die ecuadorische Botschaft in London | Bildquelle: AFP

WikiLeaks-Gründer in London Der Fall Julian Assange

Stand: 05.02.2016 11:21 Uhr

Seit mehr als dreieinhalb Jahren lebt WikiLeaks-Gründer Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London. Verließe er sie, würden britische Polizisten ihn festnehmen. Doch warum und wie kam es zu dem Aufenthalt? Eine Chronologie.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Julian Assange wird sein selbstgewähltes Asyl in der ecuadorianischen Botschaft in London heute womöglich nicht verlassen und sich auch nicht von der britischen Polizei verhaften lassen. Denn dies wollte der WikiLeaks-Gründer nur dann tun, wenn eine UN-Prüfkommission in seinem Fall gegen ihn entscheidet. Doch die Experten bewerten das Vorgehen der Behörden gegen Assange ähnlich wie er selbst: als "Willkür". Damit steigt der Druck auf die Regierungen in London und Stockholm. Schweden fordert Assanges Auslieferung, um ihn zu Vergewaltigungsvorwürfen zu befragen. Eine Chronologie seines bisherigen Lebens in der Botschaft:

20. Juni 2012:

Julian Assange flüchtet sich in die Botschaft von Ecuador in London, nachdem das oberste britische Gericht seinen Einspruch gegen die Auslieferung an Schweden in letzter Instanz abgewiesen hat. Vom Fenster des Gebäudes im Stadtteil Knightsbridge aus winkt Assange den wartenden Medien zu. Sein Anwalt sagt kurz danach, der gebürtige Australier sei gut drauf und die Mitarbeiter der Botschaft seien sehr nett.

August 2012:

Diplomatisch knirscht es zwischen Großbritannien und Ecuador, weil das Land Assange schließlich Asyl gewährt. Vom Balkon der Botschaft aus spricht der WikiLeaks-Gründer zu seinen Anhängern - und sieht nicht nur die Enthüllungsplattform, sondern die Meinungsfreiheit überhaupt bedroht.

Juni 2013:

Assange fürchtet weiter, von Schweden in die USA ausgeliefert zu werden. Dort ermitteln die Behörden wegen der Veröffentlichung geheimer US-Dokumente gegen ihn. Als der ecuadorianische Außenminister in seine eigene Botschaft in London kommt, gibt Assange den Gastgeber.

Juni 2014:

Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Fernseher, ein Laptop und ein Trimmrad: So ist Assanges kleines Zimmer in der Botschaft ausgestattet. Im Interview mit dem ARD-Studio London schildert er, dass seine Gesundheit leidet: "Körperlich ist es für mich schwieriger als für manch' andere Gefangene. Ich kriege kein Sonnenlicht ab und habe kaum Platz, um Sport zu treiben."

August 2014:

Wohl in der Hoffnung auf eine politische Lösung lädt Assange die Medien ein - und verkündet überraschend: "Ich bin sicher, ich werde die Botschaft schon bald verlassen." Die Aufregung ist groß, die Kameras positionieren sich. Doch es passiert nichts. Das schwedische Auslieferungsersuchen bleibt bestehen, der europäische Haftbefehl in Kraft.

August 2015:

Die schwedischen Ermittler untersuchen nicht länger den Vorwurf der sexuellen Belästigung, weil dieser verjährt ist. An der rechtlichen Situation Assanges ändert sich dadurch aber nichts. Die Staatsanwaltschaft will ihn auch zum Vorwurf der Vergewaltigung befragen - und der verjährt erst 2020. Sein Anwalt sagt damals: "Wenn er die Botschaft verlassen würde, dann würde er sein politisches Asyl verlieren und riskieren, in die USA ausgeliefert zu werden. Wenn das Risiko nicht mehr bestünde, würde er sofort nach Schweden kommen."

Oktober 2015:

Die MetPolice zieht ihre uniformierten Polizisten vor der Botschaft ab. Ihr Einsatz kostet den britischen Steuerzahler mehr als zehn Millionen Euro.

Januar 2016:

Die Regierungen Schwedens und Ecuadors verhandeln darüber, ob und wie die Ermittler Assange in der Botschaft vernehmen können.

4. Februar 2016:

Per Twitter kündigt Assange an, die Botschaft zu verlassen und sich den britischen Behörden zu stellen, sollte die von ihm angerufene UN-Prüfkommission zu seinen Ungunsten entscheiden. Vermutlich weiß der 44-Jährige da längst, dass dies nicht der Fall ist.

5. Februar 2016:

Eine UN-Expertengruppe bezeichnet die Festsetzung von Assange in der ecuadorianischen Botschaft als "willkürlich". Die Arbeitsgruppe über willkürliche Verhaftungen veröffentlicht ihre rechtlich unverbindliche Einschätzung und fordert von den britischen und schwedischen Behörden ein Ende des "Freiheitsentzuges" für Assange. Zudem müsse er für die erzwungene Zuflucht in der Botschaft Ecuadors seit 2012 sowie für eine zuvor erlittene Haftzeit und Hausarrest seit Dezember 2010 entschädigt werden.

Die Zukunft von Julian Assange ist so offen wie eh und je.

Chronologie des bisherigen Aufenthalts in der Botschaft
S. Pieper, ARD London
05.02.2016 09:37 Uhr

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