Tabletten | Bildquelle: a (Hamann)

Medikamentenhandel in Afrika Gefälscht, gepanscht - gefragt

Stand: 27.12.2017 19:05 Uhr

Es ist die Verzweiflung, die oft die Ärmsten in Afrika zu den Choukou-Doktoren treibt: Normale Medikamente aus der Apotheke sind zu teuer, darum kaufen sie hier. Doch die billigen Arzneien schaden meist mehr als sie helfen - oft sind sie sogar tödlich.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Medizinische Versorgung ist im Tschad eine Frage des Einkommens. Weil die Armut in dem afrikanischen Staat so groß ist, sind Medikamente für viele Menschen unerschwinglich. Sie haben schlicht nicht genug Geld, um sie bezahlen. Deshalb greifen viele auf die Angebote falscher Doktoren zurück, die unter der Hand Arzneien anbieten: Billig, aber oft gefälscht und deshalb gefährlich.

Zehn Euro oder einen - für viele ausschlaggebend

Mariame Gorsou verlässt das Krankenhaus in N'Djamena, der Hauptstadt des Tschad. Auf dem Arm hat sie ihren Sohn. In der Hand ein Rezept für Medikamente, die sie in der Apotheke des Krankenhauses kaufen wollte. Ihr Sohn hat Malaria, erzählt Mariame. Sie müsse Medikamente kaufen, die ihr der Arzt im Krankenhaus verschrieben habe. Zehn Euro sollten die in der Apotheke der Klinik kosten. So viel Geld habe sie nicht, sagt die junge Mutter. Aber ihr Kind brauche die Arznei, deshalb ging sie zu einem Choukou-Doktor.

Choukou-Doktoren - so nennt man im Tschad Läden, die billig Medikamente verkaufen. Mariame sagt, bei dem Choukou-Doktor koste die Arznei für ihren Sohn nicht zehn, sondern nur einen Euro. Als sie die Medizin dann wieder dem Arzt im Krankenhaus zeigt, bekommt der einen Wutanfall und befördert die Medikamente in den Müll. Wahrscheinlich gefälscht, meint der Arzt, und damit viel zu gefährlich - wie so viele Medikamente in Afrika.

Die Mittel fördern Krankheiten, sie töten sogar

Dennoch kaufen immer mehr Menschen im Tschad bei den schwarzen Apotheken. "Alle Medikamente, die legal ins Land kommen, sind kontrolliert. Aber was auf der Straße verkauft wird, das hat zu einem Anstieg etlicher Krankheiten geführt: Nierenversagen, Hepatitis oder Bluthochdruck", sagt Masna Racksala, der Präsident des Apothekerverbandes im Tschad.

Für diejenigen, die solche Arzneien für wenig Geld kaufen und dann auch einnehmen, kann das sehr teuer werden. Entweder, weil die durch die Fälschungen ausgelösten Krankheiten behandelt werden müssen - oder, weil die Patienten sterben. "Gefälschte Malaria-Medikamente - sie töten! Gefälschte Antibiotika - sie töten!" Die eindringliche Warnung kommt von Marc Gentilini. Der Mediziner arbeitet für die Chirac-Stiftung, die seit Jahren versucht, Aufmerksamkeit für die grauenhaften Folgen gefälschter Medikamente in Afrika zu wecken.

Handel bringt mehr Geld als Drogengeschäfte

Mindestens 100.000 Menschen sterben pro Jahr in Afrika, weil sie Arzneien nahmen, die gar nicht wirken oder vergiftet waren, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Und für die Fälscher, sagt Gentilini, sei das ein riesiges Geschäft: "Dieser kriminelle Handel ist extrem rentabel: 45 mal so profitträchtig wie das Geschäft mit Drogen."

Verschiedene westafrikanische Staaten reagieren mittlerweile mit Razzien auf Märkten, auf denen Choukou-Doktoren Medikamente zweifelhafter Herkunft verkaufen. In Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste beispielsweise, gab es eine Groß-Razzia. Die Polizisten und Vertreter des Gesundheitsministeriums fanden riesige Mengen gefälschter Medikamente und verbrannten sie dann medienwirksam vor den Kameras lokaler Sender. Interpol arbeitet ebenfalls mit den Behörden afrikanischer Staaten zusammen. Aber angesichts der riesigen Mengen an gepanschten Medikamenten sagt Marc Gentilini: "Die Aktionen von Polizei- und Zollbehörden, lokal oder international mit der Unterstützung von Interpol, sind sicherlich effizient und spektakulär. Aber es sind Eintagsfliegen."

Mehr internationale Zusammenarbeit könnte helfen, ebenso wie mehr Investitionen in die Gesundheitssysteme von Staaten wie Tschad, Benin oder Burkina Faso. An der Elfenbeinküste versucht man es mit Aufklärungskampagnen. "Magic System" ist eine der prominentesten Musikgruppen im Land. Ihre Mitglieder warnen in einem TV-Spot: "Medikamente von der Straße sind tödlich."

"Was sollen wir denn machen?"

Das Problem ist nur: Die WHO sowie die Experten in den afrikanischen Staaten und in Europa sind sich einig: Das kriminelle Geschäft mit gefälschten und gepanschten Medikamenten schadet vor allem den Ärmsten. Denjenigen, die kaum Geld für Ärzte und Medizin aufbringen können.

Im Tschad, vor dem Zentral-Krankenhaus der Hauptstadt N'Djamena, sagt Sabour Assane: "Wir wollen nicht sterben, weil die Medikamente in der Apotheke zu teuer sind. Das ist doch der Grund, warum wir zu den Choukou-Doktoren gehen." Trotz aller Risiken, die damit verbunden sind, fügt der Familienvater hinzu. "Sonst sterben unsere Kinder oder wir selbst. Wenn man das Geld für die Apotheke einfach nicht hat - was sollen wir denn machen?"

Gefälschte Medikamente im Tschad
Jens Borcher, ARD Rabat
27.12.2017 15:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Dezember 2017 ab 05:05 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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