Flüchtlinge verlassen Schiff von Ärzte ohne Grenzen in Salerno/Italien | Bildquelle: AFP

Flüchtlingskrise 2017 "Unser erster Feind sind die Schleuser"

Stand: 28.12.2017 11:21 Uhr

In diesem Jahr kamen rund ein Drittel weniger Flüchtlinge über das Mittelmeer von Libyen nach Italien. Die nackten Zahlen sagen jedoch wenig über das Schicksal der Menschen aus, die auch 2017 vor Sklaverei, Vergewaltigung und Folter geflohen sind.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Zugegeben, eine Rangliste ist sinnlos - aber vielleicht war das die schlimmste Szene der Flüchtlingskrise 2017: ein Sklavenmarkt in Libyen, auf dem junge Männer aus Südsahara-Staaten wie eine Ware verkauft wurden. Reporter des US-Fernsehsenders CNN hatten das Grauen im November aufgedeckt.

Rund 118.000 Menschen sind in diesem Jahr über das Mittelmeer aus der Hölle in Libyen nach Italien gekommen - und damit 34 Prozent weniger als im Vorjahr. Soweit die nackten Zahlen. Über das Schicksal der Menschen sagen sie nur wenig aus.

Menschen protestieren in Rabat gegen "Sklaverei in Libyen". | Bildquelle: AFP
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Menschen protestieren in Rabat gegen Sklaverei in Libyen.

Aus Wirtschaftsmigranten werden Flüchtlinge

Flavio di Giacomo von der Migrationsagentur der Vereinten Nationen (IOM) sagt, dass die alten Schablonen schon längst nicht mehr passen. Oft werde in Europa zwischen Wirtschaftsmigranten und Flüchtlingen unterschieden, klagt er.

Doch wenn man sich die Menschen anschaue, die aus Libyen ankommen, werde diese Unterscheidung immer schwieriger.

"Ein Migrant, der in Libyen ist, dort vergewaltigt oder gefoltert wird und von dort fliehen muss, um sein Leben zu retten, ist eine verletzbare Person. Er mag als Wirtschaftsmigrant aufgebrochen sein, aber hier wird er traumatisiert."

Die Menschen brechen vor allem in Westafrika auf

2017 hat sich wieder einmal gezeigt, dass die Migrationsströme wandelbar sind und sich schnell an aktuelle Lagen anpassen können. Die Herkunft der Migranten habe sich verändert, sagt di Giacomo.

"Syrer und Eritreer kommen in Italien nicht mehr an, sondern vor allem Migranten, die in Westafrika aufbrechen. Ohne einen Plan, oft wollen sie einfach nur nach Libyen, aber durch die Krise in Libyen treten dann einige - längst nicht alle - die Reise nach Europa an, um zu überleben."

Wenn sie dann in Italien ankämen, wollten sie meist auch nicht in andere europäische Länder, sagt di Giacomo. "Auch das hat sich verändert."

Migranten sitzen zusammengedrängt an Bord eines Schiffes | Bildquelle: dpa
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Von Libyen aus versuchen zahlreiche Migranten über das Mittelmeer zu gelangen - oft greifen sie dabei auf Schlepperbanden zurück.

Erfolge gegen Schleuser von kurzer Dauer

Sehr flexibel sind vor allem die Schleuserbanden, die auch 2017 weiter ihre Geschäfte gemacht haben. Auch wenn Italiens Regierung im Sommer einen neuen Kurs eingeschlagen hat. Da wurde die - von Menschenrechtsorganisationen kritisierte - Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache noch einmal deutlich verstärkt.

Seitdem operieren italienische Schiffe auch in libyschen Hoheitsgewässern, um die Flüchtlingsboote schon dort abzufangen und die Migranten zurückzuschicken. Seitdem wurde auch der Druck auf die Nichtregierungsorganisationen erhöht, die auf dem Mittelmeer Menschenleben retten. Angeblich soll auch Geld an Milizen in Libyen geflossen sein, um die Schleuser zu stoppen. Die Erfolge waren eher kurzzeitig.

"Humanitäre Korridore" spielen kaum eine Rolle

Italiens Innenminister Marco Minniti hält dennoch stolze Reden. "Wenn wir Menschenleben retten wollen, wenn wir für eine menschenwürdige Aufnahme sorgen wollen, dann müssen wir den illegalen Menschenhandel bekämpfen", betont er.

"Unser erster Feind sind die Schleuser! Wir müssen die Migrationsströme ordnen, die Illegalität bekämpfen, um zu zeigen, dass man die Herausforderung der Migration angeht, indem man humanitäre Korridore einrichtet, zusammen mit den übrigen Mittelmeerstaaten."

Diese "humanitären Korridore" gibt es inzwischen, nach Italien und neuerdings auch nach Belgien. Aber sie spielen zahlentechnisch eher eine politische Rolle. Sie seien ein Zeichen, das angesichts der Größe des Problems nicht ausreiche, meint di Giacomo.

Die Internationale Gemeinschaft müsse sich zusammentun, "damit es aufhört, dass wir im 21. Jahrhundert von Sklavenmärkten sprechen müssen. Damit aufhört, dass eine Flugstunde von Rom entfernt Menschen verkauft werden, Frauen vergewaltigt und Menschen gefoltert werden."

Karte: Libyen mit Tripolis und Italien
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Rund 118.000 Menschen kamen 2017 über das Mittelmeer aus der von Libyen nach Italien.

3100 Menschen kamen auf dem Mittelmeer ums Leben

Und: auch 2017 war ein Jahr, in dem Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ihr Leben gelassen haben - genauer gesagt mehr als 3100. Die meisten sind bei Bootsunglücken ertrunken. Auch das war 2017 die traurige Realität der Migrationskrise.

Experten sagen, der Beginn ihrer Lösung wäre, anzuerkennen, dass das schon längst keine Krise mehr ist, sondern dass Migration nach Europa ein strukturelles Problem ist, das grundsätzliche Lösungen braucht. Ansonsten werde sich auch 2018 wenig an der Situation in Libyen und auf dem Mittelmeer ändern.

Ein weiteres Jahr der Migrationskrise - eine Bilanz
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
28.12.2017 10:10 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Dezember 2017 um 05:40:00 Uhr.

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