Ermittler am Tatort in Frankreich | Bildquelle: dpa

Terroranschlag in Saint-Quentin-Fallavier IS-Methoden erschüttern Frankreich

Stand: 26.06.2015 17:08 Uhr

Ein enthaupteter Geschäftsmann, zwei verletzte Menschen nach einer Explosion in einer Gasfabrik und mehrere Festnahmen: Frankreich ist erneut das Ziel eines Terroranschlags geworden. Einiges deutet auf einen islamistischen Hintergrund hin. Doch Täter und Opfer kannten sich.

Knapp ein halbes Jahr nach den Mordanschlägen von Paris wird Frankreich erneut von einem islamistischen Attentat erschüttert. Schauplatz der neuen Attacke: Ein Gaswerk in Saint-Quentin-Fallavier in der Nähe von Lyon. Am Morgen raste ein Mann mit dem Auto auf das Gelände und löste eine laut Augenzeugen "schwere Explosion" aus. Zwei Menschen wurden verletzt.

Doch offenbar misslang der Versuch, größeren Schaden anzurichten. Die Fabrik gehört dem US-Konzern "Air Products", der Gase für die Industrie und den medizinischen Gebrauch herstellt.

Enthaupteter Geschäftsmann

Doch dann entdeckten Polizisten eine Leiche. Am Körper des enthaupteten Mannes wurden arabische Schriftzeichen gefunden. Sein Kopf steckte laut einer französischen Lokalzeitung auf einem Zaun, der die Gasfabrik umgibt. In der Nähe des Opfers waren nach Angaben von Augenzeugen zwei schwarze Islamistenflaggen zu sehen. Bei dem Toten handelt es sich um einen Geschäftsmann aus der Umgebung.

Die Art seiner Ermordung erinnert an die Praxis der Terrormiliz "Islamischer Staat", Gefangene zu enthaupten und deren Köpfe für jedermann sichtbar zu zeigen. Dass deutet auf einen islamistischen Hintergrund hin. Doch es gibt auch Indizien für eine andere Lesart der Tat: Denn der Geschäftsmann war der Chef eines Verdächtigen, den die Polizei wenige Stunden nach der Tat festnahm: Yassin S., ein 35-Jähriger aus dem Großraum Lyon.

Eine französische Spezialeinheit | Bildquelle: AFP
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Mitglieder einer französischen Spezialeinheit

Erster Verdächtiger hat salafistischen Hintergrund

Überwältigt wurde er von einem Feuerwehrmann "mit viel Mut und Kaltblütigkeit", wie Innenminister Cazeneuve sagte. Yassin S. habe Verbindungen zur salafistischen Bewegung und sei kein Unbekannter für die französischen Behörden: 2006 war wegen seiner Radikalisierung eine Akte über ihn angelegt worden. Das Verfahren wurde 2008 jedoch nicht fortgesetzt.

Über seine Motive ist bisher nichts bekannt. Die Ermittler nahmen auch seine Ehefrau und eine weitere Person fest.

Mutmaßlich islamistische Enthauptung in Frankreich
nachtmagazin 01:16 Uhr, 27.06.2015, Ellis Fröder, ARD Paris

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Zweiter Verdächtiger festgenommen

Kurz danach der nächste Zugriff: Unweit der Fabrik nahm die Polizei einen Mann zuhause fest. Er war in Verdacht geraten, weil er am Morgen mit dem Auto in der Nähe der Fabrik herumgefahren war, berichtet ARD-Korrespondentin Ellis Fröder.

Wegen des Anschlags brach Frankreichs Präsident François Hollande seine Teilnahme am EU-Gipfel in Brüssel ab. Den Angriff nannte er einen Terroranschlag. Er sagte, die für den Anschlag verantwortlichen "Gruppen und Personen" müssten "ausradiert" werden. Regierungschef Manuel Valls ordnete verstärkte Überwachung aller potenziell gefährdeten Objekte in der Region an. Der nationale Sicherheitsrat wird am Nachmittag tagen.

Frankreich im Fokus des Terrors

Wegen seines internationalen Kampfes gegen den Terror ist Frankreich seit Jahren im Fadenkreuz von Islamisten. Anfang des Jahres hatten islamistische Terroristen in Paris Anschläge unter anderem auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" verübt. Dabei wurden inklusive der Terroristen 20 Menschen getötet.

Laut ARD-Korrespondentin Fröder veränderte sich die Lage in dem Land seitdem. Sie verwies darauf, dass für Paris immer noch die höchste Terrorwarnstufe gilt. In den vergangenen Monaten wurden mehrere islamistische Terrorpläne aufgedeckt, und es gab Festnahmen. Fröder wies darauf hin, dass es in den vergangenen Tagen Berichte über mögliche Anschlagspläne auf einen Pariser Vorortzug und die besonders bei Touristen beliebte Pariser Kirche Sacre-Coeur gab.

Lage laut de Maizière auch in Deutschland "ernst"

Für Deutschland sicherte Bundesinnenminister Thomas de Maizière dem Nachbarland Solidarität zu. Er warnte, auch in Deutschland sei die Bedrohungslage "ernst", ein Anschlag sei auch hier nicht ausgeschlossen.

Die Firma "Air Products"

Das Ziel des Terroranschlags von Frankreich war eine Fabrik des US-Unternehmens "Air Products". Das Werk liegt in der Nähe von Lyon und ist spezialisiert auf Gas- und Chemieprodukte für die Industrie. Der Standort in Saint-Quentin-Fallavier wird von den französischen Behörden als Anlage mit gefährlichen Gütern eingestuft, allerdings nicht auf der obersten Risikostufe. "Air Products" bietet Industriegase und -chemikalien sowie technisches Zubehör an und bezeichnet sich selbst als weltweit führenden Anbieter von Wasserstoff und Helium. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen weltweit mehr als 21.000 Mitarbeiter bei über 750 Produktionsstätten und ist in mehr als 50 Ländern aktiv. Kunden sind unter anderem Unternehmen aus den Bereichen Lebensmittel, Gesundheit, Energie und Verkehr.

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