Flüchtlinge in Calais | Bildquelle: AFP

Flüchtlinge in Calais "Nicht atmen, bloß nicht atmen"

Stand: 07.08.2017 01:22 Uhr

Großbritannien - für Migranten, die in Calais auf den einen unverschlossenen Lkw warten, ist es das ersehnte Ziel. Obwohl ihre Zahl nach der Räumung des "Dschungels" zurückgegangen ist, versuchen immer noch viele Flüchtlinge hier ihr Glück.

Von Isabel Schayani und Falah Elias, WDR

An der letzten Tankstelle vor der Fähre in Calais könnte bei Dunkelheit der Eindruck entstehen, es sei Krieg. Bewaffnete Polizisten, angespannt und wortkarg, schützen die Lkw und ihre Fahrer. Um die Tankstelle herum schleichen und rennen Gestalten - Flüchtlinge und Migranten aus Eritrea, Somalia und Äthiopien warten auf den einen Moment, in dem sie auf einen Lkw springen können, der sie in ihr Traumland bringt. 

Das hier ist kein Krieg, nur der Übergang zwischen Frankreich und Großbritannien. Die Schnellstraße zur Fähre ist zum Teil mit einer doppelten Mauer gesichert. Großbritanniens Außengrenze wird von Frankreich geschützt.

Notstand als Normalzustand 

"Seit über einem Jahr sind wir hier, da gab es den 'Dschungel' noch", sagt ein junger Mann. "Wir schlafen auf der Straße, unter den Bäumen." Mit seinen Freunden hat er gerade einen Mülleimer nach Zigarettenstummeln durchsucht - Rauchen hilft gegen den Hunger. Sie bleiben in Gruppen, das ist ihr Schutz. 

Seit der Räumung des "Dschungels" von Calais ist die Zahl der Flüchtlinge und Migranten deutlich zurückgegangen - von rund 10.000 auf 600 bis 800. Aber die Situation ist angespannter. Die Polizei reißt alles ein, was der Beginn eines neuen Lagers sein könnte. So schlafen Afghanen, Iraner, Eritreer in kleinen Wäldern. Keine Duschen, keine Toiletten. Hilfsorganisationen bringen Essen.

Blick auf das Camp Dschungel in Calais
galerie

Bis zu seiner Räumung im Oktober 2016 herrschten im "Dschungel" von Calais unhaltbare Zustände.

Von Deutschland nach Calais

Mohsen guckt verklärt in die Ferne, als spräche er von einer schönen Geliebten: "In Großbritannien kann man leicht Geld verdienen, ich spreche die Sprache, man muss nicht ewig eine Ausbildung machen und die Menschen sind freundlicher als die Deutschen." So hat es der junge Iraner zumindest gehört. 

Er hat schon zwei Jahre in Deutschland gelebt. Vor wenigen Tagen bekam er seine Ablehnung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Er wurde panisch und ließ sein deutsches Leben hinter sich. Jetzt haust er im Wald.

Hoffnung auf eine neue Chance

Immer häufiger ziehen Flüchtlinge und Migranten aus Deutschland wie Mohsen nach Calais weiter. In der Bundesrepublik bekommen derzeit Tausende ihre Ablehnungsbescheide, vor allem Afghanen. Nur etwa 45 Prozent von ihnen werden vom BAMF anerkannt. Die Angst vor der Abschiebung treibt sie weiter - hierher, nach Frankreich: "Ich habe in Deutschland einen Sprachkurs besucht und einen Integrationskurs. Ich habe ein Praktikum gemacht - alles, was man mir sagte. Im Heim habe ich geholfen. Christ war ich schon im Iran. Trotzdem haben sie mich abgelehnt."

In Calais ist Mohsen noch neu. Die Leute hier würden es zehn, 20 Mal versuchen, ehe es klappt, sagt er. Wenn überhaupt.

Viele Ablehnungen in Großbritannien 

In Großbritannien stellten im vergangenen Jahr etwa 30.000 Menschen einen Asylantrag. Die meisten kamen über den Kanal. Zwei Drittel von ihnen bekamen keinen Schutz - 20.000 Menschen, von denen jeder Vierte irgendwann abgeschoben wird.

Nach ihrer Ankunft müssen die Flüchtlinge ein bis zwei Jahre auf ihre Anhörung warten. Arbeiten ist dann verboten. Aber viele jobben schwarz und verdienen Geld, das sie ihren Familien schicken. In Großbritannien sei es leichter unterzutauchen, heißt es, und das ist es, was den Flüchtlingen in Calais Hoffnung macht. Außerdem ist Englisch zu lernen leichter als Deutsch. 

Flüchtlinge bei Calais | Bildquelle: AFP
galerie

Versteckt in einem Lkw versuchen die Flüchtlinge, von Calais nach Großbritannien zu gelangen.

Schlepper über den Kanal

Bei Alireza hat es fünf Monate gedauert. Fünf Monate Calais, dann war er erfolgreich. In Calais habe er Hunger gehabt - wie er noch nie Hunger hatte. Alireza ist klein und zierlich. Im Winter sei er fast erfroren. Er stank und war dreckig. Seiner Familie in Kabul erzählte der 24-Jährige nichts: "Ich wollte nicht, dass sie wissen, in welchem Elend ich lebe."

Der "Dschungel" wurde von Schleppern beherrscht, erinnert er sich. "Afghanen und Kurden machen das meistens. Sie verdienen Hunderttausende Euro und bauen davon in Afghanistan teure Häuser." Jeder, der in Calais irgendwie an Geld komme, versuche mit Schleppern über den Kanal zu gelangen. Alireza spricht von Schleppern wie von Dienstleistern, nicht von Kriminellen.

Auch Alireza wollte 3000 Euro zahlen. Die Dienstleistung der Schlepper bestand darin, einen Lkw zu finden, dessen Türen nicht abgeschlossen waren. "Dann werfen sie dich da rein." Wenn man es auf die andere Seite schafft, muss man zahlen, sonst nicht. 

Aus Fehlern lernen

"Einen Monat lang haben sie das jede Nacht mit mir probiert. Danach war ich völlig am Ende und konnte nicht mehr", erzählt Alireza. Es ging immer schief. Er wurde erwischt, gefasst, herausgezerrt, habe dabei aber auch viel gelernt. "Wenn die Briten kontrollieren, darfst du nicht atmen! Bloß nicht atmen! Sonst spüren die Wölfe dich auf. Wenn die Wölfe dich finden, ziehen sie dich aus dem Lkw heraus." Wenn er Wölfe sagt, meint er Schäferhunde, denn die setzt die britische "Border Force" ein. 

Schließlich fuhr Alireza mit vier Freunden zu einer Raststätte, mehr als 100 Kilometer von Calais entfernt. Bei einem Lkw hatte der junge Mann Glück. Der Fahrer machte gerade Pause. Es gelang Alireza hineinzuklettern. Die anderen trauten sich nicht. Im Laderaum fand er einen Hinweis mit dem Ziel des Transportes: Großbritannien. 

Zwischen großen Ballen versteckte sich Alireza. Doch ehe er sein Handy ausstellte, filmte er sich noch. Man erkennt das Innere des Laderaums, verwackelt rutscht ein Gesicht ins Bild. In diesem Moment schaut Alireza starr vor Angst in die eigene Kamera. Auf der britischen Seite warteten die Wölfe auf ihn. "Die Wölfe kamen und ich biss ins Plastik. Bloß nicht atmen. Sie dürfen dich nicht hören. Ich bin fast erstickt." Die Wölfe fanden Alireza nicht. 

Nach 24 Stunden ließ der Fahrer ihn in Birmingham heraus und übergab ihn der Polizei. Alireza stellte seinen Asylantrag. Die vier zurückgebliebenen Freunde schafften es nicht nach Großbritannien und sind in Frankreich geblieben.

Alireza sieht sich auf seinem Handy immer wieder das Video aus dem Laderaum des LKW an, in dem er sich 24 Stunden versteckte.
galerie

Alireza sieht sich auf seinem Handy immer wieder das Video aus dem Laderaum des LKW an, in dem er sich 24 Stunden versteckte.

Leben im Paradies?

"Ich verdiene jetzt fast 1000 Pfund." Mit Schwarzarbeit. Denn solange er nicht anerkannt ist, darf Alireza nicht arbeiten. Gerade hat er seine Ablehnung erhalten und wird vermutlich abgeschoben. "Vielleicht gehe ich vorher hier in London verloren," lächelt er höflich.

Hat sich all das gelohnt? Die Frage schmerzt ihn merklich. Er hatte keine andere Wahl, sagt er. Afghanistan hätte er auch nicht überlebt. Aber nach dem, was er in Europa durchgemacht hat, ist sein Fazit nüchtern und klar: "Ob du in Deutschland, in Frankreich oder hier in einem Heim wartest, ist egal. Es ist immer gleich. In Afghanistan war es bitter, hier ist die Zukunft unklar. Da wird man schon depressiv."

Dann schaut er auf sein Flucht-Video. Er hat die Überfahrt überlebt - wie, weiß er selbst nicht. Seine Freunde in Deutschland wollen nun auch alle nach Großbritannien kommen, denn sie haben ihre Ablehnungen vom BAMF bekommen. 

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 05. Juli 2017 um 19:30 Uhr.

Darstellung: