Demonstration in Australien gegen sexuellen Missbrauch | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Kindesmissbrauch in Australien Kommission rät zur Aufhebung des Zölibats

Stand: 15.12.2017 18:07 Uhr

Zehntausende Kinder in Australien leiden bis heute unter traumatischen Missbrauchserlebnissen in Schulen und kirchlichen Einrichtungen. Eine Untersuchungskommission hat jetzt den Abschlussbericht vorgelegt. Empfehlung: Abschaffung des Zölibats.

Von Lena Bodewein, ARD-Hörfunkstudio Singapur

Fünf Jahre hat die Untersuchung gedauert, siebzehn Teile hat ihr Abschlussbericht, es gab mehr als 2500 Beschuldigungen, 230 mal wurde Anklage erhoben, 60.000 Überlebende können Anspruch auf Entschädigung erheben.

Es sind viele Zahlen, hinter denen sich aber immer fürchterliche Einzelschicksale verbergen, wie das von Andrew Collins. "Ich wurde im Alter von sieben bis 14 Jahren von vier Tätern missbraucht, zwei waren Lehrer, einer war katholischer Priester, einer ein Ordensbruder", sagt Collins im BBC-Interview.

Traumatische Erfahrungen wieder durchleben

Es war eine der größten Untersuchungen dieser Art weltweit; mehr als 15.000 Menschen haben sich wie Collins bei der Kommission gemeldet und von ihren Erlebnissen berichtet, manche zum ersten Mal. "Für viele Überlebende bedeutete das, dass sie traumatische Erfahrungen wieder durchleben mussten, die sie tief verletzt haben", so der Leiter Peter McClella. "Viele sprachen davon, wie ihre Unschuld gestohlen wurde, wie sie ihre Kindheit verloren, wie ihre Erziehung und ihre Karriere zerstört wurden und ihre persönlichen Beziehungen für den Rest ihres Lebens beschädigt wurden."

Kurienkardinal George Pell | Bildquelle: dpa
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Der australische Kurienkardinal George Pell verlässt am 06.10.2017 in Melbourne, das Gericht. Wegen Missbrauchsvorwürfen soll er sich vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen vor Jahrzehnten Kinder sexuell belästigt zu haben.

Es geschah in Sportvereinen, Pfadfinderclubs, Schulen, aber eben auch immer wieder in kirchlichen Einrichtungen. Wenn die Täter diejenigen sind, die für einen selbst die Autorität darstellen, stellt das das Denken jedes Kindes auf den Kopf. "Wie die meisten Missbrauchsopfer dachte ich, ich wäre der einzige. Die Täter haben mir eingebleut, dass ich der Sünder sei, dass ich derjenige sei, der etwas Böses tut", erzählt ein Opfer.

Viele der Missbrauchsopfer in Australien haben diese Scham nicht überlebt; unzählige haben angefangen zu trinken, wurden arbeitslos, wurden einsam, weil sie unfähig waren, soziale Bindungen und Pflichten aufrechtzuerhalten. Viele brachten sich um, denn viele begegneten den Tätern immer wieder.

Schweigen aus Scham

Collins fand erst spät Trost: "Ich habe versucht, es meiner Mutter zu erzählen, aber die sagte, das sei absoluter Unsinn. Ein Mann Gottes würde so etwas nicht tun. Also wuchs ich mit der Scham auf, dass ich etwas Böses getan hatte, bis ich von anderen Opfern hörte."

Das Bild zeigt den australischen Premierminister Malcolm Turnbull auf einer Pressekonferenz in Sydney, 2017 | Bildquelle: imago/Xinhua
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Der australische Premierminister Turnbull: "Nationale Tragödie".

Vor fünf Jahren war die Untersuchungskommission eingerichtet worden, nachdem besonders schwere Missbrauchsfälle bekannt geworden waren. Die katholische Kirche entschuldigte sich heute noch einmal offiziell bei den Betroffenen für dieses Leid. Premierminister Turnbull nannte das Geschehen eine nationale Tragödie.

Genaue Zahl bleibt im Dunklen

In dem Bericht heißt es weiter: Die genaue Zahl werden wir nie wissen. Denn, so Peter McClellan: "Mehr als 4000 einzelne Einrichtungen sind uns gemeldet worden, an denen Missbrauch stattgefunden hat. Während einige geschlossen wurden, arbeiten andere weiter, und zwar mit Kindern und Jugendlichen."

Die Kommission hat 400 Empfehlungen gegeben, wie Kindesmissbrauch verhindert werden kann. Der australischen Bischofskonferenz zum Beispiel hat sie vorgeschlagen, dass der Vatikan den Zölibat freiwillig machen sollte. Auch soll das Beichtgeheimnis aufgehoben werden, dort, wo es um Kindesmissbrauch geht.

Eine Organisation "ganz klar kriminell"

Die katholische Kirche Australiens lehnte das schnell ab. Collins stellt dazu eine Frage: "Was braucht es, damit eine Organisation als kriminell gilt? Eine Organisation, in der 40 Prozent aller Mitglieder Kinder vergewaltigen und missbrauchen - ich denke, die gilt ganz klar als kriminell."

Australien: Abschlussbericht zu Kindesmissbrauch in Zehntausenden Fällen
Lena Bodewein, ARD Singapur
15.12.2017 16:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell (BR) am 15. Dezember 2017 um 16:21 Uhr.

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