Demonstration in Australien gegen sexuellen Missbrauch | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Sexuelle Gewalt in Schulen und Kirchen Australien entschädigt Tausende Opfer

Stand: 09.03.2018 09:07 Uhr

Über Jahrzehnte wurde weggeschaut: In Australien sind Zehntausende Kinder in öffentlichen Einrichtungen sexuell missbraucht worden. Jetzt kündigten die ersten Bundesstaaten Entschädigungen an.

Es geht insgesamt um geschätzt 60.000 Schicksale: In Australien sollen Frauen und Männer, die in Schulen, Kirchen und Heimen als Kinder Opfer sexueller Gewalt wurden, erstmals Geld vom Staat bekommen. Vorreiter sind die beiden bevölkerungsreichsten Bundesstaaten New South Wales und Victoria. Sie kündigten an, von Juli an im Einzelfall umgerechnet bis zu 94.000 Euro auszuzahlen. Profitieren würden damit zunächst 14.000 Menschen. Das Geld soll jenen zugute kommen, die als Kinder von Mitarbeitern öffentlicher Einrichtungen systematisch missbraucht wurden - oft über Jahre hinweg.

Premierminister Malcolm Turnbull forderte die katholische Kirche und andere Institutionen auf, sich ebenfalls an dem Programm zu beteiligen. Vor allem die katholische Kirche steht wegen eines Missbrauchsskandals in der Kritik. Nach Recherchen einer offiziellen Ermittlungskommission sollen sich sieben Prozent von Australiens katholischen Priestern an Kindern vergangen haben. Australiens Bischofskonferenz hat sich zwar entschuldigt; zu einer finanziellen Entschädigung an die Opfer ist sie bislang aber nicht bereit.

Australiens Regierungschef Malcolm Turnbull | Bildquelle: dpa
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Australiens Regierungschef Malcolm Turnbull will die Kirchen in die Pflicht nehmen.

Regierung setzt Kirchen unter Druck

Turnbull machte allerdings deutlich, dass er insbesondere die Kirche in der Pflicht sieht. Wer sich dem Programm verweigere, würde "sehr hart" beurteilt, mahnte der konservative Regierungschef. Zugleich kündigte er an: "Wenn die Kirche, eine wohltätige Organisation oder eine andere Institution nicht mitmacht, werden wir zum Lautsprecher greifen und dafür sorgen, dass sie unterschreiben."

Die Ausgleichszahlungen gehen auf die Empfehlungen einer Kommission zurück, die nach jahrelangen Untersuchungen Ende 2017 ihren Abschlussbericht vorgelegt hatte. Sie hatte sogar eine Ausgleichszahlung von umgerechnet mehr als 125.000 Euro vorgeschlagen. Bislang hat sich außer den beiden Bundesstaaten noch niemand zur Mitwirkung bereit erklärt. Die Verhandlungen zwischen der Zentralregierung in Canberra und anderen Bundesstaaten laufen noch.

Fast sieben Jahrzehnte systematischen Missbrauchs

Nach offiziellen Zahlen haben allein in New South Wales 9000 Opfer von sexueller Gewalt Anspruch auf Geld. In Victoria sind es 4000. Insgesamt geht es um mehrere zehntausend Fälle aus den Jahren 1960 bis 2015. Experten gehen davon aus, dass etwa 60.000 Menschen Anspruch auf die Entschädigungen erheben können. Ausgeschlossen sind Leute, die später selbst andere sexuell missbraucht haben. Wer - aus welchen Gründen auch immer - zu einer Haftstrafe von fünf Jahren oder mehr verurteilt wurde, bekommt ebenfalls nichts.

Opferverbände begrüßten die Ankündigung der beiden Bundesstaaten. Dem Abschlussbericht der Kommission zufolge wurden über sechseinhalb Jahrzehnte hinweg Kinder in mindestens 4000 Einrichtungen missbraucht - in Schulen, Kirchen, Heimen, Internaten. Die Mehrheit der Opfer waren Jungen. Durchschnittlich waren sie nicht einmal zwölf Jahre alt. In vier von fünf Fällen blieb es nicht bei einem Mal.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nachrichten am 09. März 2018 um 12:00 Uhr.

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