Menschen spiegeln sich in einem Spiegel auf einem Markt in Afghanistan. | Bildquelle: dpa

Afghanischer TV-Sender "Tolo News" Arbeiten im Schatten des Terrors

Stand: 23.02.2017 15:53 Uhr

Anfang 2016 kommen Journalisten des afghanischen Senders "Tolo News" durch einen Anschlag ums Leben. Die Berichte über den Terror im Land waren und sind vielen ein Dorn im Auge. Die Trauer in der Redaktion ist groß, aber auch der Wille, weiterzumachen.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Wie berichtet man über einen Terroranschlag, der einem selbst gegolten hat?

Es war Ende Januar 2016. Ein Selbstmordattentäter rammte in der afghanischen Hauptstadt Kabul einen Kleinbus, der Mitarbeiter des größten privaten Nachrichtensenders des Landes, "Tolo News", nach Hause bringen sollte. Acht Menschen wurden getötet. Drei Tage lang blendeten die Regisseure des Senders die Fotos der Opfer ein und unterlegten sie mit Trauermusik.

"Wir haben den Afghanen zeigen wollen, dass diese Menschen nicht bloß Zahlen in einer Opferstatistik sind", erinnert sich Lotfullah Najafizada. Er ist Chefredakteur von "Tolo News". Sein Arbeitsplatz ist schwer gesichert. Wer zu Tolo will, muss mehrere Sicherheitskontrollen passieren. Sprengschutzmauern bieten weiteren Schutz. "Wenn unsere Leute rausgehen, dann wissen sie, dass sie vielleicht verfolgt werden, dass sie in einen Hinterhalt geraten können - in Kabul und noch viel eher auf dem Land. Wir haben eine Sicherheits-Checkliste, aber bei so vielen Drohungen hilft die auch nur bedingt", sagt Lotfullah.

Das Motto trotz Trauer: Weitermachen

Aus Sicht des Chefredakteurs griffen die Taliban den Bus mit den Mitarbeitern an, weil ihnen die Berichterstattung des Fernsehsenders über die Lage in Kundus in Nordafghanistan nicht gefiel. "Einige haben danach gekündigt, weil ihre Familien sie vor lauter Angst darum gebeten hatten. Aber die meisten sagten sich: Wir müssen weitermachen, und zwar genauso professionell wie vorher auch", berichtet Lotfullah.

Der "Tolo News"-Chefredakteur  Lotfullah Najafizada | Bildquelle: AFP
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Der "Tolo News"-Chefredakteur Lotfullah Najafizada

Acht Monate nach den Ereignissen und nach intensiver Aufarbeitung der Folgen des Anschlags habe er selbst zunächst einmal eine Pause gebraucht und sei für zwei Monate zu einer Fortbildung in die USA gereist. "Vorher hatten wir eine Mitarbeiterversammlung. Ich sagte den Leuten: 'Bis ich zurück bin, lasst ihr die Frontberichterstattung aus den Provinzen sein.' Aber es dauerte keine Woche, da waren die Reporter wieder ausgeschwärmt, bis in die gefährlichsten Distrikte in Kundus." Der Chefredakteur habe eingreifen wollen, "doch unsere Ältesten im Sender sagten: 'Lass' sie machen'."

Mehr als "Helden der Pressefreiheit"

An der Wand in Lotfullahs Büro hängen "Tolo"-Plakate. Aus Mikrofonständern, Radio-Aufnahmegeräten und Kamerateilen haben sie ein Gewehr geformt. Weltweit gab es Unterstützung für "Tolo News". Lotfullah nahm mehrere internationale Auszeichnungen entgegen: Unter anderem wurden er und seine Mitarbeiter von den "Reportern ohne Grenzen" in Paris zu "Helden der Pressefreiheit" gekürt.

Marzia Hafizi ist aber mehr als eine Kämpferin für Pressefreiheit. Die Moderatorin hat ihre Sendung gerade beendet: Kämpfe in Südafghanistan, ein Skandal um den Vizepräsidenten, der angeblich einen Widersacher misshandeln ließ und zum Schluss noch etwas Seichtes - Winterimpressionen. Das waren ihre Themen. Aber wenn Marzia das Hochsicherheitsgelände verlässt, schlägt ihr nicht nur von den Taliban Verachtung entgegen.

Die "Tolo News"-Moderatorin Marzia Hafizi
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Die "Tolo News"-Moderatorin Marzia Hafizi will Vorbild sein.

"Viele Menschen aus dem Umfeld meiner Familie lehnen meine Arbeit ab. Meine Familie immerhin unterstützt mich. Aber ich erhalte regelmäßig Morddrohungen. Menschen beschimpfen mich als Prostituierte. Aber ich höre nicht auf sie. Das sind vulgäre Menschen. Ich sage mir immer: Ich will nicht aufgeben", sagt die 25-Jährige.

Nicht nur Taliban drohen mit Gewalt

Marzia moderiert täglich eine Nachrichtensendung auf Pashtu, eine der Landessprachen, und manchmal auch eine Talkshow. Sie hat Journalismus in Kabul studiert, dann beim Radio gearbeitet und sich vor zwei Jahren erfolgreich auf einen Job bei Tolo beworben. "Ich möchte ein Vorbild für meine jüngere Schwester und für andere junge Frauen sein. Ich möchte allen zeigen, was wir Frauen erreichen können. Auch in Afghanistan!"

Marzia und ihre Kolleginnen und Kollegen haben viele Gegner, nicht nur die Taliban. Auch Politiker, Kriminelle oder Geschäftsleute schrecken vor Gewalt nicht zurück. Das afghanische Komitee zur Sicherheit (AJSC) von Journalisten zählte 2016 mehr als hundert Angriffe gegen Medienleute in Afghanistan. 13 Menschen starben, darunter auch ein amerikanischer Reporter.

Die Bedrohung einfach ausblenden, das ist für Chefredakteur Lotfullah unmöglich: "Ich weiß nicht, ob es noch schlimmer kommen kann. Aber wenn wir selbst nach einem solchen Angriff wie vor einem Jahr weitermachen wie vorher, ist das doch ein eindeutiges Statement."

Nach dem Interview macht sich Lotfullah auf den Heimweg. Ein gepanzertes Auto wartet bereits am Ausgang. Mehrere schwer bewaffnete Soldaten geben ihm Begleitschutz.

Afghanistan - Wie der TV-Sender TOLOnews dem Terror trotzt
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
23.02.2017 14:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 23. Februar 2017 um 07:51 Uhr

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