Nach dem blutigsten Anschlag der vergangenen Monate in Kabul werden die Opfer zu Grabe getragen. | Bildquelle: REUTERS

Anschlag in Kabul "Nichtsnutze in der Regierung"

Stand: 01.06.2017 16:12 Uhr

Mindestens 90 Tote und mehr als 400 Verletzte: Einen Tag nach dem Anschlag herrscht in Kabul Trauer, aber auch Wut und Verzweiflung. Denn die Gewalt in der afghanischen Hauptstadt eskaliert immer weiter, die Behörden scheinen machtlos.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Kabuler Ladenbesitzer kehren die Scherben zusammen. Ihre Geschäfte liegen in Trümmern. Viel schwerer aber wiege die zerrüttete Seele, sagt Geschäftsmann Najibullah Jan: "Jeden Morgen, wenn ich mein Haus verlasse, weiß ich nicht, ob ich wieder lebend dorthin zurückkehren kann. Ich mache mir große Sorgen, einmal darum, ob meiner Familie etwas zustößt - auch, weil unser Land immer unsicherer wird."

Viele Anschläge seit NATO-Rückzug

Seitdem die NATO-Truppen in großer Zahl aus dem Land abgerückt sind, gibt es mehr Anschläge, mehr Tote, mehr Verletzte. Allein in diesem Jahr haben die Hauptstädter schon viel Grausames erleiden müssen.

Terroristen, als Ärzte und Pfleger getarnt, die sieben Stunden in einem Krankenhaus um sich schossen und Handgranaten in Patientenbetten warfen. Ein Angriff auf einen NATO-Konvoi mitten im Berufsverkehr. Ein Selbstmordattentäter vor einem Gericht.

Und gestern der bislang blutigste Angriff im Jahr 2017. Der Ladenbesitzer Ennayatulah Mohammadi macht die Regierung für die instabile Lage verantwortlich: "Wir fordern von unseren Politikern, dass sie unser Land sicher machen. Wenn sie das nicht hinbekommen, müssen sie gehen. Es muss doch jemand an der Macht sein, der dem Land auch hilft und dient. Gerade jetzt, trauern Tausende Menschen hier - warum und wie lange müssen wir diese Unsicherheit hier noch ertragen?"

Brutales Netzwerk offenbar verantwortlich

Bislang hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Der afghanische Geheimdienst sagt nun, das Hakkani-Netzwerk stecke dahinter und sei vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt worden. Dieses Netzwerk geht besonders brutal vor und arbeitet eng mit den radikalislamischen Taliban zusammen. Beweise legte der afghanische Geheimdienst für seine These nicht vor. Die Taliban sagen, sie seien es nicht gewesen.

Für den Schuhmacher Gulam Sakhi spielt es keine Rolle, wer den Anschlag verübt hat. Er will einfach nur, dass seine Stadt und sein Land endlich mal zur Ruhe kommen: "Was um Gottes Willen passiert hier eigentlich in unserem Land? Es vergehen kaum noch Tage ohne Anschläge oder Zwischenfälle. Diese Nichtsnutze in der Regierung zerstören die Menschen hier. Ein Afghane verlässt am Morgen sein Haus, um Brot für seine Kinder zu besorgen, stattdessen wird am Abend sein toter Körper bei der Familie abgeliefert."

Immer häufiger Kinder unter Toten

Einige Opfer des gestrigen Anschlags werden vielleicht niemals gefunden werden, sagte der afghanische Gesundheitsminister. Die Explosion habe viele Menschen in kleine Stücke gerissen, die Leichen seien kaum zu identifizieren.

Seit 2009 registrieren die Vereinten Nationen die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan. Der Bericht für das Jahr 2016 belegt, dass es noch nie so viele Tote und Verletzte gegeben hat. Anschläge und Gefechte nahmen im vergangenen Jahr zu, sagte der Vertreter der Vereinten Nationen in Afghanistan Anfang des Jahres in Kabul: "Ich bin besonders darüber bestürzt, dass die Opferzahl der Kinder so alarmierend angestiegen ist. Tausende Zivilisten in Afghanistan zu töten oder zu verstümmeln, ist zutiefst erschütternd und weitgehend vermeidbar."

Mehr als 3500 Kinder sind dem Krieg und Terror im vergangenen Jahr zum Opfer gefallen.

Aufräumen und Angst in Kabul
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
01.06.2017 14:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio am 01. Juni 2017 um 13:10 Uhr.

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