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Handynutzung in China Leben ohne Smartphone ist sinnlos

Stand: 04.01.2017 10:41 Uhr

Es ist auf den ersten Blick ein seltsamer Widerspruch: In kaum einem anderen Land wird das Internet so stark zensiert wie in China. Trotzdem ist China das Land der Smartphones. Besonders erfolgreich ist dabei eine App.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Es ist schwierig zu sagen, wie viele Menschen in China ein Smartphone nutzen. Schließlich steigt die Zahl täglich und viele Chinesen haben mehr als nur ein Gerät. Eine staatliche Statistik aus dem vergangenen Jahr gibt aber einen Eindruck: 780 Millionen Smartphones waren damals im Umlauf. Das entspricht etwa 60 Prozent der Bevölkerung. Und so gut wie alle sind bei Weixin registriert, auf englisch: WeChat.

Eine App für (fast) alles

Als absolutes Muss beschreibt Eva Yoo die mit Abstand einflussreichste App in China. "Interessant an WeChat ist, dass man keine Visitenkarten mehr braucht", sagt Eva, die für den Technik-Blog Technode schreibt. Ihr Spezialgebiet sind Apps.

Über einen QR-Code lassen sich andere Nutzer scannen und hinzufügen. WeChat ersetzt so die klassische Visitenkarte und das Adressbuch des Telefons. WeChat verbindet außerdem die Funktionen von WhatsApp, Twitter und Facebook in einem.

"Bei der Arbeite checke ich ständig mein WeChat," sagt die 36-jährige Fei Fei. Die Angestellte aus Shanghai bezeichnet sich selbst als WeChat-süchtig. "Mein Telefon nimmt jeden Zeit-Slot ein, den ich habe. Wenn nicht etwas wirklich Dringendes zu erledigen ist, ist meine Hand am Smartphone, auf der WeChat-App."

Nah dran am Betriebssystem

Es ist weniger das Smartphone selbst, das das Leben der Chinesen in den vergangenen Jahren revolutioniert hat, es ist diese eine App. Sie ist eine Art eigener Kosmos innerhalb des Gerätes. Experten sprechen inzwischen von einem de facto Betriebssystem.

Technik-Bloggerin Eva Yoo: "Anbieter, die bei WeChat aktiv sind, brauchen keine eigene App mehr - weil man ja schon in WeChat integriert ist und die Leute diese App ohnehin nicht verlassen."

Bezahlen mit dem Handy

Die in WeChat integrierte Bezahlfunktion hat das Bezahlen mit Karte in China fast überflüssig gemacht - sowohl in der Online-, als auch in der Offline-Welt.

Kunde hält Smartphone - bezahlt wird per Scanner. | Bildquelle: AFP
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Kunde hält Smartphone - bezahlt wird per Scanner. Hunderte Millionen Chinesen nutzen die App Alipay bereits.

Ein zweiter zweite große chinesische Handy-Payment-Anbieter heißt Alipay und gehört zum Internet-Konzern Alibaba. Dieser wird die Alipay-Bezahlsparte wohl noch dieses Jahr an die Börse bringen. Mittelfristiges Ziel ist die weltweite Expansion.

Wer braucht da noch ein Telefon?

Neben WeChat sind Foto-Apps besonders wichtig in China, sagt Bloggerin Eva Yoo: "Eine typische Asiatin hat mindestens zwei oder drei Kamera-Apps auf ihrem Samrtphone. Es ist ihr sehr wichtig, immer ein Top-Profilbild zu haben und sie sorgt sich darum, was andere über ihr Aussehen denken.  Das hat diese ganze Selfie-Kultur ausgelöst."

Eine Mutter macht ein Foto von ihrer Tochter
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Peking: Eine Mutter macht ein Foto von ihrer Tochter. Die Hülle ihres Smartphones zeigt einen der Minions - die lustigen gelben Männchen aus dem Trickfilm "Ich - Einfach unverbesserlich".

Was Chinesen mit ihrem Smartphone übrigens kaum machen, ist telefonieren. Die Telefonfunktion dürfte im Gegenteil eine der am wenigsten genutzten sein. Kommuniziert wird - fast ausschließlich - per Text- oder Sprachnachricht.

China: Ein Leben ohne Smartphone ist möglich aber sinnlos
S. Wurzel, ARD Shanghai
04.01.2017 09:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 04. Januar 2017 um 09:32 Uhr.

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