Die Christen in Syrien werden nicht nur vom IS verfolgt, auch andere islamistische Gruppierungen bekämpfen sie. "Kirche in Not" befürchtet bereits die Auslöschung der Christen in der Region. Doch es gibt auch kleine Zeichen der Hoffnung.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Wirklich feiern können sie das bevorstehende Weihnachtsfest nicht, die Christen in der umkämpften Stadt Aleppo. Sicher, es wird einen Gottesdienst geben, "denn das Feiern der Messe gibt den Menschen Hoffnung", sagt Serop Megerditchian, Pfarrer der armenisch-evangelischen Kirche in Aleppo. Im Grunde sei das für viele die einzige Hoffnung, die sie haben.

Zwar sei die Gefahr, Opfer eines Anschlags zu werden, bei solchen Versammlungen noch höher. Deswegen haben die Mitglieder von Serop Megerditchians Gemeinde Angst, das Haus zu verlassen. Aber: "Es ist besser in der Kirche zu sterben, als zu Hause auf die nächste Granate zu warten", habe ein Gemeindemitglied zu ihm gesagt.

Assyrische Christen in Deutschland
ARD-Morgenmagazin, 18.12.2015, Michael Heussen, WDR

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Zurückgeblieben sind Alte, Kranke, Mittellose

Aleppo ist symbolisch für die Lage der Christen in Syrien. Zwei Drittel von ihnen sollen Schätzungen christlicher Hilfsorganisationen zufolge die Stadt bereits verlassen haben. "Zurückgeblieben sind vor allem Alte, Kranke, Mittellose und einige Familien mit Kindern", sagt Pfarrer Megerditchian im Gespräch mit tagesschau.de.

Die Stadt ist in zwei Teile geteilt: Der Teil, in dem die Christen leben, wird von der Armee kontrolliert. Von ihr bleiben die Christen unbehelligt. Der andere Teil Aleppos steht unter der Kontrolle von verschiedenen, zumeist islamistischen Rebellengruppen. Immer wieder würden die christlichen Wohnviertel vom anderen Teil der Stadt aus bombardiert, sagt Megerditchian. Die Menschen lebten in ständiger Angst, dass die nächste Rakete ihr Haus oder ihre Kirche treffen könnte.

Menschen in einem stark beschädigtem Haus im Norden Aleppos | Bildquelle: AFP
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Menschen in einem stark beschädigtem Haus im Norden Aleppos

Fleisch, Milch, Butter, Medizin unerschwinglich

Zudem fehle es am Allernötigsten. "Meine Gemeinde war jetzt 50 Tage lang ohne Strom, mehr als 25 Tage ohne Wasser", erzählt der Pfarrer. Die Preise hätten sich vervielfacht: Fleisch, Milch, Butter oder auch Medikamente seien unerschwinglich. Denn die Islamisten würden die von der Regierung kontrollierten Stadtteile von der Versorgung abschneiden.

Doch Aleppo ist nicht die einzige Stadt, in denen Christen in Syrien bedroht sind. Beinahe wöchentlich gibt es Meldungen von Vertriebenen, Entführten oder Getöteten. Die Stadt Sadad im Westen Syriens beispielsweise war im Jahr 2013 Schauplatz eines der schlimmsten Massaker, das bislang an Christen in der Region verübt wurde. 45 Menschen wurden damals von radikalen Milizen der Al-Nusra-Front ermordet.

Zwar wurde die Stadt - eine der ältesten christlichen Ortschaften Syriens - zwischenzeitlich wieder zurückerobert. Seit November ist Sadad jedoch Ziel von Angriffen des IS. Tausende Christen sind auf der Flucht. "Bislang konnte Sadad vom IS noch nicht eingenommen werden", sagt Andrzej Halemba, Nahost-Experte der christlichen Hilfsorganisation "Kirche in Not". Er reist sehr oft in die Region und unterhält zahlreiche Kontakte nach Syrien. "Zumindest sind das die letzten Nachrichten, die wir von einem der dortigen Bischöfe haben. Wäre Sadad gefallen, hätten wir davon erfahren."

Christliche Siedlungsgebiete akut bedroht

Auch eines der letzten geschlossenen Siedlungsgebiete von Christen im Nahen Osten, entlang des Flusses Khabur, im Norden Syriens, droht zu verschwinden. Hier lebten zahlreiche assyrische und syrisch-katholische Christen. Doch nachdem im Februar dieses Jahres der IS viele dieser Dörfer attackierte, wurden zahlreiche Christen verschleppt und getötet, Tausende sind nach Angaben von "Kirche in Not" geflüchtet.

Mittlerweile werden Christen militärisch selbst aktiver: Es haben sich christliche Milizen gebildet, die sich mit anderen Rebellengruppen verbünden und gegen den IS kämpfen. Christliche Gruppen wie die "Khabur-Wächter" oder die christliche Miliz MFS spielen beispielsweise in der Region Al-Hasakah eine wichtige Rolle bei der Rückeroberung und Selbstverwaltung christlich bewohnter Gebiete. Und auch eine erste christliche Fraueneinheit hat sich laut Medienberichten vor kurzem gebildet, um dem IS die Stirn zu bieten.

Syrische Christinnen haben sich zu einer bewaffneten Einheit zusammengeschlossen, die den IS bekämpfen will. Dieses Foto zeigt Mitglieder der "Weiblichen Schutztruppe des Landes zwischen den beiden Flüssen" bei der Ausbildung Anfang Dezember. | Bildquelle: AFP
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Syrische Christinnen haben sich zu einer bewaffneten Einheit zusammengeschlossen, die den IS bekämpfen will. Dieses Foto zeigt Mitglieder der "Weiblichen Schutztruppe des Landes zwischen den beiden Flüssen" bei der Ausbildung Anfang Dezember.

Entführte Christen freigelassen

Auch lässt der IS entführte Christen vereinzelt wieder frei. Beispielsweise sind vor wenigen Tagen laut Assyrischem Netzwerk für Menschenrechte 25 im Nordosten Syriens entführte Christen nach monatelanger Geiselhaft auf freien Fuß gesetzt worden. Sie gehörten zu einer Gruppe von mehr als 200 assyrischen Christen, die von den Extremisten im Frühjahr nahe der Stadt Al-Hasakah entführt worden waren. Dutzende weitere Christen sind allerdings noch in der Hand der Entführer.

Bashar al-Assad und seine Frau posieren in einer katholischen Kirche in Damaskus für ein Selfie. | Bildquelle: AFP
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Ein Selfie mit Assad: Syriens Machthaber besuchte eine christliche Messe in Damaskus.

Dennoch befürchtet die Organisation "Kirche in Not" über kurz oder lang die Auslöschung der Christen in der Region. Die Zahlen sprechen für sich: Lebten vor Ausbruch des Krieges nach Angaben von "Kirche in Not" noch 2,5 Millionen Christen in Syrien, sind inzwischen mehr als ein Fünftel von ihnen vertrieben oder getötet worden oder geflüchtet. Andere Hilfsorganisationen sprechen von 700.000 Christen, die das Land verlassen haben.

"Invasion der USA öffnete Büchse der Pandora"

Ein ähnliches Schicksal traf die Christen im Irak. "Vor der Invasion der USA gab es im Irak ungefähr 1,5 Millionen Christen, heute sind es nicht mehr als 300.000", sagt Pater Halemba von "Kirche in Not" gegenüber tagesschau.de. "Damals wurde die Büchse der Pandora geöffnet. Die Folge ist, dass heute die gesamte Region destabilisiert ist."

Besonders schmerzhaft sei für die Christen der Region, dass sie heute behandelt würden, als seien sie keine Bürger dieser Länder mehr. "Die Tradition der Christen in Syrien und im Irak reicht 2000 Jahre zurück und heute sagt man ihnen: Ihr gehört nicht mehr hierher." Von den Regierungen des Westens fordert Halemba deshalb mehr Solidarität und vor allem einen Beitrag zur Demokratisierung der Region.

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