Anschlag in Lashkargah City (Helmand Provinz) im November

Bericht über Afghanistan Mehr als 10.000 zivile Opfer

Stand: 15.02.2018 10:11 Uhr

Ein neuer Bericht zu zivilen Opfern des Afghanistan-Krieges macht deutlich: Die Zahl der Toten und Verletzten ist 2017 gesunken - doch die Gefahr tödlicher Selbstmordanschläge wächst.

Im Krieg gegen die radikalislamischen Taliban und die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sind in Afghanistan das vierte Jahr in Folge mehr als 10.000 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Allerdings sank die Gesamtzahl der Opfer im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent auf 10.453 - das sind 3438 Tote sowie 7015 Verletzte.

Dies geht aus dem Jahresbericht der Vereinten Nationen hervor. Demnach sind die Opferzahlen vor allem deshalb zurückgegangen, weil die afghanische Armee besser auf Zivilisten Rücksicht nehme und nicht mehr mehr willkürlich schwer steuerbare Geschosse in dicht besiedelte Gebiete feuere.

Mehr als 10000 zivile Opfer in Afghanistan in 2017
tagesschau24 11:00 Uhr, 15.02.2018, Markus Spieker, ARD Neu Delhi

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Viele Frauen und Kinder unter den Opfern

"Dass wir 2017 weniger zivile Opfer gesehen haben, liegt auch einfach daran, dass die Taliban ihre Herrschaft über bestimmte Gebiete konsolidiert haben. Wo sie Gegenden voll kontrollieren, gibt es eben keine Kämpfe mehr", sagte ein UN-Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

In dem 75 Seiten langen Bericht heißt es weiter, dass es unter den Opfern weiterhin viele Frauen und Kinder gebe. Mehr als 4400 wurden 2017 getötet oder verletzt. Damit machen Frauen und Kinder 42 Prozent aller zivilen Opfer aus.

Taliban für 42 Prozent der Opfer verantwortlich

Den Taliban lasten die UN dabei 42 Prozent aller Opfer an, dem IS zehn Prozent, 16 Prozent den afghanischen Sicherheitskräften und zwei Prozent dem internationalen Militär im Land. Der Rest sei nicht unmittelbar zuzuordnen gewesen.

Die UN warnen allerdings, dass sie vermutlich "unterberichten" - das heißt, die tatsächlichen Opferzahlen dürften weitaus höher sein. Die Menschenrechtsabteilung der UN in Afghanistan benötigt für jedes offiziell registrierte Opfer drei unabhängige Quellen. Diese sind aber in den zunehmend umkämpften Provinzen mit immer weniger UN-Beobachtern im Feld kaum noch zu bekommen. Außerdem wachsen die Regionen unter Taliban-Kontrolle - und damit auch die blinden Flecken der Beobachter. Das US-Militär sagt, dass die Taliban mittlerweile rund 13 Prozent des Landes "kontrollieren oder beeinflussen". Andere Quellen gehen von weit höheren Zahlen aus.

Besonders besorgniserregend finden die Autoren den Anstieg an Opfern von Selbstmord- und anderen Anschlägen. Diese hätten im vergangenen Jahr mehr als ein Fünftel (22 Prozent) aller zivilen Opfer des Krieges verursacht - 17 Prozent mehr als 2016.

Ein Bewohner eines Rot-Kreuz-Heimes für Kriegsopfer in Kabul. | Bildquelle: AFP
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Jedes Jahr werden im Afghanistan-Konflikt Tausende Menschen verletzt.

Kabul im Brennpunkt

Die afghanische Hauptstadt Kabul bleibt weiter im Brennpunkt. Einige deutsche Politiker bezeichneten die Stadt im Zusammenhang mit den umstrittenen Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern 2017 als sicher.

Aus dem UN-Bericht geht nun hervor, dass die Taliban und der IS mit Selbstmordattentaten und anderen Angriffen 2017 in Kabul knapp 500 Zivilisten getötet und mehr als 1200 verletzt haben. Damit verzeichnete die Hauptstadt etwa jedes sechste zivile Opfer (16 Prozent). Für den schwersten Anschlag mit rund 2000 Kilogramm Sprengstoff* vor der deutschen Botschaft im Mai 2017 meldeten die UN nun offiziell 92 Tote und 491 Verletzte.

Mehr Opfer nach Luftangriffen

Die Vereinten Nationen verzeichneten außerdem einen Anstieg der zivilen Opfer nach Luftangriffen um sieben Prozent. Die USA weiteten beispielsweise 2017 ihre Luftangriffe gegen Taliban und IS massiv aus - auf mehr als 2000 im ganzen Jahr (2016: knapp 1000). Zwar befindet sich die afghanische Luftwaffe noch im Training, aber sie schießt schon. Für 2018 wird nicht erwartet, dass die Opferzahlen weiter zurückgehen.

Afghanische Sicherheitskräfte inspizieren den Ort eines Selbstmordanschlags. | Bildquelle: AFP
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Afghanische Sicherheitskräfte inspizieren den Ort eines Selbstmordanschlags.

"Mit Trumps neuer Afghanistanstrategie, mehr Soldaten im Land, viel mehr Luftangriffen und scharfer Rhetorik gegen die Taliban sehen wir gerade eine Eskalierung, keine Beruhigung der Lage", sagt ein westlicher Diplomat in Kabul, der sich seit Jahren mit den Konflikten in Afghanistan beschäftigt. Beide Seiten, die Taliban als auch die USA, setzten nun auf "theatralische Gewalt". "Die USA fliegen für Luftangriffe mit den B-52 die größten Bomber, die sie haben, und die Taliban füllen Ambulanzen mit Sprengstoff", sagte der Experte. "Wenn sich das fortsetzt, sehen wir 2018 neue Rekorde von Zivilopfern."

Die ersten Anzeichen dafür sind schon sichtbar: Im Januar hatten Taliban und IS allein in Kabul vier Anschläge mit rund 150 Toten verübt - unter anderem einen Selbstmordanschlag mit einem als Ambulanz angemalten Wagen in der Stadtmitte und eine 17 Stunden lange Schießerei in einem großen Hotel.

*Anmerkung der Redaktion: Zuerst stand hier 2000 Tonnen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. Februar 2018 um 11:00 Uhr.

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