Demonstranten, verkleidet als Lula und Rousseff, in Sao Paulo | Bildquelle: AP

Staatskrise in Brasilien Welch atemberaubender Absturz!

Stand: 21.03.2016 16:52 Uhr

Die Präsidentin kämpft gegen die Amtsenthebung, ihr Vorgänger soll Drahtzieher eines riesigen Korruptionsskandals sein: Brasilien steckt mitten in einer Staatskrise. Paradoxerweise krankt das Land an jener Politik, die es einst groß gemacht hat.

Eine Analyse von Julio Segador, ARD-Studio Südamerika

"Das Land der Zukunft" nannte Stefan Zweig Brasilien - jenes Land, in das der Literat vor dem Nationalsozialismus unfreiwillig fliehen musste. Brasilien, dessen natürliche Schönheit, die friedliche Lebensweise, Toleranz und die Offenheit seiner Menschen nicht nur Stefan Zweig beeindruckte.

Brasilien - das ewige Sehnsuchtsland. Das gilt umso mehr in diesen Tagen, in denen das Land der Zukunft eine chaotische Gegenwart durchlebt. Das Szenario ist komplex: Die Präsidentin kämpft gegen ihre Amtsenthebung, und ihr populärer Vorgänger im Amt, Lula da Silva, steht im Verdacht, Drahtzieher eines gigantischen Korruptionsskandals zu sein, der so ziemlich die gesamte politische Klasse erfasst hat.

Im Würgegriff der Wirtschaftskrise

Die Justiz bläst zur Hexenjagd gegen die Politik, und das Ganze im Umfeld einer Wirtschaftskrise, die Brasilien fest im Würgegriff hält.

Die Menschen im Land verfolgen gebannt, wie sich die Politik gegenseitig zerlegt. Millionen gehen auf die Straße und wollen ihr politisches Führungspersonal nur noch loswerden. Verständlich.

Paradoxerweise zahlt Brasilien nun den Preis für eine Politik, die das Land einst stark machte. Es war Präsident Luis Inácio Lula da Silva, der bei seinem Amtsantritt 2003 eine damals völlig neue Politik in Brasilien initiierte. Er brachte Politiker, Unternehmer und die sozialen Bewegungen an einen Tisch, um das von Hyperinflation, Gewalt und politischer Labilität gebeutelte Land zu stabilisieren.

"Lulismo" heißt dieser Polit-Pragmatismus, mit dem Brasilien über viele Jahre gut fuhr. Millionen Brasilianer stiegen mithilfe kluger Sozialprogramme aus der Armut auf, erreichten ein besseres Lebensniveau. Das Land wurde die sechststärkste Wirtschaftsmacht der Welt, es erreichte als Mitglied der BRICS-Staaten internationales Gewicht.

Demonstranten in Sao Paulo | Bildquelle: AP
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Riesige Puppen, die Ex-Präsident da Silva und seine Nachfolgerin Rousseff darstellen: Zeichen des Protests bei einer Demonstration in São Paulo (13. März 2016).

Die Schattenseiten des "Lulismo"

Alles Vergangenheit. Der "Lulismo" wird nur noch als Klüngel wahrgenommen, der die riesige Korruptionsmaschinerie erst möglich machte. Mit dem sich die politischen und wirtschaftliche Eliten die Taschen vollstopfen konnten. Den Menschen, denen der Aufstieg in die Mittelklasse gelang, fehlen Perspektiven. Die Wirtschaftskraft des Landes wird nur noch als stotternder Motor wahrgenommen. Und die Präsidentin?

Dilma Rousseff hat alle Negativrekorde gebrochen: Gerade mal acht Prozent der Brasilianer hat sie noch hinter sich. So schlecht schnitt noch kein brasilianischer Staatschef ab. Dass sie nun Lula da Silva, ihren Vorgänger als Präsident, ins Kabinett holen will, gleicht einem Offenbarungseid.

Schon schreien erste Verwirrte nach einer starken Hand, die das Chaos beseitigen soll, einige wenige Ewiggestrige wünschen sich gar das Militär herbei. Das "Land der Zukunft" beschwört durch eine chaotische Gegenwart eine unheilvolle Vergangenheit herauf. Welch ein atemberaubender Absturz!

Staatskrise im Land der Zukunft
J. Segador, ARD Buenos Aires
21.03.2016 16:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR5 am 22. März 2016 um 06:43 Uhr

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