Feuerwehrleute in Bad Aibling | Bildquelle: AP

Zugunglück in Bad Aibling Kein Vermisster mehr in den Wracks

Stand: 10.02.2016 10:54 Uhr

Nach dem Zugunglück in Bad Aibling sind offenbar alle Insassen aus den Wracks befreit worden. Zuletzt hatten die Bergungskräfte noch nach einem Vermissten gesucht - den es nach neuesten Erkenntnissen aber gar nicht gibt. Bei dem Unglück starben zehn Menschen.

Die Polizei in Bad Aibling geht davon aus, dass sich in den Wracks der beiden verunglückten Züge keine Menschen mehr befinden. Zuletzt hatten die Rettungskräfte noch nach einem Vermissten gesucht. Nun teilte das Polizeipräsidium in Rosenheim aber mit, dass "nach neuesten kriminalpolizeilichen Ermittlungen [..] derzeit nicht mehr davon ausgegangen werden [muss], dass noch Personen vermisst werden."

Zuvor hatte es Berichte und Verwirrung über einen möglichen elften Toten gegeben. Entsprechende Meldungen wies Polizeisprecher Stefan Sonntag jedoch zurück. "Diese Meldungen sind falsch", sagte er tagesschau.de.

Suche nach der Unglücksursache beginnt
tagesschau 14:00 Uhr, 10.02.2016, Eva Frisch, BR

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Zehn Tote und 80 Verletzte

Die beiden Züge waren gestern gegen 6:45 Uhr auf einer eingleisigen Strecke im bayerischen Bad Aibling zusammengestoßen. Dabei starben nach aktuellem Stand zehn Menschen, 80 Insassen wurden verletzt, 12 von ihnen schwer. Fast 700 Rettungs- und Polizeikräfte aus der gesamten Region sowie aus Österreich waren im Einsatz, um die Opfer zu bergen. Die Bergungsarbeiten gestalten sich schwierig. Denn an die Gleise grenzt zur einen Seite ein Berghang, zur anderen Seite ein Nebenkanal des Flusses Mangfall.

Inzwischen hat mit schwerem Gerät die Bergung der Zugwracks begonnen. Dafür wurden bereits die Oberleitungen mit einem Spezialzug entfernt, um die Rettungskräfte nicht zusätzlich zu gefährden. Ein erster Spezialkran der Deutschen Bahn sei am Unfallort eingetroffen, wie das Unternehmen mitteilte. Der Kran aus Fulda habe eine Tragkraft von 160 Tonnen. Zudem gehörten fünf Module inklusive Werkstatt und Aufenthaltsmöglichkeiten für die Einsatzkräfte zu dem Gerät. Ein weiterer Kran aus Leipzig mit einer Tragkraft von 75 Tonnen steht den Angaben zufolge auf Abruf bereit.

Im Tagesverlauf will sich der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer ein Bild von der Unglücksstelle machen. Seine Partei hatte - wie auch andere Parteien - nach dem Unglück den für diesen Tag geplanten Politischen Aschermittwoch abgesagt.

Spekulationen über menschliches Versagen

Unterdessen gehen die Untersuchungen zur Unfallursache weiter. Eigentlich hätten technische Systeme den Zusammenstoß zweier Regionalzüge in Bad Aibling verhindern sollen. Dennoch rasten die beiden Züge in einer engen Kurve frontal ineinander.

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland und mehrere Nachrichtenagenturen meldeten am Abend, nach ersten Ermittlungen könnte menschliches Versagen zu dem Zusammenstoß geführt haben. Demnach könnte ein Mitarbeiter im Stellwerk das automatische Sicherheitssystem außer Kraft gesetzt haben, um einen verspäteten Meridian-Zug passieren zu lassen. Dieser Zug habe aber nicht mehr rechtzeitig einen Ausweichpunkt erreicht, was zur Kollision führte. Die Polizei bestätigte die Meldungen bislang nicht, wie ARD-Reporterin Mira Barthelmann in den tagesthemen berichtete. Die Ermittler wollten sich bislang nicht dazu äußern.

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband "Pro Bahn" räumte im nachtmagazin zwar ein, dass menschliches Versagen durchaus denkbar wäre, aber ein technischer Defekt noch nicht ausgeschlossen werden kann. Gesicherte Erkenntnisse wird vermutlich erst die Auswertung der Fahrtenschreiber geben.

Hintergrund: PZB-System zur Zugsicherung

Je schneller Züge auf einer Strecke fahren dürfen, desto höher sind die Anforderungen an zusätzliche Sicherungstechnik, die menschliche Fehler ausbügeln soll - denn auch Bremswege werden länger.

Bis Tempo 160 wird die "Punktförmige Zugbeeinflussung" (PZB) eingesetzt. Installiert ist sie nach Angaben der Deutschen Bahn, die das Schienennetz betreibt, auch auf der eingleisigen Strecke in Bayern, auf der zwei Züge frontal zusammengestoßen waren. Das System dort war erst eine Woche zuvor überprüft worden. Dabei gab es laut Bahn keine Probleme.

Bei dem PZB-System empfängt ein Gerät im Zug Signale von Magneten im Gleisbett - diese sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies auch bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst. Das System kann auch eingreifen, wenn Züge etwa in engen Kurven die Geschwindigkeit nicht wie vorgeschrieben gedrosselt haben.

Wo schneller als Tempo 160 gefahren wird, werden Fahrtdaten nicht nur punktuell, sondern ständig technisch kontrolliert. Diese "Linienzugbeeinflussung" (LZB) kann ebenfalls automatische Bremsungen auslösen.

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