Mitglieder eines Stabs- und Fernmeldebataillons der Bundeswehr auf einer Wiese | Bildquelle: dpa

Sexuelle Vielfalt in der Bundeswehr Eine bunte Truppe

Stand: 27.07.2017 15:12 Uhr

In den USA gibt es gerade eine Debatte darüber, ob Transgender in der Armee dienen dürfen. Die Bundeswehr-Führung fährt da einen klaren Kurs: Jegliche sexuelle Orientierung und Identität ist willkommen. Das hat aber auch Wettbewerbsgründe - Stichwort Personalrekrutierung.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Statt in finsterem Schwarz prangt das Eiserne Kreuz der Bundeswehr an diesem Dienstag Ende Januar 2017 in leuchtenden Farben an der Wand - die Streitkräfte wollen klar machen, wie vielfältig und bunt sie sind.

Der Workshop, zu dem die Verteidigungsministerin ihre Führungsspitze vorgeladen hat, trägt den Titel "sexuelle Orientierung und Identität in der Bundeswehr" und die Chefin im Wehrressort gibt auch gleich die Richtung vor. Respekt fordert Ursula von der Leyen für alle Angehörigen der Bundeswehr. Und das - wie sie selbst sagt - "egal woher sie kommen, egal, wen sie lieben, egal, an was oder wen sie glauben". Dieses Bekenntnis zu Vielfalt und Toleranz ist der Ministerin offenbar besonders wichtig.

Spott über das "Sex-Seminar"

Der Workshop war von Parteifreunden, dem SPD-Koalitionspartner und der Boulevardpresse als "Sex-Seminar" verspottet worden. Ob es denn nichts wichtigeres gebe, als Sensibilität für Menschen mit homosexueller oder Transgender-Identität in den Streitkräften zu schaffen, ätzte da so mancher.

Tatsächlich ist ein tolerantes Klima für die Bundeswehr keineswegs ein Spartenthema oder nur eine Art Hobby, das der früheren Familien- und Arbeitsministerin von der Leyen besonders am Herzen läge. Es geht um die Zukunft der Armee und ihre Stellung als attraktiver oder eben weniger attraktiver Arbeitgeber.

Der Offizier und Vorsitzende des Arbeitskreises Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr e.V., Hauptmann Marcus Otto. | Bildquelle: dpa
galerie

Seit etwa 15 Jahren gibt es den Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr. Der Vorsitzende, Hauptmann Marcus Otto, will damit einen Ansprechpartner bieten und Diskriminierung in der Truppe verhindern oder beseitigen.

Weil die Streitkräfte seit der Aussetzung der Wehrpflicht mit der Wirtschaft im harten Konkurrenzkampf um geeignetes Personal stehen, werden auch vermeintlich weiche Faktoren immer wichtiger. Die Bundeswehr könne es sich schlichtweg nicht leisten, etwa eine hochqualifizierte lesbische Medizinerin oder einen schwulen IT-Experten mit einer homophoben Grundhaltung in der Truppe zu verschrecken, sagt ein Spitzenbeamter im Gespräch mit tagesschau.de.

Ziel: Qualifiziertes Personal

Und so findet sich die neue Offenheit auch in der Personalstrategie der Streitkräfte wieder. Dort ist nachzulesen, dass die Bundeswehr Vielfalt als vorrangiges Ziel definiere und "als Chance, die kreative Perspektiven aus einem breiten Spektrum soziokultureller Erfahrungen eröffnet. Dazu schafft die Bundeswehr zeitgemäße Lösungsansätze und nutzt multiple Kompetenzen. Ziel ist eine inklusive Arbeitsumgebung, in der sichtbar und spürbar allein Eignung, Befähigung und fachliche Leistung geschätzt und honoriert werden."

Weniger politisch-korrekt formuliert: Die Bundeswehr will qualifiziertes Personal, egal ob es hetero-, homosexuell oder Transgender ist. Allein die Qualifikation soll entscheidend sein. Der Passus in den Dienstvorschriften der Streitkräfte, der Menschen mit "Störung der Geschlechtsdifferenzierung (z.B. AGS, Zwitter) oder -identität" jahrzehntelang als "dienstunfähig" einstufte, komme nicht mehr zur Anwendung, versichert das Verteidigungsministerium und solle überarbeitet werden. Sexualität sei die Privatsache der Bewerber.

Der Alltag sieht noch anders aus

Doch wie sieht es im Dienstalltag aus? In der traditionell eher männlich geprägte Bundeswehr gibt es gegen Menschen mit schwuler, lesbischer oder Trans-Identität nach wie vor auch Vorbehalte - vor allem in den Kampfeinheiten. Schwule Soldaten berichten von dummen Sprüchen oder unterschwelliger Ablehnung. Etliche homosexuelle Soldatinnen und Soldaten trauen sich deshalb möglicherweise nicht, sich zu outen.

Noch schwieriger sei die Lage zuweilen für Transsexuelle in der Truppe, berichten Betroffene. Obwohl die statistische Verteilung dafür spricht, dass auch in den Streitkräften Dutzende Menschen dieser Orientierung dienen, weiß die Bundeswehr-Führung offiziell nur von einer einzigen Soldatin.

Darstellung: