Geröllfeld von Bondo

Rückkehr nach Bondo Der Berg ist noch immer in Bewegung

Stand: 15.10.2017 16:17 Uhr

Nach einem Felssturz über dem Schweizer Dorf Bondo ergossen sich Ende August gewaltige Schlammlawinen ins Tal, acht Wanderer wurden verschüttet. Nun sind die ersten Bewohner des Dorfes zurückgekehrt - obwohl noch immer eineinhalb Millionen Kubikmeter am Berg in Bewegung sind.

Von Julia Kastein, MDR

Ada Salis ruft einer Nachbarin ein freudiges "Herzlich willkommen zurück" zu, während sie sich mit vollem Einkaufskorb auf einem Stuhl am Dorfplatz niederlässt. Gerade hat sie bei Donato, der den einzigen Laden samt Kneipe führt, ihre Vorräte aufgefüllt: "Das ist die erste normale Arbeit heute", sagt sie. "Also eine Gewohnheit, dass man Brot holt." Eine Freude sei das.

Die vergangenen Wochen hat die Rentnerin in einem der Nachbardörfer verbracht, so wie die meisten der rund 150 Bewohner von Bondo. Das kleine Schweizer Dorf machte Ende August Schlagzeilen, als bei einem Felssturz auf dem Piz Cengalo acht Wanderer verschüttet wurden. Der Felssturz löste mehrere Murgänge aus, gewaltige Lawinen aus Geröll, Wasser und Schlamm, die sich bis ins Tal ergossen. Die Bewohner Bondos wurden ins Sicherheit gebracht.

Wie Ada Salis gehört auch Fausto Picenoni nun zu den ersten Rückkehrern. Sein Anhänger ist vollgepackt mit Koffern und Kisten. Der Elektriker ist vor allem erleichtert - darüber, dass der malerische Ortskern, in dem auch sein Haus steht, die Murgänge unbeschadet überstanden hat. "Wenn man sich vorstellt, das Haus ist weg", sagt er. "So wie bei den Nachbarn, nur 100 Meter weiter. Das gibt einem schon zu denken."

"Die Gewalt ist unglaublich"

Seine Nichte Marika kann noch nicht zurückziehen. Ihr Elternhaus ist zwar heil, steht aber in der noch immer gefährdeten Zone. Als die erste Mure am 23. August abging, war die 15-Jährige in der Schule. "Dann haben wir diese Wolke gesehen", erinnert sie sich. "Und dann haben wir gesagt, es kommt. Aber wir haben nicht gedacht, so viel."

Denn es blieb nicht bei dem einen Murgang. Eine Woche später ergoss sich der nächste gigantische Schwall von Geröll und Schlamm ins Tal. Zwar hatte die Gemeinde erst vor fünf Jahren zum Schutz ein Rückhaltebecken gebaut. Das jedoch war da schon voll. "In dieser Nacht kamen 100.000 Kubikmeter - das ist das Volumen von 100 Einfamilienhäusern", sagt Gemeindesprecher Christian Gartmann. "In einer Viertelstunde kommen da 100 Einfamilienhäuser geschwommen. Das sind zum Teil lastwagengroße Steine. Die Gewalt ist unglaublich und jagt mir einen Schauer über den Rücken, jedes Mal, wenn ich daran denke."

Rückkehr der Menschen
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Anwohner sitzen auf dem Dorfplatz von Bondo.

Niemand weiß, wann sich die nächste Mure löst

Diesmal wurden nicht nur die Zufahrtsstraße zum Ort verschüttet, sondern auch Häuser und Ställe. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Die alte Schmiede von David Wille steht jetzt bis zum ersten Stock in Schutt und Schlamm. Er selbst sei glücklicherweise im Ausland gewesen, sagt er. Aber seine Frau habe barfuß fliehen müssen.

Tag und Nacht sind die Bauarbeiter im Einsatz. Oberste Priorität hat die Leerung des Rückhaltebeckens. Es ist quasi die Versicherung fürs Dorf, sagt Sprecher Gartmann. Denn niemand weiß, wann sich die nächste Mure löst. "Wir wissen, dass noch etwa eineinhalb Millionen Kubikmeter am Berg in Bewegung sind. Im Moment bewegen die sich sehr schwach, 0,3 bis 0,5 Millimeter pro Tag. Wir hatten Teile des Berges, die sich mit fünf bis acht Zentimeter pro Tag bewegt haben - also ein Vielfaches davon. Die Teile sind aber mittlerweile abgestürzt, und wir gehen jetzt hoffentlich in einen ruhigen Winter.

Welchen Anteil die Klimaerwärmung an dem Felssturz und den anschließenden Murgängen hatte, ist noch nicht klar. Doch dass das Risiko größer geworden ist, wissen nicht nur die Bewohner von Bondo. Wegziehen kommt für die meisten trotzdem nicht in Frage. Selbst Kunsthistoriker Wille, dessen Haus genau im Lauf der Mure liegt, ist entschlossen: "Wir bleiben im Haus. Das steht gut und sicher. Hier ist alles aus schweren Steinen gebaut. Was schief steht, kann wieder gerade gestellt werden." Dann eilt er in Richtung Dorfplatz - um mit den anderen den ersten Schritt in die Normalität zu feiern.

Rückkehr in die Ungewissheit: die ersten Bewohner von Bondo dürfen zurück
J. Kastein, ARD Zürich
15.10.2017 14:59 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Oktober 2017 um 05:54 Uhr.

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