Bombardierte Klinik von "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus | Bildquelle: dpa

Mutmaßlicher US-Luftangriff in Kundus Angriff auf die letzte Klinik

Stand: 03.10.2015 13:52 Uhr

Die Klinik in Kundus, die in der Nacht wohl durch US-Maschinen angegriffen wurde, war die letzte im Ort, die noch halbwegs geregelt funktionierte. Die Mediziner hatten dort tagelang Verletzte operiert. Die US-Armee nennt den Vorfall einen möglichen "Kollateralschaden".

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Südasien

Um kurz nach zwei Uhr in der Nacht griffen mutmaßlich US-Maschinen Ziele in Kundus an, und offenbar hatte ihnen jemand falsche Koordinaten durchgegeben. Denn sie trafen das Krankenhaus der Organisation "Ärzte ohne Grenzen", eine Klinik, die auch der US-Armee seit Jahren sehr bekannt ist.

MSF UK Press Office @MSF_Press
#MSF condemns in the strongest possible terms the horrific bombing of its hospital in #Kunduz, which was full of staff and patients

Das Gebäude wurde völlig zerstört und brannte aus. Viele Ärzte, Pfleger und Patienten werden vermisst. Einigen gelang es laut Augenzeugen, sich ins Freie zu retten. Zum Zeitpunkt des Angriffs hielten sich laut "Ärzte ohne Grenzen" fast 200 Menschen in der Klinik auf, die seit Tagen überfüllt ist mit verletzten Zivilisten, darunter viele Kinder. Das Krankenhaus verfügt normalerweise über rund 100 Betten.

Der Angriff auf das Krankenhaus in Kundus

Bei dem Bombenangriff auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen (MSF) sind mindestens 19 Menschen getötet worden. Weitere 37 Menschen wurden nach Angaben der Organisation schwer verletzt. Unter den Schwerverletzten seien 19 Mitarbeiter des Krankenhauses. Die Opferzahl könne sich noch erhöhen, teilte MSF mit.

Mitarbeiter des Krankenhauses behandelten nach dem Luftschlag viele Verletzte, notdürftig und unter unzumutbaren Bedingungen in den Räumen des städtischen Krankenhaus von Kundus, wie es heißt. Aber von außen scheint derzeit keine Hilfe den Stadtteil erreichen, in dem sich diese Klinik befindet. Es werde auf den Straßen gekämpft, sagt der Leiter der Gesundheitsbehörde in Kundus. Er habe sich aus dem Gebiet wieder zurück ziehen müssen.

"Wir haben nichts mehr zu essen, wir haben Angst"

Einem afghanischen Kamerateam gelang es, kurzzeitig in der Stadt zu filmen. Auf den Bildern sind verwüstete Büros einer ausländischen Hilfsorganisation zu sehen. Auf anderen die rauchenden Trümmer des Krankenhauses von "Ärzte ohne Grenzen". Ein junger Einwohner aus Kundus steht voller Angst vor seinem Haus. "Die Lage ist nicht gut. Wir trauen uns kaum heraus, weil immer wieder geschossen wird", sagt er. "Wir haben nichts mehr zu essen. Wir haben Angst.“

Bombardierte Klinik von "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus | Bildquelle: dpa
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Nach dem Luftangriff stand die Klinik in Flammen.

Die US-Armee erklärte, möglicherweise habe einer ihrer Angriffe heute Nacht - so wörtlich - Kollateralschäden verursacht. Der Vorfall werde untersucht. Gemeint war der Angriff auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen, das bisherigen Aussagen zufolge mehrfach beschossen wurde. Die Mediziner hatten dort tagelang Verletzte operiert und behandelt, langsam drohten ihnen schon die Medikamente auszugehen. Ihr Krankenhaus war das letzte in Kundus, das noch halbwegs geregelt funktioniert hatte.

Die genaue Lage des Krankenhauses sei mit GPS-Koordinaten an alle Konfliktparteien kommuniziert worden, auch an Kabul und Washington, hieß es von "Ärzte ohne Grenzen"

MSF UK Press Office @MSF_Press
MSF had informed all fighting parties of the #Kunduz hospital's GPS coordinates #Afghanistan

Die anhaltenden Kämpfe hinterlassen in der Stadt ein Bild der Verwüstung. In mehreren Stadtteilen scheinen sich Taliban-Kämpfer zu verschanzen. Die afghanische Armee hat große Probleme, die Stadt komplett zu kontrollieren. Derzeit kommt niemand hinein. Die meisten geflohenen Zivilisten trauen sich auch gar nicht mehr nach Kundus. Eine Familie, mit der auch das ARD-Hörfunkstudio Südasien in Kontakt steht, ist in eine benachbarte Provinz geflohen, in der die Taliban jetzt ebenfalls seit zwei Tagen angreifen.

Beim Versuch zu fliehen, ins Kreuzfeuer geraten

Auch in der Provinz Badachschan, durch die die Armee Verstärkung für ihre Truppen in Kundus herbei schafft, ist eine Kampfzone. Die Taliban brachten dort seit Donnerstag offenbar zwei Distrikte unter ihrer Kontrolle. Auch in der Provinz Kundus kontrollieren sie einen großen Teil des ländlichen Gebietes. So scheinen sie immer noch in der Lage zu sein, ihrerseits Kämpfer oder Nachschub in die Stadt zu bringen.

Wie viele Menschen seit dem Angriff auf Kundus am Montag gestorben sind, darüber gibt es nicht einmal ansatzweise einen Überblick. Es gibt Berichte über Zivilisten, die beim Versuch, zu fliehen, ins Kreuzfeuer geraten sind. Außerdem sollen die Taliban nicht nur geplündert, sondern auch gezielt nach Mitarbeitern der Regierung, der Armee sowie von Hilfsorganisationen gesucht haben.

Nach dem Angriff auf das Krankenhaus in Kundus
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
03.10.2015 13:50 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 03. Oktober 2015 um 14:10 Uhr auf InfoRadio

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