Bombardierte Klinik von "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus | Bildquelle: dpa

US-Luftangriff in Kundus Möglicherweise ein Kollateralschaden

Stand: 03.10.2015 16:18 Uhr

Der US-Luftwaffe sollen die Koordinaten des Krankenhauses in Kundus bekannt gewesen sein. Dennoch bombardierte sie das Gebäude. Wie konnte das passieren? Von einem möglichen Kollateralschaden spricht das US-Militär.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Südasien

Immer neue, erschütternde Details über den Angriff auf das Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen kommen ans Tageslicht. Die Organisation erklärte, kurz nach Beginn des Bombardements mitten in der Nacht seien sowohl die afghanische Armee als auch die US-Armee darüber informiert worden, dass sich direkt in der Gegend, auf die die ersten Raketen abgefeuert wurden, ein Krankenhaus befinde. Trotzdem hätten die Luftangriffe noch mehr als 30 Minuten angedauert.

MSF UK Press Office @MSF_Press
#MSF condemns in the strongest possible terms the horrific bombing of its hospital in #Kunduz, which was full of staff and patients

Das Hauptgebäude der Klinik wurde dabei völlig zerstört. In einem Nebengebäude sowie in einem anderen Krankenhaus würden die überlebenden Mitarbeiter die Versorgung von Verletzten fortsetzen, so die Organisation. Die Arbeitsbedingungen waren demnach schon vor dem Luftangriff extrem, denn die Klinik war seit Tagen überfüllt. Unter den Patienten befanden sich viele Kinder.

Die US-Luftwaffe räumte ein, zum fraglichen Zeitpunkt tatsächlich Luftangriffe in Kundus durchgeführt zu haben. Es sei darum gegangen, eine Gruppe von Personen anzugreifen, die eine Gefahr für die Truppen in Kundus dargestellt hätten. Dabei habe es möglicherweise - so wörtlich - Kollateralschäden gegeben.

US-Armee bombardiert versehentlich Krankenhaus in Kundus
tagesschau 20:00 Uhr, 03.10.2015, Markus Spieker, ARD Neu-Delhi

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Der Angriff auf das Krankenhaus in Kundus

Bei dem Bombenangriff auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen (MSF) sind mindestens 19 Menschen getötet worden. Weitere 37 Menschen wurden nach Angaben der Organisation schwer verletzt. Unter den Schwerverletzten seien 19 Mitarbeiter des Krankenhauses. Die Opferzahl könne sich noch erhöhen, teilte MSF mit.

Tatsächlich wurde in der Nacht weiter gekämpft, auch heute waren nach Aussagen von Anwohnern in Kundus Schüsse zu hören. Ein junger Mann, den afghanische Soldaten verletzt aus der Stadt bringen konnten, beschwert sich: "Die Regierung soll endlich hier für Sicherheit sorgen. Die Leute verhungern langsam. Schauen Sie mich doch mal an, verdammt noch mal. Was ist denn hier eigentlich los?"

Taliban greifen immer wieder an

Die Taliban halten sich offenbar immer noch in einigen Stadtteilen versteckt und greifen die Armee immer wieder an. Rauchsäulen standen heute früh über Kundus. Auf Bildern, die ein afghanischer Kameramann machen konnte, sind zerstörte Straßenzüge und das geplünderte Büro einer ausländischen Organisation zu sehen.

In Kabul wies die Sprecherin der Menschenrechtskommission Afghanistans darauf hin, dass die Taliban in den vergangenen Tagen in Kundus ein Schreckensregime aufgebaut haben: "Das, was in Kundus während der Kämpfe passiert, sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Nach dem, was wir von unseren Mitarbeitern vor Ort hören, hat es die schlimmsten Verbrechen gegeben. Und sehr viele Menschen haben ihre Häuser verloren."

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hatte ebenfalls nach Befragungen von Einwohnern erklärt, dass die Taliban gezielt gemordet, vergewaltigt und geplündert hätten. Einen Überblick über die Ereignisse gibt es aber nicht, denn noch wird gekämpft. Die Einwohner, die fliehen konnten, trauen sich noch nicht zurück in die Stadt.

Ein Posten der afghanischen Sicherheitskräfte: Die Taliban sind aus Kundus noch nicht vertrieben. | Bildquelle: dpa
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Ein Posten der afghanischen Sicherheitskräfte: Die Taliban sind aus Kundus noch nicht vertrieben.

Neue Details über Angriff auf Krankenhaus in Kundus
Jürgen Webermann, ARD Neu-Dehli
03.10.2015 16:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Oktober 2015 um 20:00 Uhr.

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