Entführt von Boko Haram  | Bildquelle: AFP

Ein Jahr nach Entführung durch Boko Haram Keine Spur von verschleppten Mädchen

Stand: 14.04.2015 08:24 Uhr

Vor einem Jahr entführte die Terrormiliz Boko Haram in Nigeria mehr als 270 Schülerinnen. Die Kampagne "bring back our girls" wurde weltweit unterstützt. Doch die meisten der Mädchen blieben verschwunden. Ihre Familien quält die Ungewissheit.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Vor einem Jahr, in der Nacht vom 14. auf den 15. April, überfielen maskierte Männer der Terrorgruppe Boko Haram ein Internat in Chibok im Norden Nigerias. Sie entführten mehr als 270 Mädchen.

Protestmarsch für die Rettung entführter Schulmädchen in Nigeria | Bildquelle: AP
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Protestmarsch für die Rettung entführter Schulmädchen in Nigeria

Es war nicht die erste Massenentführung in Nigeria und auch nicht die letzte. Dennoch ging in diesem Fall eine besondere Welle der Empörung durch das Land. Weltweit forderten die Menschen in den sozialen Netzwerken: "Bring back our girls". Bis heute sind 219 der Schülerinnen spurlos verschwunden.

Nun soll sogar das Empire State Building in New York im Gedenken an die Mädchen rot angeleuchtet werden, in Nigeria erinnern zahlreiche Veranstaltungen an ihr Schicksal. Der frisch gewählte neue Präsident Muhammadu Buhari soll nun eine Lösung finden, um den Terror zu bekämpfen und die Schülerinnen doch noch zu retten.

Die Angehörigen schwanken immer noch zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Abana Mutha lässt seinen kleinen Sohn nicht mehr aus den Augen, er ist sein einziger Halt, seit Boko Haram seine älteste Tochter entführt hat. Mutha schaut lange auf das Foto in seiner Hand, es zeigt einen ernsten Teenager in Schuluniform. Den Namen der Tochter will er nicht verraten. Er will die Ermittlungen nicht gefährden - auch wenn er nicht glaubt, dass die Behörden tatsächlich nach ihr suchen.

"Wie kann Nigeria das zulassen?"   

"Ich weiß nicht, was ich noch denken oder fühlen soll", sagt Mutha. "Wir hatten unsere Mädchen dem Staat anvertraut, damit sie etwas lernen. Dass Nigeria nicht fähig ist, seine Kinder zu schützen, das ist erschütternd. Und noch schlimmer ist, dass wir noch immer nicht wissen, ob wir sie je wiedersehen."

Die mehr als 270 Mädchen wurden in ihrer Schule aus dem Schlaf gerissen und verschleppt. Mehr als 50 von ihnen konnten fliehen, doch Muthas Tochter blieb in der Gewalt der Islamisten: Der Vater hat seine Tochter später auf einem Bekennervideo erkannt. Darin zeigt Boko-Haram-Chef Abubakar Shekau schwarz verschleierte Geiseln und droht, die Mädchen zu verkaufen.

Schicksal entführter Mädchen in Nigeria nach einem Jahr weiter ungewiss
tagesthemen 22:15 Uhr, 14.04.2015, Sabine Bohland, ARD Nairobi

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Seitdem sind sie verschwunden, und Mutha ist zum qualvollen Warten, Hoffen und Bangen verdammt. Wie so viele andere Angehörige auch. "Es ist einfach unfassbar", sagt Aisha Yusufu von "Bring back our girls" in Abuja. Ich kann einfach nicht glauben, wie wir als nigerianische Nation es zulassen konnten, dass diese Mädchen entführt wurden und bis heute nicht gerettet sind, 365 Tage. Es ist eine Schande. Es bricht mir das Herz, dass das Leben einfach so weitergeht, während die Mädchen in den Händen von Terroristen sind."

Michelle Obama schloss sich bereits am 7. Mai der Online-Kampagne an
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Auch die US-amerikanische First Lady Michelle Obama schloss sich der Aktion an.

Das Schicksal der Mädchen hat die Welt bewegt. Sogar die US-amerikanische First Lady Michelle Obama posierte mit einem Schild, auf dem sie forderte: "Bringt die Mädchen zurück". Noch immer demonstrieren Aktivisten in den großen Städten Nigerias für die Freilassung der Schülerinnen, in dieser Woche finden zahlreiche Gedenkveranstaltungen und Schweigemärsche statt.

Die Behörden vertrösten die Bevölkerung

Nigerias Behörden scheint das alles wenig zu beeindrucken. Seit 365 Tagen vertrösten die bisherige Regierung und der scheidende Präsident Goodluck Jonathan die Bevölkerung mit Durchhalteparolen. Vollmundig wurde verkündet, die Armee wisse, wo sich die Mädchen befinden, man verhandle mit den Geiselnehmern. Schnell war klar: alles Lüge.

Schule in Chibok nach dem Angriff von Boko Haram | Bildquelle: AFP
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Die Schule in Chibok nach dem Angriff von Boko Haram im April 2014.

Deswegen hoffen jetzt viele Menschen auf den neuen Präsidenten, der Ende Mai das Ruder übernimmt: Auf Buhari, dem Ex-General, dem Muslim aus dem Norden, ruhen große Erwartungen. Auch die von Oby Ezekwesili, Organisator von "Bring back our girls": "Der neu gewählte Präsident sollte einen Vertrauensvorschuss bekommen. Muhamadu Buhari hat schon im Wahlkampf angekündigt, dass er das Drama der Chibok-Mädchen zur Chefsache machen will. Wir hoffen, dass er entsprechend handeln wird."

Vielleicht ist es dafür schon zu spät. Die Spur der Mädchen hat sich im riesigen, schwer zugänglichen Sambisa-Wald verloren, der mutmaßlichen Hochburg von Boko Haram, nahe der kamerunischen Grenze. Eine junge Frau, die selbst den Entführern entkommen ist, will die Mädchen noch im Dezember in der Ortschaft Gwoza gesehen haben - sie seien in schlechter körperlicher Verfassung gewesen, mit Kämpfern zwangsverheiratet, zum Teil schwanger.

UN fürchten Tod der Mädchen

Die Vereinten Nationen befürchten das Schlimmste: Die Dschihadisten könnten die Mädchen inzwischen getötet haben. Die Schülerinnen könnten zur Last geworden sein, auf der Flucht vor tschadischen und nigerianischen Truppen. Im Bundesstaat Borno seien entsprechende Massengräber entdeckt worden, wird UN-Menschenrechtskommissar Seid Ra'ad al-Hussein in nigerianischen Zeitungen zitiert.

Bestätigt ist gar nichts, die Ungewissheit quält die Angehörigen weiter. "Manchmal denke ich, es wäre besser, die Behörden würden die Kinder tatsächlich offiziell für tot erklären", sagt Abana Mutha. "Dann könnten wir sie beerdigen und Abschied nehmen. Ja, manchmal denke ich so. Ich schäme mich dafür - aber ich habe kaum noch Kraft, um weiter zu hoffen. Ich will nicht aufgeben, aber endlich trauern zu dürfen, wäre besser, als ständig weiter enttäuscht zu werden."

Ein Jahr nach der Massenentführung der Chibok-Mädchen
A. Göbel, ARD Rabat
13.04.2015 22:21 Uhr

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