Die beiden Reaktoren in Sendai | Bildquelle: AP

Japans Rückkehr zur Atomkraft Neustart ohne Comeback

Stand: 11.08.2015 03:45 Uhr

Der Schock von Fukushima sitzt tief. Dennoch ist in Japan der erste Meiler wieder hochgefahren worden - eine Renaissance der Atomkraft ist aber nicht in Sicht. Und Experten warnen vor Risiken durch den langen Stillstand, die Bevölkerung ist skeptisch.

Von Jürgen Döschner, WDR

Die Fallhöhe war enorm: Noch 2010 lieferten 54 Atomreaktoren rund ein Drittel des Stroms in Japan. Hinter den USA und Frankreich war das Inselreich die Atomstrom-Nation Nummer Drei weltweit. Es gab hochtrabende Pläne für den Ausbau der Atomkraft im eigenen Land und für den Export. Doch dann kam das große Beben vom 11. März 2011 und die dreifache Kernschmelze in Fukushima. Seitdem ist Japan fast vollständig ohne Kernenergie.

Wenn nun das Atomkraftwerk Sendai 1 ganz im Süden der Insel wieder hochgefahren wird, dann ist dies allerdings keineswegs die von Regierung und Industrie so sehr gewünschte und von manchen Beobachtern auch so genannte "Rückkehr Japans zur Atomkraft". Dafür sprechen gleich mehrere Gründe.

An erster Stelle der Widerstand in der Bevölkerung. Umfragen sehen eine Mehrheit von 70 bis 80 Prozent für einen endgültigen Atomausstieg in Japan. Besonders stark ist die Ablehnung naturgemäß an den Kraftwerks-Standorten selbst. Aber ohne die Zustimmung der lokalen Bevölkerung und Behörden dürfen die AKW nicht wieder ans Netz.

Seit Wochen protestieren immer wieder Tausende gegen Atomkraft. | Bildquelle: dpa
galerie

Angst vor einem zweiten Fukushima - der Großteil der Japaner will einen endgültigen Atomausstieg.

Bedenken bei der Erdbebensicherheit

Da nützt es wenig, wenn die Zentralregierung in Tokio sich für die Rückkehr zur Atomkraft ausspricht. Zu tief sitzt die Angst, dass sich eine Katastrophe wie die von Fukushima wiederholen könnte. Im Zentrum steht die Frage der Erdbebensicherheit. Hier werden auch von der Atomaufsicht inzwischen strengere Maßstäbe angelegt. Aber vielen Menschen reicht das nicht. Sie wollen kein Wiederanfahren der Atomkraftwerke, solange das Unglück von Fukushima nicht lückenlos aufgeklärt ist – und das kann Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern.

Japan nimmt Reaktor Sendai wieder in Betrieb
tagesschau 20:00 Uhr, 11.08.2015, Uwe Schwering, ARD Tokio

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Technische Risiken nach Stillstand

Das Hochfahren von Reaktoren nach bis zu vier Jahren Stillstand birgt zudem viele neu Risiken, warnen Experten. Dutzende eingemottete Atomkraftwerke nach vier Jahren Stillstand wieder in Betrieb zu nehmen, das sei ein in dieser Dimension weltweit einzigartiges Experiment, schreibt etwa der Wirtschaftsdienst "Bloomberg". Man könnte es mit dem Versuch vergleichen, mit einem 30 Jahre alten Auto, das jahrelang ungenutzt in der Garage stand, in den Urlaub zu fahren.

Zwar hat es auch im AKW Sendai jede Menge Sicherheits-Checks und Tests gegeben, doch niemand kann genau wissen, wie Rohre, Pumpen oder Dichtungen nach so langer Zeit auf Belastung reagieren. Ganz abgesehen von dem Personal, das genauso lange keine praktischen Erfahrungen im Betreiben eines Atomkraftwerkes mehr hat. 

Wirtschaftliche Bedenken

Gegen ein Comeback der Atomkraft in Japan sprechen auch wirtschaftliche Argumente. TEPCO zum Beispiel, der Betreiber des AKW Fukushima, ist inzwischen bankrott und wird nur mit Staatsgeldern in Milliardenhöhe am Leben erhalten. Andere Konzerne stöhnen unter der finanziellen Last des Stillstands der Atomkraftwerke und den hohen Kosten für die Ersatzenergie aus Gas oder Kohle, die sie nicht voll an die Verbraucher weitergeben dürfen.

Konkurrenz durch erneuerbare Energien

Hinzu kommen Forderungen der japanischen Atomaufsicht zur Nachrüstung der Sicherheitstechnik, die in Einzelfällen in die Milliarden gehen. Zudem gibt es ohnehin bereits wachsende Erfolge bei der Energieeffizienz: Japan hat seit Fukushima seinen Stromverbrauch um mehr als 20 Prozent verringert und die  Konkurrenz durch erneuerbare Energien macht den Atomkonzernen das Leben zusätzlich schwer.

Nur noch 25 statt 54 Atomkraftwerke?

Auch wenn in diesen Tagen die beiden Atomreaktoren Sendai 1 und 2 wieder hochgefahren werden: Schon heute steht fest, dass Japan nie wieder so viel Atomstrom produzieren wie vor Fukushima. Sendai ist in diesem Jahr ein Einzelfall. Von den 54 vor der Katastrophe betriebenen Reaktoren sind bis jetzt überhaupt nur noch 43 übrig, die theoretisch je wieder ans Netz könnten - das nächste frühestens 2016.

Und eine Genehmigung für einen Neustart wurde bisher lediglich für 25 Meiler beantragt. Die hochtrabenden Ausbaupläne für die japanische Atomkraft sind längst hinfällig, genauso wie das ambitionierte Projekt, Japan zur global führenden Exportnation für Atomkraftwerke zu machen

Japans Rückkehr zur Atomkraft
J. Döschner, WDR
11.08.2015 04:26 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Eine Zäsur mit symbolischem Wert

Sendai ist durchaus eine Zäsur - aber vor allem mit symbolischem Wert. Ein Comeback oder eine Renaissance der Atomkraft wird dadurch keineswegs eingeläutet. Es ist wohl eher das letzte Aufbäumen einer Branche, deren Ende angesichts politischer, wirtschaftlicher und technischer Probleme in Japan und weltweit absehbar ist.

1/46

Beben, Tsunami, Super-GAU: Chronologie der Katastrophen (11.03.-15.04.2011)

Chronologie der Katastrophen in Japan (11. März bis 15. April 2011)

Tsunami

11. März: Das stärkste jemals gemessene Erdbeben in Japan mit einer Stärke von 9,0 erschüttert die Nordostküste des Landes. Kurz nach dem Beben erreicht eine bis zu zehn Meter hohe Tsunami-Welle die Küste. Das Bild ist bei Minamisoma in der Präfektur Fukushima aufgenommen worden. | Bildquelle: AFP

Darstellung: