Zerstörung in Aleppo | Bildquelle: AFP

Syrische Flüchtlinge Irgendwann zurück nach Aleppo

Stand: 07.12.2016 02:12 Uhr

In Syrien wird der Kampf um das strategisch wichtige Aleppo heftiger. Große Teile der Stadt sind längst zerstört. Geflüchtete Einwohner hoffen trotzdem, irgendwann zurückkehren zu können. Ein Beispiel aus dem Libanon.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, derzeit in Beirut

Die Espressomaschine faucht. Dabei hat Abu Samir gerade gar keine Gäste. Mit dem Wasserdampf säubert er Tassen und Gläser. Sein kleines Straßencafé läuft eher schlecht als recht - und Abu Samir muss eine Frau und zehn Kinder versorgen. Ausgerechnet im teuren Beirut. Hierher, in die Hauptstadt des Libanon, sind er und seine Familie geflohen - aus Aleppo, genauer gesagt aus Hulluk im Osten der Stadt.

Vor mehr als einem halben Jahr war das, bevor die Einheiten von Präsident Bashar al-Assad den Belagerungsring zuzogen. Für Abu Samir bleibt Aleppo sein Zuhause: "Meine Familie weint jeden Tag. Meine Frau und meine Kinder sagen jeden Tag, dass sie wieder zurück wollen."

Aleppo - eine symbolträchtige Stadt

Für die einen - wie für Abu Samir und seine Familie - ist Aleppo die zerstörte Heimat. Für die, die um Aleppo kämpfen, ist die Stadt ein Symbol. Ein Symbol für Vieles, sagt Ameen Qa'mouriyaa, Analytiker der libanesischen Zeitung "An-Nahar": "Aleppo war früher die Wirtschaftsmetropole Syriens - und deshalb auch politisch wichtig. Aber vor allem ist es eine sehr große Stadt, die zweitgrößte in Syrien."

Seit 2012 ist Aleppo zwischen Assad-Einheiten und den bewaffneten Oppositionsgruppen geteilt. Damit ist Aleppo die letzte Großstadt, die die Einheiten von Präsident Assad noch nicht wieder beherrschen. "Wenn Aleppo jetzt also wieder unter Kontrolle der Führung kommt, hat sie alle Zentren," so Ameen Qa'mouriyaa. "Damaskus, Aleppo, Homs, Hama, Latakia, Dara’a. Und das hieße, dass der ganze Westen Syriens fast wieder unter Kontrolle der syrischen Führung und ihrer Alliierten wäre."

Sieg in Aleppo wäre großer Vorteil für Assad-Truppen

Wer in Aleppo siegt, hat zwar noch lange nicht den Krieg gewonnen, aber einen psychologischen Vorteil. Für das Regime wäre die Eroberung Aleppos ein Trumpf für etwaige Gespräche mit der Opposition. Sollte Assad die überhaupt wollen. Denn: Erringen seine Einheiten die Kontrolle über Aleppo, dürften seine Verbände auch militärisch erstarken.

Der Kampf um Aleppo bindet jetzt noch viele Kräfte, die dann aber frei wären. Der Krieg würde aus der Stadt auf das Land verlagert - geführt um die Gebiete, die im Nord-Westen Syriens noch unter Kontrolle der bewaffneten Opposition sind.

Wie der Krieg in Syrien weitergeht, wenn erst der gesamte Westen Syriens wieder unter Kontrolle Assads steht? Das ist Kaffeesatz-Leserei. Mit anderen Worten: Es gibt zu viele Unwägbarkeiten in diesem Krieg. Wie werden die arabischen Staaten, die jetzt noch bewaffnete Gegner Assads unterstützen, weitermachen - wo doch Saudi-Arabien beispielsweise durch seine Beteiligung am Krieg im Jemen gebunden ist?

Viele offene Fragen bei den Kriegsparteien

Wie werden die Kurden in Syrien weitermachen? Die Kurden haben Gebiete erobert, die sie nicht wieder hergeben werden. Was die Türkei wiederum schwerlich akzeptiert. In Rakka sitzt der "Islamische Staat". Gegen ihn geht eine Allianz aus Kurden und arabischen Kämpfern vor - unterstützt von Kampfjets der internationalen Anti-IS-Koalition. Und wie wird die weitermachen, wenn erst Barack Obama nicht mehr US-Präsident ist?

Abu Samir klopft den Espresso-Filter aus. Ein Gast ist in das kleine Straßencafé gekommen, das Abu Samir nach seiner Flucht in Beirut eröffnete. Aber richtig froh kann den Syrer nichts mehr stimmen: "Klar hoffen wir, dass wir eines Tages zurückkehren können nach Aleppo. Und noch einmal von vorne anfangen. Das ist ein Traum. Ich habe den Schlüssel zu meinem Haus auch noch."

Die Frage ist, ob es noch steht - da in Ost-Aleppo kaum noch ein Stein auf dem anderen zu sein scheint.

Aleppo - Symbol für viele
B. Blaschke, ARD Kairo
06.12.2016 21:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 07. Dezember 2016 um 07:12 Uhr.

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