Soldaten am Brüsseler Flughafen Zaventem

Ein Jahr nach Terror in Brüssel Gelernt aus den Pannen

Stand: 22.03.2017 09:03 Uhr

Mit einer Schweigeminute haben die Bewohner Brüssels der Terroropfer von vor einem Jahr gedacht. Damals mussten sich die Behörden viel Kritik anhören für haarsträubende Ermittlungspannen. Wer hat versagt - und was hat sich geändert?

Von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Es dauerte noch nicht einmal Tage: Schon wenige Stunden nach der Terrorserie von Brüssel im März 2016 verglichen internationale Medien das EU-Land Belgien mit einem gescheiterten Staat. Das israelische Blatt "Haaretz" nannte Belgien in einem Atemzug mit Syrien, Libyen und dem Irak als Rückzugsort für IS-Terroristen. "Ich akzeptiere nicht die Sichtweise, dass ein einzelnes Land - Belgien - dramatisch schlechter sein soll als andere, die ebenfalls von Anschlägen erschüttert wurden", versuchte sich der belgische Premier Charles Michel damals zu wehren.

Nun ist eigentlich seit dem 11. September 2001 klar, spätestens aber seit Berichten, dass die deutschen Behörden den Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri, zunächst überwachen, dann aber vom Radar verschwinden ließen, wie leicht Sicherheitsdiensten Fehler unterlaufen können. Doch klar ist auch: In Belgien passierten im Vorfeld der Anschläge Pannen, die einem im Rückblick haarsträubend vorkommen müssen.

Trauerzeremonie in Brüssel | Bildquelle: AFP
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Mit einer Schweigeminute am Brüsseler Flughafen haben die Gedenkfeierlichkeiten zum ersten Jahrestag der Terroranschläge in der belgischen Hauptstadt begonnen.

Spätere Attentäter waren den Behörden bekannt

"Viele der Personen, die beteiligt waren an den Angriffen von Brüssel und zuvor in Paris, waren den Behörden bekannt. Trotzdem waren wir nicht in der Lage, sie von Reisen nach Syrien und Irak abzuhalten und anschließend zu verhindern, dass sie als Rückkehrer hier Gewalttaten verübten", erklärt Terrorismusexperte Thomas Renard vom Egmont-Institut in Brüssel.

Ein Beispiel: Ibrahim El Bakraoui, einer der Attentäter, der seine mit Sprengstoff bepackte Reisetasche am Brüsseler Flughafen zündete, hatte sich in Syrien dem "Islamischen Staat" angeschlossen. Die Türkei nahm ihn fest, als er bei seiner Rückkehr die Grenze passierte. Und setzte ihn dann - eigenen Angaben zufolge versehen mit dem Hinweis, dass hier ein echter Gefährder auf dem Weg sei - in einen Flieger nach Amsterdam. Was auch immer dann passierte: El Bakraoui verließ als freier Mann den niederländischen Flughafen, reiste nach Belgien weiter und blieb auch da unbehelligt.

"Theoretisch hätten wir diese Angriffe verhindern können, wenn wir uns etwa mehr auf die Bakraoui-Brüder konzentriert hätten", stimmt Experte Renard zu. Aber: "Hätten wir diesen Fällen mehr Beachtung geschenkt, wären uns vielleicht andere Anschlagspläne nicht aufgefallen, die in der Tat ohne große Medienberichterstattung vereitelt wurden."

Unfaire und übertriebene Kritik?

Renard empfindet die massive Kritik an den belgischen Behörden als unfair und übertrieben. Niemand leugne allerdings, dass Geheimdienst und Polizei in Belgien jahrelang hoffnungslos unterfinanziert gewesen seien. Erst jetzt kehre man langsam wieder zurück zu den Budgets der Jahre vor der Wirtschaftskrise 2008.

Polizisten in Brüssel
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Die belgische Polizei war jahrelang hoffnungslos unterfinanziert. Nach den Anschlägen wurde aufgestockt.

Zudem gestehen selbst Kritiker zu, dass in den vergangenen zwölf Monaten etwa in Brüssel eine Menge in Bewegung gesetzt wurde beim Versuch, junge Männer vom Abgleiten in den Islamismus abzuhalten - egal, ob es sich um staatliche Programme oder Selbsthilfe-Gruppen im Problemstadtteil Molenbeek handelt. Was aber keineswegs heißt, dass damit die Gefahr gebannt wäre: "Die Realität ist, dass in Belgien die Radikalisierung immer noch zunimmt", sagt Renard.

Hinzu kommt, dass sich zwar nur noch wenige junge Menschen auf den Weg nach Syrien machen. Von dort zurückkehren dürften allerdings noch viele - und dann militärisch geschult. Belgien wird also trotz der Lehren aus den Anschlägen vom 22. März im Visier der Terroristen bleiben.

Ein Jahr nach den Terroranschlägen in Brüssel
K. Küstner, ARD Brüssel
21.03.2017 19:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. März 2017 um 04:42 Uhr.

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