Ahmed Sarakbi | Bildquelle: Steffen Wurzel /ARD

Aus Syrien und Jemen nach China "Nennt uns bloß nicht Flüchtlinge"

Stand: 28.08.2017 21:25 Uhr

Was die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen angeht, ist China eines der restriktivsten Länder der Welt. Flüchtlinge gibt es in China dennoch - besonders viele von ihnen leben in der ostchinesischen Stadt Yiwu.

Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai zzt. Yiwu

Von seinem Chef-Büro im 16. Stockwerk hat Mohamed Al Salami einen großartigen Blick über Yiwu. Mitte der 1990er-Jahre kam er aus dem Jemen nach China. Vor etwa 16 Jahren ist er ins damals noch ziemlich verschlafene Yiwu gezogen.

Seitdem ist die Stadt auf rund 1,2 Millionen Einwohner angewachsen. Yiwu gilt heute als eine der internationalsten Städte Chinas. Wegen der mehr als zehntausend Araber, die hier leben, nennt man sie auch "Klein-Arabien".

Mohamed Al Salami | Bildquelle: Steffen Wurzel / ARD
galerie

Mohamed Al Salami hat in Yiwu seine eigene Firma.

"Zweite Heimat"

"Seit 21 Jahren lebe ich in China. Fast mein halbes Leben habe ich hier verbracht. China fühlt sich für mich an wie ein zweites Heimatland", sagt Mohamed. Wenn er über sich redet oder über Gefühle und Emotionen, spricht er Chinesisch. Geht es ums Geschäft, wechselt er ins Englische.

Die Firma des 44-Jährigen handelt mit Gebrauchsgütern, die hier in der Stadt massenweise hergestellt und vertrieben werden. Kleidung, Haushaltsgegenstände, Schreibwaren, Spielzeug und andere Kleinwaren: Yiwu gilt als wichtigstes Handelszentrum ganz Chinas für solche Produkte und Mohameds Firma verschickt sie containerweise in den Nahen Osten.

Anti-Muslimische Tendenzen?

Seit im Irak, Syrien und in seinem Heimatland Jemen Krieg herrschen, seien die Geschäfte zurückgegangen. Trotzdem: Zurückgehen in den Nahen Osten will er nicht. Auch wenn die Situation für muslimische Araber längst nicht mehr so einfach sei wie früher. "Chinesische Medien folgen inzwischen vielen westlichen Medien in deren anti-muslimischer Tendenz. Diese Vorurteile werden hierher übertragen. Chinesen beginnen langsam, auch negativ über Muslime zu denken."

Das arabische Restaurant "Al Tarbouche" befindet sich direkt im Zentrum von Yiwu. Der 25-Jährige Syrer Ahmed Sarakbi kommt mehrmals die Woche hier her, um Tee zu trinken, Sisha zu rauchen und Freunde zu treffen.

Ahmed Sarakbi | Bildquelle: Steffen Wurzel /ARD
galerie

Ahmed Sarakbi nennt sich in China Mike - das sei besser für seine Geschäfte.

Seit Ahmed in China ist, nennt er sich Mike. Er verdient sein Geld als Schauspieler. Immer wieder wird er für kleinere Rollen in chinesischen Fernsehserien gebucht, wenn mal wieder ein Ausländer gebraucht wird. Mike ist besser fürs Geschäft als Ahmed, sagt er.

"Ich hatte schon sehr früh vor, Syrien zu verlassen. Noch während der Schule. Als dann der Bürgerkrieg ausbrach, ist mir die Entscheidung noch leichter gefallen."

Zuerst ging Ahmed nach Malaysia zum Studieren, seit drei Jahren lebt er nun im chinesischen Yiwu. Auch, wenn er 2011 vor dem Krieg in seinem Heimatland Syrien geflohen ist: Auf eines legt Ahmed Wert: "Ich bin kein Flüchtling. Deswegen bin ich auch nicht in einem Land, das offiziell Flüchtlinge aufnimmt. Dort würde man mich als solchen bezeichnen und so behandeln. Wenn man dich als Flüchtling bezeichnet, geht man davon aus, dass du kein Geld hast. Aber ich habe welches und will welches verdienen."

"Glücklich - und unglücklich"

Fast jeden Tag telefoniert er mit Verwandten in Damaskus: mit seinen Eltern, seinem Bruder und seiner Schwester. "Meine Eltern haben gemischte Gefühle. Sie sind glücklich, weil ich weg bin und unglücklich, weil ich weg bin. Sie wissen, dass ich so vielleicht mein Leben gerettet habe, andererseits bin ich ihr Sohn."

Zurück im Büro des jemenitischen Geschäftsmanns Mohamed Al Salami. In seiner Heimat Jemen leben nur noch entfernte Verwandte. Seine Frau und seine Kinder leben mit ihm in Yiwu.

"Meine drei Kinder sind hier in China geboren und aufgewachsen. An den Jemen verschwenden sie nicht sehr viele Gedanken. Sie fühlen sich hier zu Hause. Wenn wir zu Besuch im Jemen sind, gefällt ihnen das gar nicht, sie sind lieber in China. Papa, wir wollen zurück nach China, sagen sie dann."

Aus Syrien und dem Jemen nach China: Nennt uns bloß nicht Flüchtlinge
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
28.08.2017 16:24 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. August 2017 um 05:44 Uhr.

Darstellung: