Trauerprozession in Afrin | Bildquelle: AFP

Nordsyrien Kurden rufen Assad zu Hilfe

Stand: 25.01.2018 23:53 Uhr

Seit Samstag geht die türkische Armee gegen die Kurden in Nordsyrien vor. Die Region Afrin bittet jetzt Präsident Assad um Hilfe - und fordert, dass dieser seine Armee schickt.

Angesichts der türkischen Offensive in Nordsyrien hat sich die autonome, von Kurden geführte Verwaltung der Region Afrin an die Zentralregierung in Damaskus gewandt und um Hilfe gebeten: "Wir rufen den syrischen Staat auf, seinen hoheitlichen Aufgaben in Afrin nachzukommen und seine Grenzen zur Türkei vor Angriffen der türkischen Besatzer zu beschützen - und seine Streitkräfte einzusetzen", heißt es in einem Statement der Verwaltung, das sie auf ihrer Website veröffentlichte und aus dem die Nachrichtenagentur Reuters zitiert.

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien vermieden die Kurden eine Konfrontation mit den Regierungstruppen und bauten mit der stillschweigenden Duldung von Präsident Baschar al Assad drei halbautonome Regionen im Norden des Landes auf. Arabische Rebellengruppen sehen das Vorgehen der Kurden mit Misstrauen und werfen ihnen vor, Handlanger Assads zu sein.

Die Türkei wiederum will nicht akzeptieren, dass an ihrer Südgrenze die Kurden sich ausdehnen, weswegen sie vergangenen Samstag die Offensive gestartet hat. Ob Assad der kurdischen Bitte um bewaffnete Kräfte im Norden seines Landes nachkommt, ist bislang nicht bekannt.

Stoltenberg ruft zu Mäßigung auf

Unterdessen nehmen wegen des türkischen Vorgehens in Nordsyrien in der NATO die Spannungen zu. Der Generalsekretär des Verteidigungsbündnisses, Jens Stoltenberg rief die Regierung in Ankara zu einem maßvollen Vorgehen auf. Jedes Land habe ein Recht auf Selbstverteidigung, erklärte er. Dieses Recht müsse aber "auf angemessene und maßvolle Weise" ausgeübt werden. Die Türkei sei "eine der NATO-Nationen, die am meisten unter dem Terrorismus leiden", fügte Stoltenberg hinzu.

Klar ist, dass die Offensive des Bündnispartners gegen die Kurden spätestens jetzt zu einem Thema für die gesamte NATO wird: Bundesaußenminister Sigmar Gabriel verlangte, man müsse auch innerhalb des Bündnisses über die Lage im Norden Syriens beraten. Generalsekretär Stoltenberg erklärte bislang lediglich, er habe mit dem deutschen Außenminister und mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gesprochen.

Bereits am Dienstag, bestätigen NATO-Offizielle, sei die Offensive in Nordsyrien auf einer Sitzung in Brüssel thematisiert worden.

USA sollen Truppen abziehen

Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump seinen türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdogan nach Angaben des US-Präsidialamtes in einem Telefonat aufgefordert, jegliche Aktion zu unterlassen, durch die es zu einem direkten Konflikt mit US-Soldaten kommen könnte. Die zunehmende Gewalt untergrabe gemeinsame Ziele in Syrien. Erdogan wiederum forderte Trump nach Darstellung von Außenminister Mevlüt Cavusoglu zum Rückzug der US-Truppen aus der nordsyrischen Region Manbidsch auf.

Auch zwischen der Türkei und Deutschland verschärften sich die Spannungen. Die geschäftsführende Bundesregierung will nicht mehr über die von der Türkei gewünschte Nachrüstung von Leopard-2-Panzern entscheiden. Außenminister Sigmar Gabriel erklärte, man sei sich einig, "dass wir dem Ergebnis der laufenden Koalitionsverhandlungen nicht vorgreifen und mit der Beratung von kritischen Vorhaben bis zur Neubildung einer Regierung warten".

Kurdische Exklave Afrin

Die Kleinstadt Afrin liegt im Norden Syriens. Im Laufe des Krieges war es kurdischen Einheiten gelungen, große Gebiete entlang der gesamten Länge der türkisch-syrischen Grenze einzunehmen.
Lediglich Afrin ist durch ein von Rebellen kontrolliertes Gebiet vom Rest der kurdisch kontrollierten Gebiete abgeschnitten. In der Exklave leben nach UN-Schätzungen etwa 324.000 Menschen.
Im Krieg gründeten die Kurden die drei "autonomen Kantone" Afrin, Kobane und Dschasira, die sich selbst verwalten sollten.
Die türkische Regierung hatte wiederholt gedroht, dass sie einen Kurdenstaat in Nordsyrien nicht dulden werde. Die Kurden kontrollieren grenzüberschreitend große zusammenhängende Gebiete in
der südlichen Türkei, dem Nordirak und Nordsyrien.

Mit Informationen von Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Januar 2018 um 20:00 Uhr.

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