Ermittler in Brüssel

Belgische Stadt Mechelen Ein Vorbild im Kampf gegen den IS

Stand: 03.11.2016 11:05 Uhr

Mit den Anschlägen im März hat der Terror des IS auch einen Schatten über Brüssel geworfen. Seitdem versucht die Regierung, die Miliz zu bekämpfen und zu verhindern, dass die Dschihadisten Nachwuchs anwerben. Ein Vorbild ist dabei die Stadt Mechelen.

Von Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Mit der Ideologie der Terrororganisation "Islamischer Staat" und mit den Radikalisierungsprozessen von Jugendlichen hat sich kaum ein anderer belgischer Politiker so intensiv auseinandergesetzt wie er: Bart Somers, der Bürgermeister der 85.000 Einwohnerstadt Mechelen.

Der katholische Flame sympathisierte selbst als 16-Jähriger mit den Bombenbauern der Irisch-Republikanischen Armee (IRA). Er wisse aus eigener Erfahrung, wie leicht pubertäre Begeisterungsfähigkeit instrumentalisiert werden könne, sagt Somers. Er gilt als besonders erfolgreicher Bekämpfer der IS-Ideologie in Belgien: Denn obwohl mehr als 20 Prozent der Einwohner von Mechelen aus den Maghreb-Staaten kommen, viele von ihnen keinen Job haben und obwohl die flämische Kleinstadt zwischen den IS-Anwerbezentren Antwerpen und Brüssel liegt, gibt es keine bekannten Syrien- und Irak-Kämpfer aus Mechelen.

Sporttrainer, Lehrer und der Imam als Frühwarnsystem

Der Brüsseler Vorort Molenbeek gilt als Brutstätte islamistischer Terroristen.
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Der Brüsseler Vorort Molenbeek gilt als Brutstätte islamistischer Terroristen.

Als die Gründer der mittlerweile aufgelösten islamistischen Organisation "Shariah for Belgium" versuchten, in der Stadt Nachwuchsterroristen anzuwerben, wurden sie nicht etwa von der Polizei, sondern vom lokalen Imam und den Mitgliedern des Mechelener Box-Clubs aus der Stadt gejagt.

Ob die Lehrer der örtlichen Schulen, die Boxtrainer des Club Mechelen oder der Imam - für den Bürgermeister sind sie wichtige Verbündete im Frühwarnsystem vor Anwerbern des IS. Konsequent setzt Somers auf die Bekämpfung der Kleinkriminalität. Denn das kriminelle Milieu bringt in Mechelens Nachbarzentren Brüssel und Antwerpen die meisten IS-Terroristen hervor.

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Doch Somers setzt neben konsequenter Polizeiarbeit auch auf kluge Stadtplanung: Er duldet keine Gettos, wie im Brüsseler Problemviertel Molenbeek . Dort hätten die Verantwortlichen jahrelang geschlafen, sagt Somers. Er hat die ärmeren Stadtteile durch neue Straßen, gut ausgestattete Schulen und gepflegte Parks für die Mittelschicht wieder attraktiv gemacht.

Vorbild für Brüsseler Problemviertel

Mittlerweile reisen Lokalpolitiker aus Molenbeek regelmäßig nach Mechelen, um von den dortigen Anti-Terrorkonzepten zu lernen und so schneller und gezielter gegen IS-Sympathisanten vorzugehen.

Mechelens Bürgermeister Bart Somers (li.) mit dem britischen Botschafter Julian King | Bildquelle: AFP
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Mechelen wird Vorbild in Sachen Anti-IS-Strategien: Im Oktober besuchte der britische Botschafter Julian King (re.) die Stadt. Hier an seiner Seite: Mechelens Bürgermeister Bart Somers.

Straßenzug für Straßenzug, Haus für Haus hat sich auch Molenbeeks Bürgermeisterin Francoise Schepmanns vorgenommen. 50 Beamte der belgischen Bundespolizei wurden seit den Terroranschlägen von Paris und Brüssel zusätzlich in Molenbeek eingesetzt. In einem einzigen Haus entdeckten sie 200 Bewohner ohne Papiere. 15 belgischen Jugendlichen, die sich auf die Abreise nach Syrien vorbereiteten, wurden seit den Terroranschlägen von Brüssel vorsorglich die Ausweise abgenommen.

Um die Verbindung zu radikalen Organisationen unattraktiver zu machen, setzt Molenbeeks Bürgermeisterin auf den Sport. Die Akademie "Jeunesse Molenbeek" gilt mittlerweile als erstklassige Fussball-Kaderschmiede für Sieben- bis 18-Jährige. Und die Stiftung des ehemaligen niederländischen Nationalmannschaftskapitäns Johan Cruyff finanziert in Molenbeek zur Zeit weitere Sportplätze und Trainingszentren.

Aufklärung durch Betroffene

Belgiens Schulen setzen mittlerweile verstärkt die Aufklärung über die Dschihadisten auf den Stundenplan - auch mithilfe einer verurteilten Terroristin, die sich vor den Klassen sehr offen und unter ihrem Namen Fragen stellt. Über Facebook sei sie von einem Terroristen des IS angeworben worden, erzählt die Belgierin Laura Passoni. Mit dem Versprechen als Krankenschwester arbeiten zu können, köderte sie die Terrormiliz für den Einsatz in Syrien. Stattdessen wurde sie mit anderen Frauen in einem Haus eingesperrt und sollte ihren vierjährigen Sohn dazu zwingen, seinem Lieblingsteddy den Kopf abzuschlagen. Aus Verzweiflung sei sie dem IS nach Syrien gefolgt, sagt die junge Frau. "Der größte Fehler meines Lebens", lautet ihre Botschaft an die belgischen Jugendlichen.

Belgien setzt auf neue Frühwarnsysteme gegen IS
R. Sina, ARD Brüssel
03.11.2016 09:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2016 um 06:20 Uhr

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